Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 32 (9.8.1867)
- Date
- 1867-08-09
- Page
- Seite 255 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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396 Berliner Wochenschrift fftr Jüdische An gelegen hefte». Deutschland veranstalteten ganz und gar in den Hintergrund tre« teo müssen. Jede« religiöse Fest in der Hauptstadt Ehllksei ein förmliche- Volksfest, da edurch die Art und Wesse, wie eausgeführt werde, einen durch und durch volk-thümlichen Charakter anoehme. Müssen ja die Musikbanden bei solcher Ge« legenheit Profane BolkSmelodien aufspieleu, die -naben Raketen ׳׳' und Schwärmer in die Höhe dirigiren und die weiblichen Heilt» r gen, so da umhergetragen werden, die Anlegung moderner euro« päischer Frauentracht sich gefallen lasse»! — Glauben aber sollte man nicht, daß bei derartiger Aufführung auch dem Juden eine Rolle angewiesen. Und doch ist es so. Wenigstens ein Mal im Jahre muß der Jude daran, — und wenn nicht in natura, so doch io Lgura. An dem SamStage nämlich, welcher unmittelbar dem O st e r f e st e vorangeht, wird (wie der Vers, berichtet), bei Gele« grnheit der Vollziehung der AuferstehungS-Eeremonie, eine auSge« stopfte Strohpuppe in ManneSgestalt und ManneSgröße nmhergetra« r gen, die mit langem Barte versehen, in vollständig jüdische Tracht gekleidet ist und ganz und gar einen Juden darstellt. Was aber wird diesem Judenpopanz zu Theil? Er muß einen dreifachen! Tod erleiden. Er wird zuerst feierlich aufgehängt, hierauf gestei« nigt, sodann verbrannt — und die Asche endlich, unter dem don« nernden Jubelrufe ״Viva Chile!“ unter die Erde verscharrt. — Und wer wird durch jene Figur repräsentirt! Das Volk sagt es Dir, wenn Du darnach fragst. Der Mann aus Corinth ist'S, von dem die Sage geht, daß er um den Preis von 30 Silber, sekel seinen Herrn und Meister in die Gewalt des jüdischen SynhedriumS geliefert; ja, ״JudaS Jschariot ist'S, dem seiner argen Verrätherei wegen hier so arg zugesetzt wird." III. Renegaten. Ueber den ״ConfessivnSwechsel im neunzehnten Jahrhundert" hat vr. Fr. Rippold in den Gelzer« schen ״Monatsblättern", einen nicht uninteressanten Aufsatz ver« öffentlicht, welcher sich selbstverständlich auch mit den hcrvorragenden Juden und Jüdinnen beschäftigt, die im gegenwärtigen Säculo ihrem Glauben untreu wurden, um in eine der beiden christlichen Kirchen hinüberzutreten. WaS nun die letztern anbelangt, so gefällt sich der geistreiche Verfasser darin, eine förm« liche Naturgeschichte der verschiedenen Glaubensrichtungen aufzuftellen. Und warum denn nicht? Haben doch schon die Weisen des Alterthums gesagt, daß Sondern und Klassifi« cir en jede geistige Arbeit erleichtert! — In der vorliegenden Ar« beit haben wir es nun zuvörderst mit dem ״reactionären ProtestautiSmuö" zu thun. Diese Glaubensrichtung hat (nach dem Verfasser) unter dtn ״neuen Juden-Christen" (wie die jüdischer, Renegaten hier genannt werden) nicht bloS ihre Anhän« ger, sondern sogar ihre eiftigsten und begabtesten Verfechter gefunden. Wenn aber von solchen die Rede, so versteht eS sich wohl von selbst, daß dem Manne, welcher — vom Katheder, wie von der politischen Rednertribüne herab — die Wissenschaft ״rückwärts" gehen hieß, der erste Platz muß eingeräumt werden. Dies geschieht denn auch, und so haben wir Preußen natürlich die große Ehre, unsern Stahl noch vor den Holländern de Cösta und C-padosa, wie vor dem Britten Di», raeli, genannt zu sehen. Bei Letzterem wird übrigens noch Zweifel darüber ausgesprochen, ob er ״Christ" geworden; oder ob er alsolcher geboren, und nur der Abstammung nach dem ״Volke Israel" angehöre. — Als eine ganz ״besondere Kaste" im Schoße deö Protestantismus werden vom Verfasser die Inden-Missionare hingestellt. Erhält sie inSgesammt für ״gewesene" Juden und läßt durch