Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 25 (14.6.1867)
- Date
- 1867-06-14
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Dir OtgniRxct genstande hat, durch welchen so viel Unglück über seinen Bater und ihn selbst gebracht worden ist. Daß dieser Aussatz ein religiö-gesetzliche« Interesse birgt, geht au» seinM Inhalte selbst sichtlich hervor. Zugleich mag die Entscheidung ihre Folgen auch auf die Frage auSdehnen: Ob fromme Gemüther in jüdischen Verwaltungen, oder Privatperso« nen sich bewogen fühlen müffen, jüdische -eichen, welche, weil sie im vorhergehende» kranken Leben in öffentlicher Anstalt unentgeltlich gepflegt worden, der Anatomie verfallen, gegen Bezahlung aus dieser Anstalt zum jüdischen Friedhofe zu führen. r (Fertsetzuug felgt) Litenirische Aiulekte« von I. -tz«e». Die rabbinische Literatur de- Mittelalter-, gleich der Talmud« und Midrasch-Literatur von verschiedenen Autoren aus verschiedene» Zeiten und Ländern herrührend, über die verschiedenar« tigsten Materialien des menschlichen Denken- und Empfindens sich erstreckend, und doch gleichzeitig in allen ihren Theilen von einem und demselben Geiste durchweht, bietet jedem Nachdenkenden ein so mannichfalligeS und vielseitige» Jntereffe dar, daß man wohl mit Fug und Recht von einem Blatte, welches überhaupt den jü. dischen Interessen gewidmet ist, zumal wenn daffelbe in einer Stadt erscheint, welche die Ehre hat, den Herodot der jüdischen Literaturgeschichte, den Vr.Aunz, zu ihren Bewohnen! zu zählen, gelegentliche Beiträge zur Kenntniß dieser Literatur erwarten darf. Wir glauben daher den Lesern dieses Blatte» nicht ganz unwill« kommen zu sein, wenn wir denselben von Zeit zu Zeit größere oder kleinere, in jene» Literaturgebiet einschlagende Notizen zur Kenntnißnahme und Beurtheilung vorlegen, und beginnen wir heute unsere dieSfallsige Thätigkeit mit der Erklärung einiger in der rabbinischen Literatur de« Mittelalter» vorkommenden Ort«, und Personennamen, die bisher theils ungedrutet, theils mißdeu« tet worden sind. Zu den Namen dieser Art gehört: 1. מגדול und Ghetto. Unter Voransetzung de» Namen« מגדול (Thurm) werden mehrere französische, spanische, italienische, auch deutsche Städte bei verschiedenen rabbinischen Schriftstellern genannt. So heißt z. B. Lunel מנחל ׳ויו!׳'), Montpellier מגדול אלוץ*), Mor« öiebro מגדול טרביטר*), Cagliari (?) * * * 4מגדול קאליר), Sns.isheiu, 5 *מגדול אינו״ שהיים), Weißenburg מגדול וושבורק*) u. dergl. m. י Dieser so vielen Städten beigegebene Vorname kann indcffen durchaus nicht schlechthin wie sonst Thurm bedeuten, da die betreffenden rabbinischen Correspondenten gewiß nicht lauter Thurm« bewohner waren. Vielmehr bezeichnet da» Wort offenbar, soweit nämlich sich der Sinn lediglich audem Zusammenhänge ermitteln läßt, eben nur einen bestimmten Stadtbezirk, wohl da» Judenviertel, sonst Ghetto genannt. Aber da« Wort Ghettp selbst gehört mit zu den dunkelste» Wörtern, mit welchen da« Mittel- >) R. Gerächte cheruadi Berrede zu Hamaer. *) G. Delitzsch ÄataL S95b. •) «en Zemach RS«. Itl. R. 58. 4) רשכש «s». N. 171. ») Hegaer Maimen. 0'V2 גשיאה »IV) 7. ibid. RS«, j. נשים ».30. *) Hagaheth Rann, z ש2ה IV. 7. alter die Sprachen bereichert hat. Die Nacht', die so lange über die Bewohner de- Ghetto gelagert, scheint ihren Schatten auch über da« Wort Ghetto gebreitet zu haben. Die verschiedenen Er« klärungsversuche, die daffelbe erfahren, find nur ebenso viele Marterversuche, wie solche die Juden selbst so oft und so reichUch zu ertragen hatten, und können wir daher unsere Leser mit densrlden füglich verschonen. 