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Die Gegenwart · 1867-07-26 · 30 (26.7.1867) · p. Seite 236

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
30 (26.7.1867)
Date
1867-07-26
Page
Seite 236 (sequence 4)
Language
German
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236 Die Gegenwart. Intervention der politischen LandpSbehörde in Anspruch zu nehmen. Eie drohten nicht nur mit der Zurückforderung aller von ihnen fett dem Jahre 1857 bi« jetzt zu gemeinschaftlichen Zwecken, und zwar in demselben Ausmaß wie von den Mitgliedern de« neuen Ritu« eingezahtten Beträge, welche gegenwärtig ei» sehr hübsche« Sümmchen auSmachen dürften, sondern auch mit Wiedertremmng. Der Fall beweist jedenfall«, daß auch unsere vereinigte israelitische Gemeinde in einer Beziehung dem Staate Dänemark gleicht und dieselbe leider noch immer einer tüchtigen Leitung entbehrt. Au« der Schweiz, 13. Juli. Au« dem Antwortschreiben sämmtlich« Kantone geht hervor, daß Beschränkungen de« jüdischeu Gottesdienste« in der Schweiz nicht bestehen, der Bunde«- rath giebt hiervon dem schweizerischen Bevollmächtigten in Sachen de« niederländischen Handelsvertrage« Kenntniß. (ß» war laut geworden, daß solche Beschränkungen beständen, und wurde deshalb sciten« der Niederlande eine Recherche veranlaßt, die da« obige Resultat ergab. Andernfall« hätte man da« Zustandekommen de« Vertrag« von der Wegräumong dieser Beschränkungen abhängig gemacht. Eoustantinopel. Unter dem 19. wird direct über Wien gemeldet: Die Ursache der 'zwischen Griechen und Juden in der Borstadt Galata stattgefundenen Strettigkeiten soll die griechenfeindliche Haltung der hier «-scheinenden jüdischen Zeitung sein, welche Omer Pascha« Siege verherrlichte, und die Juden aufforderte, sich mitzufreuen. Die Regierung schritt energisch ein. Seiger» Auffassung de« Iudrnthums und seiner Geschichte. Bruchstücke au- Aufzeichnungen über dessen Vorlesungen. Die letzten Nnmmern dieser Wochenschrift haben eine Eontroverse gebracht, über einen einzelne» Punkt in Geiger» Auffassung de- Judenthum«. Da« veranlaßt mich, Aufzeichnungen, welche unmittelbar nach dem Erscheinen der Vorlesungen gemacht worden sind, hervorzusuche» und Bruchstücke daran«. mit einigen jetzt «st hinzugekommenen Anfügungen zu veröffentlichen. Die Veröffentlichung, damals schon beabsichtigt, aber wegen Mangel« eine« unparteiischen Organ« verhindert, hat die Tendenz, die Aufmerksamkeit auf die Licht- und Schattenseiten der eigenthümlichen Auffassung Geiger«, seiner idealen, oft kühnen und gewagten Eonstruktion de» Judenthum«, hinzulenken und eineu Beitrag zur nnbefangenen, nicht apologetische», nicht feindliche» Beurtheiluug de« Manne» und seiner Richtung zu liefern. So viel zur Einleitung. — Zunächst handelt e» sich noch, von dem Werthe de« Inhalt« der Vorlesungen abgesehen, um ihre Berechtigung, um die Frage, ob sie zeitgemäß sind, ob den wahren Interessen de« Judenthuin« förderlich oder hinderlich. Da hört man viele Stimmen, da« Judenthum könne solche Vorlesungen, welche die Fragen und kritischeu Zweifel der Wissenschaft hinaus auf den Markt de« Leben» trage, nicht für wünschenSwerth halten; e« habe noch zu sehr mit seinem Ausbau, mit seiner inneren Entwicklung zu thun, als daß e« sich also vor der Welt manifestiren und vielleicht Blößen aufdecken, den Widerspruch herausfordern sollte. Diesen häufig gehörten Stimmen gegenüber finde ich gerade darin den Hauptwerth und da» Hauptverdienst dieser Vorlesungen, daß zum Gemeingut gemacht wird, wa« Forschung uud Wisse»- schaft herausgearbeitet haben al» Resultate, und daß auch Ansichten, welche noch nicht zu fösten Resultaten geworden, aber doch von geistreichen Gründen unt«stützt werden, in* die Arena der Oeffentlichkeit treten, und die Wid«legung