sie — in gewiß zutreffender Weise — den ״allerschroffsten Standpunkt der Ironie" vertreten sein. Gern giebt er zu, daß ehier nicht Allen gelingt, ״sich in den Vordergrund zu stellen" — und namentlich nicht, zu der Höhe sich emporznschwingea, die besspielsweife von M'Caul (England)» Philippi (Mecklenburg) und Paula- Lass»! (Ber« lia) ist erstiegen worden. Der Zoletztgenannte muß, beiläufig bemerkt, bei dieser Gelegenheit noch da- Epitheton ,^kreozzeituag-« günstling" mit wegschleppen. — Sollte eaber in der protestan« tischen Kirche nicht noch einm höhern, geläuterten Standpunkt geben, als den bisher besprochenen? O ja! eist ver, den die ״Evangelische Kirchenzeitung" einnimmt, eist der Standpunkt ״echt evangelischer Milde", — und e» kann nicht auffallen, daß auch für diesen da» Judenthum tüchtige Repräsentanten geliefert. Als der tüchtigste aber wird — und gewiß nicht mit Unrecht — her berühmte Kirchenhistoriker Reander aufgeführt. Wenn aber bei der protestantischen Kirche, so muß natürlich r. auch bei ihrer altern Schwester die sogenannte ״reaktionäre Richtung" besonders vorgcuommen und besprochen werden. Egeschieht auch, und wir erfahren bei dieser Gelegenheit, daß in der katholischen ״ReartionStendenz" von übergetretenen Juden sogar noch Größeres (aldrüben) fei geleistet worden. Al- Beweise werden angeführt:/ Der ehemalige Schauspieler und jetzige Mönch Cohen, so wie der AbbS Ratisbonne, von welchem die Sage geht, daß er durch eigene Erscheinung der hei» ligen Jungftau sei ״belehrt und bekehrt" worden. — Im schroff-, sten Gegensätze aber zu allen Bishergenannten haben Juden auch als Vertreter der äußersten Linken, vulgo der freisin« nigsten Richtung — nach ihrem Uebertritte in eine der beiden Landeskirchen — ihre eminente Begabung zu verwerthen verstau« den. Beweis: Fanny Lewald und Heinrich Heine. — Hm! Nur diese? — Und Ludwig Börne? IV. ״Sinai und Zion". Unter diesem eigenthümlichen Titel hat ein gewisser Herr BauSmann -eine Schrift erscheinen lassen, in welcher er den ״Orientalischen Sitten und Gebräuchen" einen ganz besonder» Abschuitt widmet, — zumeist, um den Nach« weis zu führen, in wie gar vielfacher Beziehung wie Abend« länder geradezu die ״Antipoden" der morgenländischen Na« tionen bilden. — Da bei dieser Gelegenheit aber (wie eS sich von selbst versteht) auch ans Judenthum und jüdisches Wesen nicht -wenig Streiflichter fallen, so möge ein Theil der vom Verfasser so stark betonten ״Gegensätze" auch hier wiedergegeben werden.— Als ersten derselben sehen wir die Haarschur figuriren, von welcher gesagt wird, daß sie bei den Orientalen den Kopf und nicht das Kinn treffe, während bei uns im AbeNdlande in dieser Hinsicht gerade umgekehrt verfahren wird. Wirklich ״gerade umgekehrt"? — Mit dem Kopfe angefangen, wird auch beim Kopfe stehen geblieben und, wie bisher von seiner natürlichen, so nunmehr von seiner k ü n st l i ch e n Bedeckung gesprochen. Diese anlangend, so werde nämlich der Kopf von ihr entblößt: bei den Abendländern, wenn sie ihre ״Achtung",' bei den Morgenländern dagegen, wenn sie ihre ״Geringschätzung" zu erkennen geben wollen. JnS Gotteshaus eintretend behalte der Orientale den Kopf bedeckt, während er die Schuhe ablege; Hierzuland« werde dem gerade entgegengesetzt verfahren. — vom Kopfe so zu den Füßen gekommen, wird nun von diesen gesagt, daß wir mit ihnen, wenn wir reiten wollen, da» Roß zur Linken bestttgen, wogegen evon den Orientalen immer zur Rechten gethan werde. — Sie gehen, wenn sie Jemanden begegnen, zunächst der Mauer der Häuser; wir weichen einfach aus. — Sie schreiben von Recht» zu Links, wir umgekehrt; sie trauern ״weiß", wir ״schwarz"; sie bauen von oben herab (?); wir von unten her« auf; sie lassen sich da» Wasser auf die Hände gießen, wir da- -egen tauchen die Hände in- Wasser hinein, wenn sie gewaschen