7 Wir glauben aber demnach nicht zu irren, wenn wir an« nehmen, daß die zwei dunkeln Namen, מגדול und Ghetto, sich einander erklären und decken. Da- Wort Ghetto, seiner Phh« siognomie und Geschichte nach italienischen Ursprung«, ist nämlich nicht« weiter als Borghetto, wobei die erste Silbe mit demselben Recht oder Unrecht weggelaffen wurde, wie etwa bei dem Frauennamen Lina für Carolina. Betti für Elisabet u. dergl. oder auch wie man in England Busse für Omnibusse sagt. Der Name Borghetto, den man mit Recht dem mit Mauer und Wall umgebenen Judenviertel beilegen durste, ist e« nun, den die Rab« binen mit dem entsprechenden מגדול widergeben. , Für die Ge« schichte der mittelalterlichen Ghetto'- kann daher di-ser hebräische Name ein nicht ganz unbrauchbarer Wegweiser sein.! ר״ג כ»1ור הגולה (RabbenuG»schon,.) Der berühmte R. Gerschom b. Jehuda, zubenannt Levi« taö, im Anfänge de« 11. Jahrhundert» blühend, Verfasser mehre« rer hervorragender Werke und Urheber vieler in die Kulturge« schichte de« Judenthumö tief eingreifender Reformen, theilt darin das LooS so mancher großen Männer der älteren und mittleren Zeit, daß man seinen Geburtsort nicht kennt. Sämmtliche über ihn vorhandene Nachrichten bezeichnen ihn einstimmig al» Frau«- zosen (צרפתי), aber keine giebt an, in welcher französischen Stadt die Wiege dieses Mannes stand. Bei einen, so oft citirten Rabbincr wie R. Gerschom ist allerdings der gänzliche Mangel irgend einer Angabe über deffen Geburtsort ziemlich auffällig, zumal da sonst gerade der Geburtsort al» unterscheidende- Merkmal dem Namm der französischen Rabbinen beigesetzt zu werden pflegt, wie z. B. R. Isaak aus Orleans (מאורלי ינש), R. MoseS aus Coucy (מקוצי) u. A. ״,. Aber gleichsam als sollte ihm die fehlende Heimat mit einem ganzen Erdkreis, der mangelnde Geburtsort mit der ganzen Dia« s p o ra vergütet werden, legen ihm sämmtliche Schriftsteller einen Titel bei. wie ihn sonst kein Lehrer de« Judenthumö je trug; sie nen« nen ihn nämlich durchgehend« ,מאור דיגולד, Leuchte des Exil«. So sehr nun auch einem Manne von solchen Verdiensten ein sol« cher Titel zu gönnen wäre, so steht doch dieser Titel in der Ge« schichte de« Judenthumö, die doch wahrlich an ausgezeichneten, her« vorragenden Männern nicht arm ist, beispiellos da, und nirgend« ist auch angegeben, von wem und bei welcher Veranlassung dieser so eigenthümliche Titel dem R. Gerschom beigelegt und in welcher Weise derselbe zur stehenden charakteristischen Bezeichnung diese« Manne« grworden ist. Vielleicht wird r» daher nicht allzu gewagt erscheinen, wenn wir gerade in dem Titel מאור הגולה einen Fingerzeig zu erhal« ten vermeinen, der un« auf die GrburtSstadt diese« Manne« hin« weisen kann und in dem Namen seiner Geburtsstadt die Veran« laffung diese- Titels zu finden glauben. R. Gerschom, der Franzose, war nämlich unsere« Dafürhaltengebürtig au« Orgelet, einer Stadt in der Franche Comtö, die schon zur Zeit Karl d. Großen al« Bischofssitz genannt wird. Man nannte ihn daher, gleich den anderen französischen Rabbinern, ursprünglich wohl nach seinem Geburtsort ד״ג מאוד גולה, R.' Gerschom au« Orgelet,