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Die Gegenwart · 1867-08-09 · 32 (9.8.1867) · p. Seite 254

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
32 (9.8.1867)
Date
1867-08-09
Page
Seite 254 (sequence 6)
Language
German
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254 Dir •ccpdoatt. der Hebräer nothw endigen Ausgaben. Da die Rabbinerschulen für jeden Fall bestehen bleiben müssen, und ewünschrnSwenh ist, auch die Scholen 2. Kategorie in Odessa und Berditschew zu erhalten, so kann die Ersparniß von der Aufhebung einiger Schu׳ len 2. Kategorie und sämmtlicher Schulen 1. Kategorie etwa 130,000 Rubel betragen. Bevor jedoch diese Summe/den Hebräern erlassen werden kann, ist die Frage zu entscheiden, ob da« Ministerium der Volks« aufklärung auf diese Mittel verzichten kann unbeschadet der Pflich« ten, welche der Regierung in Betreff der Bildung der Hebräer obliegen, und ob e« berechtigt ist, durch solche Verzichtleistung sich die Möglichkeit zu nehmen, die bei Smanirung der Verordnungen vom 13. November 1844 beabsichtigten, wenngleich bislang unerfüllt'gebliebencu Zwecke zu erreichen. Ben diesem Gesichtspunkt auö kann die Frage folgendennaßen entschieden werden: Die Regierung hat nicht alle hebräischen Elementarschulen 1. Kategorie in Bausch und Bogen zu schließen, sondern es ist die Frage über Aufhebung derselben nach Zurathcziehung der lokalen Bedil^ungen und Umstände für jede Schule besonders zu entscheiden; in denjenigen Ortschaften jedoch, wo keine allgemeinen Parochialschulen bestehen, sind die Schulen I. Kategorie auch fernerhin aufrecht zu erhalten. Die Lehrmittel müssen vergrößert und die Lernenden mit allen nvthigen Schüler« fordernisscn versehen werden. Aus dem UnterrichtSprogrannn sind /die hebräischen Fächer auszuschließen nnd bloS die allgemeinen Gegenstände beizubehalten, wonach kein Grund vorlägc, daß nicht auch die christlichen Ortsbewohner ihre Kinder in diese Schulen schicken könnten. Die Hauptaufgabe besteht in der Heranziehung der Hebräer zu den allgemeinen Lehranstalten. DaS ist äugenscheinlich durch Anwendung geringer Mittel erreichbar: man braucht bloS die in Folge der Schließung einiger Schulen ersparten Geldsummen zu Stipendien für unbemittelte Hebräerknaben zu verwenden, welche fleißig und mit Erfolg die Parochialschulen besuchen. Diese Maßregel ist übrigens nicht neu. Auf Grundlage eines Allerhöchst bestätigten Beschlusses des OrganisationSkomitäS für Hebräer vom 11. Januar 1863 wird zur Ertheilung von Stipendien (im Betrage von je 25 bis M Rubel) an Hebräerknabcn, welche Kreisschulen und Gymnasien besuchen, jährlich eine Summe von 24.000 Rubeln von der Lichtsteuer abgetheilt; diese Maßregel erklärt auch zum Theil die in jüngster Zeit merkliche Vermehrung de« hebräischen Elements in den Gymnasien und Kreisschulen. Mit nicht geringem Nutzen könnte dieselbe auch auf die Elementarschulen des Ministerium« der Volksaufklärung ihre Anwendung finden, wobei der Betrag der Stipendien selbst zu verringern wäre, damit eine um so größere Anzahl von Personen an dieser Wohlthat theilnehmen könnte. Herr PostelS erachtet eine Untcrstützwig von 12 Rubeln jährlich oder 1 Rubel monatlich für hinreichend, um unbemittelte Hebräerkinder zum Schulbesuch auzuspornen. Bei Anwendung von 48,000 Rubeln könnten zu diesem Zwecke 4000 Stipendien gebildet werden — eine Zahl, welche die jährliche Ziffer der Zöglinge aller hebräischen Kronschulen zusammen genommen übersteigt. Es sind dadie Hauptideen, welche nach Ansicht des Mi« nisterium« der Bolkaustlärnng der bevorstehenden Reorganisation der hebräischen Kronschulen zu Grunde zu legen wären. Gleich« zeitig