Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 24 (14.6.1867)
- Date
- 1867-06-14
- Page
- Seite 190 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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ISO Die Gegemvsrt. / hört ja auch da» rhetorische — muß dem Hörer oder Beschauer fertig u»d vollendet jur Erscheinung kommen, mühelos, wie Mi« «erva aus dem Haupte Jupiter-, muß er edem Haupte des Ur« Heber» entsprungen glauben. Im Zusammenhänge mit dem gerügten Maugel steht die analytische Behandlung de» Thema'- in demjenigen Theile, den .wir al» den älteren glauben aufgefunden zu haben. Katheder« mäßige Begriffsdefinition herrscht hier mehr vor, während später die rechte Form, nämlich die synthetisch aufbauende zur Auwen« düng gelangt. Während aber der Redner nach Aufstellung des Hauptgedankendenselben erst zerlegt, sich mit ihm selbst erst aus« einandersetzt, kennzeichnen sich die reifern Products dadurch, daß in ihnen der Inhalt sofort in seiner vollen concreten Gestalt vor der Seele de- Autor» gestanden und nun in naturgemäßer Reihenfolge klar und leicht vor dem Geiste de- Angeredeten zur Entwicklung kommt. Dort ist es ein beschwerliches BorwärtSschreiten de- Gedanken», ein ״mühvolleS Rudern", durch welchewir belästigt und fast geängstet, hier eine sichere Führung, ein befriedigender Fortschritt, durch den wir mit Ruhe und innerer Erbauung dem Ziele näher gebracht werden. Wählen wir als ein Beispiel der älteren Gattung gleich die erste Predigt, in welcher der Begriff der wahren Freiheit erörtert wird, so treffen wir alle drei Zeichen der Unreife, die Häufung der Fragen, dialektische Analyse und mangelnden Fortschritt ver« eint. Wir kommen au« den Fragen gar nicht heraus — S. 5 und S. 6 Z. 3 v. u. fehlen noch Fragezeichen — bi» wir mit dem Berfaffer ermüdet am Schluffe stehen, wo dann eine Midrasch al» Grundlage der Hauptanwendung so kurz abgefertigt wird, daß er seinen erleuchtenden Character gar nicht recht geltend machen kann. ״Was ich gegen diese (die gewöhnliche) Erklärung der Frei« heit einzuwenden habe? .... War Pharao frei? ... . Aber wir fragen nichtsdestoweniger: War Pharao frei? War der Mann frei u. f. w.? Ich frage: war Pharao frei, und wenn nicht, was fehlte ihm zur Freiheit?" Nun glauben wir endlich durch unsre geforderte und dargrbrachte Aufmerksamkeit ein Recht auf die ruhige und zur Ruhe führende Antwort erworben zu haben. Aber die Antwort beginnt bloß, um einer Kette neuer Fragen Platz zu machen: Sie lautet nämlich: ״Nur da- Eine: Pharao war Herr über Andere; war er auch Herr über fich selbst? Glich sein Herz nicht . . . .? Und ist Pharao ein Ausnahme« mensch . . . .? (Antwort) Ist dieaber die Art, die uns zum JSraeliteu befähigt? Ist denn Israel . . . .? Versteht e« denn nicht mehr die Worte ....? — Was ist denn nun eigentlich Freiheit?" Und so geht e» auch die folgenden Setten hindurch, so daß natürlich dem erschöpften Verfasser die Kraft der erbauenden Anwendung gebricht. Man kann nicht zugleich die Steine eine« Gebäudes au» einander legen, Schutt und Staub wegbrin« gen (aoalpsiren und definiren) und ein neues aufrichten (fynche« tisch erbauen). t Die gemachten Andeutungen mögen genügen, um von der schwachen Seite der Joel'schen Predigten dem Leser einen Be« griff beizubringen. Wir können diese im Allgemeinen nur lobend anerkennen. Keine Spur von den fanatischen Ausbrüchen, zu denen fich