Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 30 (26.7.1867)
- Date
- 1867-07-26
- Page
- Seite 237 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Berliner Wochenschrift für Jüdisch« Logetegeshettr». 837 Rrrv der gesthichtllchm Entwicklung und den Gang, welch«» die« selbe genommen, zu construiren suchen. Suchen! Mehr al» ein Suche» und Bermuthen ist freilich auch dem begabtesten Forscher /nicht möglich, bei der Armuth, bei der Unsicherheit, bei der ent«, schieden einseitige» Färbung und Tendenz so vieler Dokumente und bet dem Widerspruche, in welchem diese oft zu einander ste« hen. Wir finden in diesen Dokumente» Opferdienst, Priesterthum und ein ausgeprägtes Leremonialgesetz und daun auch Aussprüche und Andeutungen, welche damit im Gegensätze stehen. Wa« lehrt das Iudeuthum? Sind Opferungsgesetze, Priesterthum auf sei« nem eigenen Boden entsprossen oder sind sie bloS geduldete Kin« der der Freurde? Geiger neigt sich zur letzteren Ansicht hin und führt unter Anderem zum Beweise dafür an, wie da, wo die Ge« bote wiederholt werden, im 5< Buch Mofis, die Borschristeu über die Opfer eiugeschrumpft sind, nur kurz aogedeutet aletwas GebränchlicheS (S, &2). Diese hingeworfene Aeußerong in« volvirt eine kritische Ansicht und Behauptung, welche noch tieferer wissenschaftlicher Begründung unterliegt. Zusammengeschrumpft? Ja Extenso finden sich die Priester« und Opfergesetze in LeviticuS. Ist die Redaktion deeinen oder deanderen Buches älter? Sieht mau von der recipirten, traditionellen Ansicht ab — und diese kommt ja bei der gauzen Geiger'scheu Fragestellung nicht in Betracht — so findet man meine- Eracht«»- im LeviticuS viele Spuren jüngeren Alter-, viele Merkmale einer spätem Zeit. Ovut. spricht noch von dem Königthume (״du kannst dir einen König wählen"), von dem Institute de» Prophetenthum», was auf eine Redaktion zur Blüthenzeit de- Königthums und de» Pro« phrtenthum» schließen läßt. In LeviticuS hingegen tritt der נשיא auf (4,22), erinnert an Ezechiels Auffassung; de» Prophetenthum» ist nicht erwähnt, desto mehr des Priesterthum-, de» gesalbten, de» hohen Priesters und ihm die wichtigste Stellung eingeräumt. Diese», so wie die ganze Detailimng de» Tempelkultus weist mei« neS Erachten» auf eine Redaktion zur Zeit de» zweiten Tempels hin, auf eine Zeit, wo die Corruption de» Opferdienstes und de» PriesterthuinS nicht inehr so vorhanden war, wie zur Zeit de» ersten Tempel», zur Zeit der Blüthe des Propheteuthum». An« der» habe ich mir bis jetzt den Widerspmch, die grelle Opposi« tion der Propheten gegen Opfer- und Priesterthum und die ge« schlichen Manifestimngen in LeviticuS nicht erklären können. Da» würde nun aber zu einem andern Ergebniß als dem der Geiger« schen Auffassung führen. Jedenfalls darf nicht vergessen werden, daß in allen historischen Büchem das Opfern, und zwar gleich auf den ersten Blättern der Genesis, vorkommt, ebenso bei der Einweihung deersten Tempel». Salomo spricht hier die höchsten Wahrheiten de» Judenthumaus und opfert tausende von Opfem. Nicht minder ist damit dem Priesterthum der Fall. Mose» ist ei» Levite, ein Priester der Wiederhersteller des Reichs oder Tempeldienstenach der Wiederkehr au» Babylon, Maleachi, ein Prophet dieser Zeit, verherrlicht den Beruf des Priesters: De» Priester» Mund soll die Sehre bewahren u. s. w. (Maleachi 2, 4 ff.). Ich meine, aus dem Allen läßt sich so viel entnehmen, daß mit den» ursprünglichen Gedanken des JudenthumS Opferdienst und Priesterthum sich nicht iin Gegensatz befunden ha» Heu, sondern daß erst später die Entwicklung und die Eorruption darüber hinau-geführt habe, sowohl zur Zeit de» ersten, wie zur Zeit de» zweiten Tempel». Dieser Zeit de» zweiten Tempels hat Geiger viele Studien gewidmet und viel Licht in diese dunkle Partie der jüdischen Gr« schichte gebracht, hat sich große Verdienste um die Erkenntniß de» Charakter«, de- Entwicklungsgänge», der