Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 25 (14.6.1867)
- Date
- 1867-06-14
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Berliner Wochenschrift für Jüdische Angelegenheiten. ISS - י ' -----r Israel wird später ein größir Gosche JiSroel (Abtrünnig«) wer» den!" Auf den zärtliche» Bat« hatte, die ihm zugetragene Bemerkung de« Radbin«« gerade die entgegengesetzte Wirkung. Er hielt «S für unmöglich , daß sei» Sohn, der AbkSmulling vieler frommen Rabbinen. ein Iota vom heiligen Glauben aufgeben werde, vollends, da er so großes Talent und so große Kenntnisse besitze pitd wissen werde, daß die jüdischen Satzungen die alleinwahre Religion geben, In seiuer Borliebe aber ging Vater E.< so weit, daß er, sich tröstend » sagte, der Rabbiner könnte, ohne e« selbst zu wissen, einem Gefühle de«.Neides die Entstehung seine« UrtheilS verdanken!. Doch hörte er nicht auf, de- Rabbiner- Freund zu bleiben, ja der voransgesetzte Grund deharten Urtheils über sein Kind schmeichelte der Eitelkeit, de« Vater- und er acceptirte dasselbe bestens. E. ließ jetzt, nach voran-gegangener Berathung mit dem Rabbiner, den Sohn das Gymnasium besuchen, und hatte die Freude, daß dieser reif zur. Aufnahme in Obertertia befunden wurde, und die noch viel größere Freude, daß der Direktor denselben vom Schreiben am Sabbalh befreite. Der begabte Jüngling drang rasch durch die 3 Klassen, « wurde, noch nicht 17 Jahre alt, mit dem ehrenvollsten Zeugniß der Reise entlasse». Und diese wissenschaftliche Reife wlrrde jetzt durch eine andere gewürzt. ISrael und die schöne Rosalie, Tochter de« .nachbarlichen Bankiers L....0UN waren von.gleichem Alt«, in ihrer Kindheit Gespielen und seitdem immer innig befreundet^- und bcid« Eltern störten dafreundliche Verhältniß der Kinder nicht, ja sie förderten eunabsichtlich durch das Wohlwollen, welches jeder der Väter für da- Kind des Andern hegte. — Jetzt, mit dem Zeugniß der Reife in d« Tasche, fühlte der Jüngling das freundliche Verhältniß auch reif, durch eine Lirbeö-Erklärung gekrönt zu werden. Diese war uicht unerwartet und wurde mit mehr entgegenkommendem Herzen als Erröthen erwiedert. Herr L-, obgleich viel wohlhabeuder als E., gab freudig der Wahl seiner einzigen Tochter seine Zustimmung, weil et selbst den körperlich, geistig und sittlich wohlgebildeten I. herzlich liebte, aber erstellte, als praktischer Kenner d« geselligen Erforderniße einer gebildeten Lebensstellung, die festzuhaltende Bedingung, daß von einer Verlobung erst tarnt: die Rede sei» dürfe, wenn I. Medizin, studirt, und die auf sei» Triennium folgenden Staatsprüfungen glücklich zurückgelegt haben werde. Pikse Bedingung war dem jungen Studenten nicht unwillkommen, da seine altgläubigen Ansichten schon vielen Boden verloren hatlen und sein gute« Herz ihm dio künftige Sorge für körperliches Wohl der Mitmenschen theurer als da« für deren einseitig retigiöseS machte, aber ein hart« Schlag für den alten E., welcher seinerseits in der Person Rosalie L.... onn'S einen Liebling hatte, aber in seinem Sohn durchaus den künftigen Rabbiner sehen wollte. Jedoch in einer Berathung niit dem Rabbiner K. vermochte dieser den langen Widerstand de« C. zu brechen, uitd I. wurde zum Studium der Medizin nach der Universität B. gesandt. Aber eS wurde daö harte Verbot als Bleikugel an den Studienlauf de« jungen Manne« gehängt, je di« Anatomie zu besuchen, da ja auch jüdische Leichen dort zergliedert werden und das nach .dem Au-spruche zweier großen jüdischen Gelehrten unerlaubt sei; außerdem sei er ״Cohn". D« Erreichung seine« Zweckewerde da- F«nbleiben von der Zlnatomie nicht hinderlich sein, denn auch MaimonideS und andere große Aerzte haben ihre Kenntniß de« menschlichen Körp«S außnhalb des anatomischen Sale« erworben und bei d« jetzt so vollkommenen Darstellung der anatomischen