Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 27 (5.7.1867)
- Date
- 1867-07-05
- Page
- Seite 210 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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210 Die Segaavart. zu befürchten, sondern nur ein zwar entschiedene-, aber »eise«, maßvolle» Vorgehen zu hoffen und zu erwarten. Nur der Gedanke, daß Geiger von dem großen Publikum nicht hinlänglich gekannt sei und seine Wahl deshalb von der Gemeinde vielleicht nicht richtig gewürdigt Warden könnte, mochte dahxr bei einigen überängstlichen Mitgliedern de« Repräsentanten-EollegiumS, die! doch sicherlich eben so wie׳ ihre Eollegen nur da» Wohl der Ge« meinde vertreten, ein Schwanken hervorgerufen haben. Die« Be« denke» muß aber nach so unzweideutiger Kundgebung eine» so beträchtlichen Theil» der Gemeindemitglieder sicherlich al» volltom« men beseitigt angesehen werden. 8t. Magdeburg, den 1. Juli. Daß die Gemeinden den Borwurf de- JndiffercutiSmliS der ihnen so oft — zum Ueber« druß oft — vor der Kanzel herab gemacht wird, in den meisten Fällen den Herrn Rednern zurückzugeben im vollen Rechte sind, da dieser JndifferentiSmuS nur allzuoft durch die Unthätigkeit der Rabbiner selbst entstanden, und in deren Thatenlosigkeit seine Nah« rung findet, das haben wir durch *die seit dem Amtsantritt unsere» gegenwärtigen Rabbiner» vollzogene Wandlung in unserem Ge«' meindelrben so recht zu beobachten Gelegenheit gehabt. Wie oft haben wir vor Jahren von ״geweihter Stätte" den Borwurf de» JndifferentiSmuS hören müssen, und jetzt, welch're« ge» Leben in allen ReflortS unseres Gemeindelebens unter Theil» nähme der Geuieindemitglieder! Und woher diese Erscheinung? Weil unser jetziger Rabbiner sich nicht begnügt von der Kanzel i herab zu ״donnern", sondern feinen Worten die That folgen läßt, weil er mit Ernst daran geht, daS in seiner Antrittspredigt auf« gestellte Programm zu verwirklichen. In erster Reihe steht hier die Verbefferung und Veredlung unserer gottesdienstlichen Einrich« tungen, die seit Jahren brach darniederliegen. Die AmtSvorgänger de» Herrn Rabbiners hatten in dieser Beziehung gar nichtgethan, dem Einen fehlte e» an dem bei vorzunehmenden KulttlS« änderungen durchaus nöthigeu Vertrauen der ganzen Gemeinde (man witterte in allem ״Reform"), dem Andern an dem Willen, den Bedürfnissen der Gemeinde nach dieser Seite hin Rechnung zu tragen, man gefiel sich darin, ״orthodox" zu sein, und Alle« gehen zu laffen, wie eS eben ging, bis e» gar nicht mehr ging. Nun aber tagt auf den Vorschlag und unter dem Vorsitze u»sere« Rabbiner» wöchentlich eine KultuS-Kommission, um auf diesem Gebiete die beffernde Hand anzulegen, und schon zeigt sich eine größere Betheiligung der Gemeinde an dem geregelteren Gotte», dienst. Daß, zumal in größeren und intelligenten Gemeinden, wie früher קריאת החורה, so jetzt die Predigt,den Mittelpunkt de» Gottesdienstes bildet, ja die Hauptträgerin desselben ist, ist eine anerkannte Thatsache; darum ist an Prrdigsabbathen da- Gotteshaus stet» gefüllt, — auch Prediger Uhlich ist da oft unter den Zuhörern zu bemerken. Da nächsten» einige derselben der Oeffentlichkeit übergeben werden sollen, so enthalten wir unS hier jede» Urtheil» über dieselben. Auch manchen anderen Gemeindeinstitutionen wird die vollste Auftnerksamkeit geschenkt; die Schule hat einen erhöhten Aufschwung genommen, die Schul« zimmer mußten erweitert resp. vermehrt werden. Genug» Sie sehen, daß unsere Gemeinde blo» der nöthigen Anregungen bedurfte, um auS dem Schlafe de« JndifferentiSmuS geweckt zu werden. — Für den Winter hat der Herr Rabbiner bereit» einen EhcluS von Vorlesungen auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Literatur zugesagt; auch hierfür regt