Ware e« von Nutzen, die Lhätigkeit derjenigen hebräischen Privatpensionen zu begünstigen, die auf rationellen Grundlagen errichtet sind und den Absichten der Regierung entsprechen. Litersrische Misrrilrn. Bon 8. Weyl in Frankfurt a. O. I. Der ״ewige Jude". Wie da» graue Alterthum, so ist auch daS Mittelalter reich an Sagen und Dichtungen, denen die Wissenschaft sammt und sonders ihre Aufmerksamkeit zugewendet und die sie der kritischen Forschung unterworfen, aus wel« cher für die Lern« und Wißbegierigen bald größere, bald kleinere Erfolge sind erzielt worden. In neuerer Zeit hat auch ein englischer Schriftsteller, Herr I. B. Go ul-, mit den mittelalterlichen Sagen sich beschäftigt und — neben denen vom ״Papst Johann", vom ״Siebenschläfer von Ephesus^, von ״Wilhelm Tel!" rc. re. — ganz besonders die vom ״Ewigen Juden" mit großer Ausführlichkeit behandelt. Nach Gould ist abex die Sage vom ״ewigen Inden" erst halb so alt, als die Wanderung, die dem ״ewigen Juden" zugeschrieben wird. Denn während Letzterer, — nach allgemeiner Annahme — schon seit Christi Zeiten, nimmer ruhend und rastend, durch die Welt irren soll, wird von Gould der Anfang des 10. Jahrhunderts als die Zeit angegeben, in welcher die Sage selber erst entstanden. — In der Zeitschrift ״Athenäum" wird daS qu. Werk (Gurious Mythes of the Middl Ages by J. Borring Gould) einer eingehenden Besprechung unterworfen, aus welcher zu erfahren, daß man in der Haupt« stadt GroßbrittannienS den ewigen Juden innerhalb 12 Hahre zwei Mal will gesehen haben. Zuerst soll er sich daselbst 1818 gezeigt haben. Man sah einen Mann, hohen und schlanken Wuchses, mit einem Gesichte, daS die schönsten Züge auSzeichne« ten. DaS ^Haupt, von welchem lange, schwarze Locken über die Schultern herabwallten, war unbedeckt, die Kleidung, die er trug, halb abendhalb morgenländisch. Mit beiden Händen hielt er ein großes Buch, das ein sehr alterthümlicheS Aussehen hatte und auf welches seine Blicke wie gebannt waren; denn nie hob er seine Augen in die Höhe, so wie er nie in ein Hauö eintrat, und überhaupt nie seinen Fuß rasten ließ. So sah man ihn alltäglich durch die Straßen und Platze Londons von Früh bis Abend glei« chen Schrittes wandern, und Alle, die ihm begegneten — ob Jung ob Alt — wichen ihm ehrerbietig aüs und flüsterten leise einander zu: ״DaS ist der ewige Jude!" — Wie er plötzlich gekommen, so war er plötzlich wieder verschwunden. — Doch 1830 zeigte sich der Mann von Neuem, und sein Aussehen wie sein Treiben, waren ganz so, wie 12 Jahre vorher. — (Nach dem bekannten Romane von Eugen Sue hat in den dreißiger Jahren der ״ewige Jude" auch der Hauptstadt Frank« rcichs seinen Besuch gemacht. —) II. Judas Jschariot. Ein preußischer Schulmann, Herr August Ernst, ist in Chili gewesen und hat, von dort zurückgekehrt, jene südamerikanische Republik, — das Land und da« Volk — in einem eigenen Buche") ausführlich beschrieben. Mit.ganz besonderm Interesse aber verweilt der Verfasser bei dem, was er iu Valparaiso, der Hauptstadt der Republik, von der Ausübung des katholischen Kultus (die katholische Religion ist dort die vorherrschende) gehört und gesehen. Er kann nicht genug erzählen von dem blendenden Glanz und dem überschwäng« . lichen Pomp, womit dort — namentlich an Feiertagen — die ״religiösen Funkttonen" in Scene gesetzt werden. Ihren Gipfel« Punkt indessen erreicht diese kirchliche Prachtentfaltung bei den öffentlichen Processionen, vor welchen die im katholischen ») Die Republik Lhili. Erlebnisse und Bevbachtungm daselbst. Bon August Ernst. (Berlin bei MSser und Scherl.)

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