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Die Gegenwart · 1867-07-26 · 30 (26.7.1867) · p. Seite 238

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
30 (26.7.1867)
Date
1867-07-26
Page
Seite 238 (sequence 6)
Language
German
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288 2)k /v der in allen Zeilen, »o e» ein Tüchtige« gilt', sich wiederholt, ein Kampf gegen Priesterchum und Hierarchie, gegm Bevorzugung einzelner Klaffen, ein Kampf dafür, daß nicht in der Seußerlich« fett allein der höhere Werth gesucht werde, sondern in der innen» religiösen Gesinnung" (S. 89). Diese« Lichtbild de« PharisSiSum« hat gewiß eine« Sern der Wahrheit in sich, aber man kann sich doch kaum der Bermuthuug erwehren, daß der bittere, höhnische Ton, mit welchem in den chrisllicheu Bekenntnißschristen, in den Evangelien und sonst von den Pharisäern geredet wird, Geiger verleitet hat, ihnen solche strahlende Eigenschaften zuzuschreiben. E« ist doch nicht zu leuguen. daß gerade dmch fie die Außenftömlnigkeit, der Formendieust, die Sophistik und da« kleinliche Wesen cultivirt, culminirt worden sind, und Geiger wird in diesem Punkte noch Mühe haben, in der theologischen und wissenschaftlichen Welt seine Ueberzeugung zur Geltung zu bringen. Besonder« aber weist er Einem Maüne, seinem Liebling, eine ideale Höhe an — Hillel! Diesen nennt er einen echten Reformator (©. 99), einen Mann, welcher den Menschen nach feiner Innerlichkeit, aber auch nach den Ansprüchen de» Leben« erkennt. Hillel ist Geiger ein Gegenbild zu Jesu«, ein Gegenbild, dem noch der Vorzug zukomme, daß er eine vollkommen geschichtliche Persönlichkeit sei. Ob aber die nüchterne Wirklichkeit de« also gefeierten Mannenicht doch etwa« ander« gewesen? Die Schüler Hillel« wenigsten» hätten dann de« Meister« Wort und Lehre schlecht verstanden und fortgepflauzt, denn wenn sie auch der Schule Schamai'« gegenüber häufig die mildere ist, so verdankt ihr die jüdische Religion doch viele Erschwerungen und Auswüchse bi« zum ungelegten Ei am Festtage. Jedenfalls war Hillel ein Kind seiner Zeit und in der allgemeinen Richtung derselben befangen, die c« ihm nicht gestattete, eine durchgreifende Verjüngung und Belebung de« Ganzen herbeizuführen, und wenn Geiger den bekannten Spruch לי 'S אם אץ אני לי u. s. w. so deutet, als hätte Hillel wenigsten« die Absicht der Verjüngung gehabt (G. 100) so ist dies» Deutung gewiß sehr frapyant und geistreich, ob aber auch richtig? laffe ich dahingestellt sein. Im Lager der christ« lichen Theologen hat gerade diese Apotheose Hillel«, diese Neben« einanderstellung desselben mit Jesu« böse- Blut gemacht und nicht dazu gedient, die Vorlesungen zu empfehlen. , 3m Juli 1867. Wechsler. -er Fasttag am S. Ab. (Schluß zu S. 222.) ' Da also der ganze Monat al« eine unglückliche Periode galt, so kainen später noch die Verordnungen hinzu, in dieser UnglückSzrit init keinem Nicht-Juden Prozeß zu führen, selbst wenn dieser schon früher begonnen; von der 4. bi« 9. Stunde de« Tage« (d. i. von 10 Uhr Morgen« bi- 3 Uhr Nachmittag«) nicht ohne Begleitung zu gehen, und kein Lehrer schlage seine Schüler während jener drei Unglückswochen. (Diese UnglückSzeit war also für die malitiösen Lehrer eine dreifach unglückliche, für deren Schüler hingegen, die glücklichste im Jahre.).' Der letzte Gaon R. Achai, dem die Vortrauer noch zu we« nig strenge schien, befahl, daß während derselben, nämlich vom 1. bi« zum 9. Nachmittag« kein Thier geschlachtet werde, welche« man auch pünktlich befolgte, jedoch nicht allenthalben. , Später dehnte man die Vortrauer gar auf ein und zw an« zig Tage rückwärts au«, (nämlich bizum ersten Fasttag), wo» durch die Bor« und Rachtrauer sich da« Gleichgewicht halten konntylc^Run gab e« damals manche