Wissenschaft in Schrift und Bild, würde auch ein wenig« begabt« Mann ohne Wühlen im menschlichen Körper die Keyutniß de« Baue« desselben «langen. D« Rabbin« K. setzte noch hinzu, daß in vielen Fällen d« Besuch beim Schlicht« i» Begleitung de« erfahrenen Schochet den Besuch d« Ana-Tumme «setzen würde, und « lächelte selbst beifällig üb« das nach feio« Meinung höchst geglückte Wortspiel von Tume (d. h. שסאח unrein) und ternte. D« Rabbin« hatte übrigens noch einen Hintergedanken bei dem Rache zum Studium d« Mediziu; er wollte de« geistvollen Jüngling au« dem Felde de« Talmud verdrängt sehen, da « von desfea Streben nur kritische, da« heißt zerstörende Ergebnisse fürchtete, Ucberspringen wir dir wechselnden Vorfallenheiten der Stu« dienjahre Israel'-, namentlich verschiedene kleinere oder größne Reibungen zwischen Vater und Sohn, welche aus dem Widerspruche der religiösen Führung entsprangen und berichten nur, daß I. trotz Talent und Fleiß nach Znrücklegnng dieser Studienjahre unfreiwillig aus der Laufbahn der Heilkunde anSschird und nothgedrungen den Weg zur RabbinatS-Eandidatur einschlug. Als gut« Schn hatte er au» Liebe für den Vater dessen religiöse Praxis streng beobachtet, so wenig « immer deren Begründung und Verbindlichkeit anerkennen zu müssen glaubte. Er mied am Werktage die Anatomie und am Sonnabend und Festtagen jede« Collegium, er sah sich öfter den frivolen Bemerkungen seiner glaubenSgenössischen Commilitonen Preis gegeben, die keine orthodoxen Väter, oder keine solche Pietät für dieselben hatten, und seine Lust für das früher feurig umfaßte Studinm verlor viel von ihrer Wärme. Ein besonderer Umstand trat endlich noch feindlich zwischen seinen Fleiß und dessen Krönung. Einige seiner akade« mischen, Lehrer waren theils durch spöttelnde Bemerkungen, theils durch boshafte Einflüsterungen von Seiten einig« Mitstndirenden in daS Gcheinmiß eingcweiht worden, weshalb dieser der Anatolitte fern bleibe; man setzte yinzu daß, nach der angeblichen Satzung, jüdische Leichen nicht durch Zerschneidung entweiht werden dürfe», wohl , aber andersgläubige, und ein ohnehin sehr streuger Lehrer, dessen Einfluß bei der Beurthetlnng der Fähigkeiten der Candidaten maßgebend, war nahm sich vor, diesen ״Abcrglaubcn" verbunden mit ״Ehrtstenverachtnng", wie man es nannte, durch das verschärfteste Examen zu bestrafen. Die vollzogene Strafe versetzte "bie C.'sche Familie 11t Trauer und die L.'schc in Verwirrung. D« alle C. im Bewußtsein d« Hauptschuld an dem Unglücke seines Sohnes, durch Vorwürfe von Rosalien und andern bedrängt, verlor unter Gram und Kunnner Gesundheit und Wohlstand, und starb bald darauf. L. löste die Verbindung, während Rosalie in treuer Liebe Trotz bot, und erst, nachdem veredle I. selbst sie zur Entsagung aufgefordcrt, ihre Hand einem jungen Arzt reichte, welcher, glücklicher als I., zur Praxis gelangt war, und unter den günstigsten Aussichten die Stellung einnahnt, welche für den jungen C. so sicher vorausgesetzt war. I. selbst war wegen de» Kummers seines Vater- und wegen seines geänderten Verhältnisse« zu Rosalien tief betrübt, wegen seiner Zukunft aber weniger trostlos. Er nahm sich vor, in Schrift und Wort für die freie Richtung im Judenthnm zn wirken, und an seinent Theile den auf dem jüdischen Volke arg lastenden Bann d« antlsoeialen Satzungen zu lösen. Er theilte jetzt seine Zeit zwischen die Pflege seine« kranken Vaters und das Studinm der jüdisch-theologischen Wissenschaften und literarischen Arbeiten in diesem Fache. Letztere verschafften ihm einen Ruf nach einer amerikanischen Getneinde, aber ans seiner Reise zum Amtö-Antritt wurde er bei einem Sturm von dem Verdecke de« Schiffe« In« Meer gerissen und er ertrank, obgleich er guter Schwimmer war. Unter seinen hintcrlaffcnen Aufsätzen ist einer, welcher jenen Vorgang zum Gerv״