herau«ford«n. Da» Judenthum gestattet freie Lehre, erträgt solch» Freiheit der Aeußeruug, e« gewinnt nur dabet und hat nie starrem Dogmatt«mu« gehuldigt. — — Allerdings, die Borlesunäm stellen oft Sätze und Behauptungen auf, welche v« Alt- und.Reuorthodoxie sehr anstößig sein könnten. Solchen Behauptungen, begegnenwir, um sogleich io mediu res hiueinzukonune«, in der dritten Vorlesung: Die Offenbarung. Versucht Geiger hi« die Lösung »er Drage: Wa« - ist Offenbarung? versucht'« mtt allem Aufwande »on Scharfsinn, von Vergleichung analog« Erscheinungen tu der Menschengeschichte, so bemerkt man zwar.^Alrch Viesen Aufwand, wie schwer die Lösung ist, wie die Antwort noch Biele«, ich möchte fast sagen, Alle« in d« Schwebe läßt. ״Im Judenthum ist eine religiöse Genialität, e« ist da« Volk der Wanderung, wir stoßen bei ihm auf einen Urgrund, auf eine Erleuchtung, die von einem höheren Geiste ausgeht, die nicht erklärt werden kann." — Gegen diese Definition läßt sich mit Recht einwenden, daß sie eben keine ist^ daß sie den alten Begriff d« Offenbarung umstößt und doch keinen neuen dafür giebt, daß sie d« Religion nicht und d« historischen und philosophischen Auffassung noch weniger genügen kann. Und wenn dann Geig« hinzusetzt: siegst nicht auein« Entwicklung zusammengesetzt, sie ist mit einem Worte al« ein Ganze« La, wie eine jegliche neue Schöpfung, die audem Urgeiste hertwrgeht — so ist man zu »« Frage berechtigt, woher « denn dq« weiß? Welche Beweismittel « dafür hat? Denn wenu da« Judenthum auch für un« jetzt dasteht al« ein Ganze«, al« eine Schöpfung, so wttd man vom Standpunkt d« Kritik doch bezweifeln dürfen, ob die ganze Er« leuchtung mit einem Male da war. ob sie nicht au« ein« allmäligen Entwicklung sich zusammengesetzt hat. Daß da« Judenthum durch und durch eine Arbeit der Entwicklung ist, daß man dem Entwicklung-Moment in allen seinen Urkunden begegnet, daweiß Geig« beff« al« ich. Wie sich nun damit diese Aeuß«ung verträgt? Vielleicht fehlt e» mir an einem richtigen Verständniß derselben. In d« vi«ten Vorlesung ist trefflich au«einand«gesetzt, waim Judenthum da- Famisienleben ist, wie darin die Ehe bettachtet wird. Geiger findet darin den Unt«schied zwischen dem Grirchenthum und dem Judenthum, daß bei den Griechen die Innigkeit in der Familie so wenig ausgeprägt ist, während diese Innigkeit und Gemüthlichkeit in den jüdischen Urkunden von An« fang an hervorttitt. Die Darstellung dieser Innigkeit ist meister- Haft. Zu weit aber geht Geiger, wenn « sagt (S. 47): Da« Judenthum lehre die Ehe deeinen Weibe« mtt ein em Manne, die Monogamie, ״wenn auch hi« und da Ausnahmen erscheinen, so sind e« eben nur Au-nahmen u. s. w." Wird ganz unbefangen erzählt, daß selbst ein Abraham, ein Jakob, eia David und andne wichtige Männer mehrere Frauen gehabt haben, ist weder in den gesetzlichen, noch prophetischen Schriften die Spur eine- Verbote« odn einer sttengen Mißbilligung der Polygamie zu finden, so wird man nur behaupten dürfen, dieselbe sei durch die Lehre gemäßigt worden, habe in der Innigkeit deehelichen Leben« eine Eonection und eiue Schranke gefunden. Dabei ׳ soll nicht in Abrede gestellt werden, daß dem tieferen Wesen de« Zudenthum» die Monogamie entspricht. Ab« zur festen Lehre hat sich die Erkruntniß nie hindurch erweitern können, selbst nicht nach dem bekannten Banne. D« Unterschied zwischen dem, wa«. da» Judenthum wirklich und ausdrücklich lehrt, und dem, wozu seine Lehre in weiterer Eonsequenz in vuoe führt, ist hier und noch öfter iu den'Vorlesungen, nicht gemacht. > Diese Eigenthümlichkeit, diese Idealität d« Geiger'schen Auffaffung tritt dann noch schärf« und schneidend« hervor in dn folgenden Vorlesungen, welche noch tief« hineingreifen in den.

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