hyperorthodoxr Frauen, die sich während jener giganttschen Vortrauer de« Wein« und Fleischgenuffe« eMhirllea, und die Rabbiner führte» auch diese» Gebrauch bei den Mäuueru »in, damit sie ja nicht de» Kraue»- geschlechte hierin nachstünden. Hierdurch aber glaubten jene Frauen, ' in ihren religiösen Vorrechten sich beeinträchtigt, und dchnten de«» halb gedachte Erschwerungen auch auf einen Thell der Nachtrauer, nämlich bi« Sabbat Nachmn an«, worin ihnen aber nur sehr We» uige nachgeähmt haben, daher sich auch kein allgemeiner Minhag daraus bildete. Dagegen gab e« wiederum manche scrupulv« Fromme, die während der ganzen Bortrauer täglich von Morgen« bi« Abend« fasteten. Der überauängstliche Mharil ging dann mit diesen Er» schwerungen noch weiter; indem er befahl, jeder Gold- oder Sil» ber»Bakler stelle sein Geschäft «in während dieser Trauerzeit, da jene Metalle ein» freudigen Anblick gelvähren könnten. Andere Rabbiner wellten, daß jeder Schlächter beauftragt »verde, die Schlachtmesser während dieser Trauerzeit wohl zu verwahren, und auch die« ward ein Minhag. Allein da .diese Verordnung um» gangen wurde, dehnte man die Einschränkung noch mehr au«, und verpflichtete die Schlächter, mit Eintritt der Tranerzeit ihre sämmtlichen Schlachtmesser dem Rabbiner einzuhändigen, der fie dann am Donnerstag oder Freitag (wann nämlich für den Sabbat geschlachtet werden sollte), oder auch für den Fleischbedars eine« Kranken, eine« gebotenen Freudenmahls u. s. w. verabfolgte. Dennoch aber ereignete e« sich zuweilen, daß mancher Metzger mehr al« für den Sabbat-Bedarf geschlachtet, um auch die darauf» folgende Woche seine minder scrupulö« frommen Kunden zu be» friedigen, und e« wurde daher verordnet: jeder Rabbiner habe an jenem Freitag Abend« die sämmtlichen Schlüffe! der Fleisch« bänke in Beschlag zu nehmen. Wenn man also mit der Vor- und Nachtrauer so ängstlich verfuhr, so kann e« nicht mehr bestemden, wenn wir da« Skrupulöse, welche« sich bei den Verordnungen für den Haupttrauer« tag kund giebt, fast an'« Unmögliche grenzen sehen. So befahlen Manche: an diesem Tage sitze Niemand auf seinem gewöhnlichen Platz in der Synagoge; Andere ließen da« trauernde Publikum auf der Krde sitzen; Manche hüllten auch die Gesetzrolle in ein schwarze« Tuch und legten sie dann auf die Erde; Manche bestreuten sich mit Asche, .und keiner durste den Andern grüßen. Einige ließen am Vorabend die Klagelieder de« Jeremijah lesen; Andere aber erst de« Morgen«. Manche übergingen alle im Ge« bete enchaltenen Bibel- und Talmud-Stellen, um, der talmudischen Vorschrift gemäß, auf jeden geistigen Genuß dieser Art zu ver« zichten. Später wurden die meisten dieser einzelnen Ceremonieen gesammelt und fast allenthalben eingeführt, nur daß man statt de« stühern Gebrauche«, die Gesetzrolle auf die Erde zu legen, den Vorhang der Bundeslade abzunehmen befahl. Die französischen Rabbiner verordneten später, man müffe den ganzen Tag auf der Erde sitzen (d. h. wer nicht stehen will). Aber auch die deutschen Rabbiner wollten hierin nicht zurück Blei• ben, und so trugen auch sie ihr Scherflein auf mannigfache Weise bei. So verordnete der eine, bei der Schlußmahlzeit müffe eia Ei (al« Trauerzeichen) gegessen werdm; ein Andrer fügte hinzu, daffelbe müffe.hart und kalt sein, mit Asche bestteut und auf der Erde sitzend gegessen werden. Manche erlaubten nur ein einzige« Licht in der Synagoge am Vorabend anzuzünden; der Mharil hingegen gestattete noch ein zweite« brennen zu lasten. Der bekannte polnische Rabbiner R. David (Bersaffer de« Ture-sahab) dehnte aber diese Erleichterung noch wnter an«, nämlich daß in jeder Abtheilung eia Licht brenne, indem e« Pflicht der ganzen Gemeinde sei, die Ieremiade zu

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