sich eine große Theil« »ahme unter den Gemeindemitgliedern. Also aus allen Gebieten Lebe»! Bückeburg, 29. Juni. Nachdem der Landtag nach 18 Jahren wieder einmal zusammenbernfen ist, hat, wie die ״Ztg. f. N." meldet, die Regierung demselben eine neue LandeS«Ber» fassung zur Berathung resp. Annahme vorgelegt. Dieselbe macht da» Wahlrecht und die Wählbarkeit zum Landtage von dem Bekenntniß der christlichen Religion abhängig. AuS MrckleubMg, 24. Juni. Auf dem letzten außerordeut» lichen Landtage wurden durch dru Vertreter Rostocks, Syndikus Meyer, die durch den Erbvertrag von 1788 der Stadt Rostock gewährleisteten Rechte feierlich verwahrt gegen etwaige ״Touchi« ruugen", welche sie durch die Verfassung de-norddeutschen Bundeerleiden möchten. Zu diesen gewährleisteten Rechten gehört auch, daß in Rostock keine Juden wohnen dürfen, und ferner auch, daß fremde Juden, die de« Rostocker Pfingstmarkt, beziehen, einen ״Judenzoll" zu erlegen haben. Dieser beträgt für die in den Häusern ausstehenden J-raeliten 6 Thlr., für die in Buden aus« stehenden 3 Thlr. seiner der im diesjährigen Pfingstmarkt zum ״Iudenzoll" Herangezogenen hatte sich, wie der ״H. E." berichtet, veranlaßt gefühlt, im ״Pfingstmarktanzeiger" vom 19. Juni zu inseriren: ״Trotz Parlament und Bundesverfassung hat man hier in Rostock gestem einem HandelSmanne 6 Thlr. 38 Sch. Judenzoll abgefordert." Ob dieser Anzeige waren gestern sowohl der Handelsmann, als auch der Herausgeber de« Blatte-, Hr. Hinstorff, zur Verantwortung vor die Polizeibehörde geladen^ Jassy, 19. Juni. Gestern wurden die in erster Instanz als Vagabunden verurtheilten Juden vom Appellgericht freigesprocheu. Der Deputirte und Exminister Epuriano führte die Bertheidigung und sprach in mehrstündiger Rede über die an den Juden verüb« ten Gewaltakte unter stürmischem Beifall der Zuhörer. 0 Pest, 25. Juni. Schon vor geraumer Zeit hieß eS in allen Gauen: Die Emancipation der Israeliten in Ungarn ist bi» zur Reife gediehen; leider aber sind alle Gerüchte hierüher auS der Luft gegriffen; denn im ReichSrathe wurde bis heute noch^r nicht ernstlich über die Juden-Emancipation Berathung gepflogeck^. i Daß vjn solches Verfahren des ungarischen gesetzgebenden Körper nicht angethan ist, die Liebe und Sympachie der Juden für die Zwecke des Lande» zu gewinnen, ist leicht begreiflich. Ein hiesiges ungarische» ׳Journal will sogar gehört haben, daß die reichen J-raeliten da» Zahlen der Steuern verweigern wollen. — Li von e vero, e ben trovato. Und wenn nach dem Maß der Rechte auch die Steuern zu entrichten wären, würden sich wohl unsere Reichen am wenigsten von den ihnen zugemessenen Steuerzahlungen auszuschließen brauchen. Bei dieser Gelegenheit erlauben wir uns den verehrten Lesern der ״Gegenwart" die Meinung eine» ausgezeichneten J-raeliten über die uns bisher entzogenen Rechte hier anzuführen: Karl Akin, der bekannte ungarische Naturforscher richtet unter der Aufschrift: ״Eia Wort au da- Ministerium", in Frankenburg'S Journal 1848״" folgende Zeilen an da» k. uuga« rische Ministerium: ״Schreiber dieser Zeilen ist jene» Individuum, welche» die betreffende Sektion der ungarischen Atademie mit der Aufstellung auSzeichnete: seit seinem Auftteten könne gesagt werden, daß ״auch ein Ungar zu den einen Wendepunkt bildenden Naturwissenschaft« lichen Entdeckungen beigetragen. Obgleich e» jedoch wahr ist, daß sowohl ich selbst als auch eine ganze Reihe meiner Vorfahren in Ungarn geboren wurde, kann ich gleichwohl Ungarn nicht als mein Vaterland betrachten. Seitdem ich erwachsen hia, habe ich mich zumeist im Auslande aufgehalten; und nun einige Zeit in Pest weilend, saß ich, als in den jüngst vergange« uen Tagen der ungarische König gekrönt wurde, daheim und hätte