ganzen Bedeutung dieser Zeit und der allmälig in ihr hervortrrtenden^ Gegensätze rrworbe». Sine Quiuteffenz seiner Forschung, deffeu, wa» er in der Urschrift in seiner Zeitschrift, in der Zeitschrift der Deuffch-Mor« genläudischen Gesellschaft und sonst veröffentlicht hat, findet sich um in den Vorlesung«!. Auch hi« und hi« noch mehr begeg« net man ein« eigevthümlicheu Auffassung, , und gerade well nur die Resultate dies« Auffasiung, nicht ihre Motivinmg, nicht die Belege vorgetrageu werden, trag«, sie oft da» Gepräge d« Ueb«. raschung. Ich knüpfe an einige Sätze an. ״Die eigentliche, uu« mittelbare Schöpfuog-kraft dn Offenbarung war seit d« Rück« kehr au» Babylou zu Ende. (S. 10.) Die Wettgeschichte ist einige Jahrhunderte träge dahiogeschlichen üb« da» neue jüdische StaatSlebeu und VoltSthum, ohne daß besondne Erfolge bemerk» bar gewesen wären (S. 74). Ich möchte diese Sätze in ihr« Nacktheit nicht unterschreiben. Die erste Zeft d« Rückkehr au» Babylon war gerade diejenige, in welch« Sehre und Gesetz Au»« druck und Einheit bekamen, zum Eigenthume de- Bolle» worden, in welcher sie sich h«au»arbeiteten au» d« Tiefe, Gestaltung, Färbung annahmen — war da» keine Schöpfung? Bi» dahin hatte man Bruchstücke, einzelne Urkunden, mündliche Uebkrliefe« rungen und Sagen, von da ab erst wurden sie vereinigt, zu einem Ganzen verbunden, wurden die Lücken ausgefüllt. Di« scheinbare Stille und Trägheit dieser Zeit rührt offenbar nur h« von unse« r« Unkeuntniß d« Vorgänge. Ab« nach allem Bermuthen muß die geistige Thätigkeit dieser Zeit groß gewesen sein, denn sie gerade «st hat da« Judenthum geschaffen. Wir wiffen freilich nicht, wie viele von den biblischen Ur«5 künden erst dies« Zeit angehören, «st in dies« Zeit ihxe Tradition, ihre jetzige Gestalt «halten haben, wir sind gewohnt, sie al» bloße Sammelzeit zu betrachten. Ab« — Sammlung und Pro« duktion, Niederschrribung und freie Ergänzung sind gar oft in je« ner alten Zeit eine- und daffelbe und d« Scheidungsprozeß ist kaum mehr vorzunehmen, wenn auch die Eonj«tur ihn häufig versucht, wie ja auch Geiger solcher Versuche gar viele gemacht, bald mit größer«, bald mit gering«er Evidenz. Und die ganze Samm« lung, um Anspruch auf Autorität zu haben, gab sich für Tradi« tion an». Nein, sie gab sich nicht blo» dafür an», sie war e» wirklich, um da- Wort nicht in seiner Starrheit, sondern in dem flüssigen aus dem Boden und d« Macht de» Leben» h«au»gewachsene» Sinne genommen. Denn da» ist ja die wahre Tradition, die da», was zuerst da» Leben geistig gestaltet, normirt und fixirt hat, festhält, sanktionirt und so zur bleibenden Geltung bringt. E» braucht uns nicht zu wundern, daß zur Zeit de» zweiten Tempels der Glaube an Tradition ein so allgemeiner, ein so tief wurzelnder war. Jepe war sich'», wahrscheinlich in der ersten Zeit noch mehr als später bewußt, daß fast Alle- Tradition, daß schriftliches, wie sogenanntes mündliche» Gesetz seinen Ursprung hätten in der geistigen Entwicklung und Ueberlieferung, daß die Aufzeichnung und Abfaffung nicht so alt sei, al» sie manchmal angirbt. Die Priester, die Schriftinänn«, ESraS an der Spitze, werden uns genannt, al» die Männer der Abfaffung, al« die Träger der Sammlung, und wie dann eine gewisse Priesteraristo« kratie sich herausgebildet hat und ihr gegenüb« eine Opposition, wie an» beiden Richtungen nach und nach die Parteien der Sad« ducän und Pharisäer entstanden sind, wie der Kampf dies« Par. teien ebenso eine sociale und politische, wie religiöse Bedeutung hatte, dahat Geiger schön beleuchtet und klar gemacht, auch in den Vorlesungen. Seine Auffaffmig aber ist wird«um nicht die landläufige, vielmehr eine neue und. herau-fordnnde. Er stellt den PharisäiSmu» auf eine fast schwindelnde Höhe. ״In Wirklichkeit waren die Pharisä« der Kern de» Bolle-, ihr Streben war die Gleichberechttgung aller Klassen, ihr Kampf rin Kampf,