zuweileu die begeistert und dankbar verehrten Vorbilder des Berfaffer» hlnreißen ließen. Nun ja, diese ättern Männer gehörten der streitenden Epoche an, welche die Früchte zeittgte, und wir Jüngeren der friedlichen, welche nach viAett Richtungen hin diese Früchte erndtet. Allein e» scheint auch an und für sich der Character de» Berfaffer» ein wesentlich ireuischtr zu sein. Seine Ansprachen bemühen fich, dem Standpunkt de» Alterthum» und demjenigen der Reuzett in gleicher Weise gerecht zu werdeu. Ja de» meisten aber — und die» ist da» Beste — kommt gar kein Gegensatz zwischen den verschiedenen Stellungen zum biblischen, talmudischen und rabbiuischra Zettalter zum Vorschein. Diese Reden können so gut in einem Reformtempel wie in dem orthsdoxesten Bechhamidrasch gehalten worden sein. Nicht etwa, weil dem Berfaffer die Kräftigkeit, Tiefe und Bestimmtheit der Ueber« zeugung abginge; sondern im Gegentheil, weil in ihm der Glaube an die wesentlichen und großen Wahrheiten der Schrift, der Kern« gehalt dejüdischen BekenntniffeS so lebendig und mächtig ist, daß von diesem ächten Feuer da- Stroh der zufälligen und zeitli« chen Bestandtheile leicht verzehrt wird und die dauernde Glut unserer Lehre zurückbleibt, die den Leser erwärmt und befriedigt. Nur selten begegnen uns polemische Anwandlungen, Scheidungen innerhalb de» jüdischen Bekenntnisses, uud auch diese möchte ich dem ungünstigen Einflüsse einer früheren Epoche bei« rechnen, wie sie denn auch von minder glücklichem Eindrücke auf den Leser beglettet sind. Da- Judenthum ist ein große» Ganze, in welchem wir Alle Platz haben. Daß die meisten Joel'schen Predigten d«ese Ueberzeugung in uns stärken, daß jene» ewig Wahre in ihnen zum mehr oder minder gewinnenden Ausdruck kommt, ist das Hauptverdienst ihrer Veröffentlichung. R—r. Ein jüdischer Doctor und ein katholischer Pfarrer. (Schluß zu S. :83.) Präs.: Sind Ihnen nachdem der Artikel gedruckt war, keine Bedenken aufgestiegen? P. Wiesinger: Ritter v. PawlikowSki hat ckir, selbst nachdem die Anklage wegen diese» Artikels überreicht war, noch versichert, daß er nur Wahres mitgetheilt hatte. Präs.: Haben Sie an dem Artikel keine Aenderungen vor« genommen? P. Wiesinger: Ich habe bloS die Ueberschrift gemacht. Präs, (zu Ritter v. PawlikowSki): Wollen Sie sich Über die Ihnen zur Last fallende Anklage rechtfertigen, vornehmlich aber über die Genesis dieses Artikels Aufschlüsse geben? Rttter v. PawlikowSki: Ich ging zum Pfarrer, dem ich meine Aufwartung machen wollte, und wie jeder Erblindende immer mehr sieht und sehen will, so sah auch ich auf dem Tische vor dem hochwürdigen Herrn Pfarrer einen Zettel liegen; der Herr Pfarrer forderte mich auf, den Zettel ju lesen, ich that die-, und nachdem ich gefunden', daß der hochwürdige Herr insultirt worden war, fragte ich ihn, wa» er nun thun wolle. Auf die Antwort des Pfarrers, daß er als Diener der Kirche Jesu dul« den wolle, sagte ich: Dann werde ich nicht schweigen, dann werde ich nicht duldm, daß der hochwürdige Pfarrer insultirt werde, da» kann, dadarf ein ehrlicher Christ nicht, mögen der Herr Pfarrer dagegen thun, was Sie wollen. Die» ist da» Motiv, welche» mich bestimmt hatte, den Artikel zu verfaffen; ich habe niemals dem vr. Polak wehe gethan und auch er hat mir nie etwa» zu Leide gechan, ewar mir daher nur um unseren hochwürdigen Herrn Pfarrer zu thun. Präs.: Haben Sie den ganzen Aussatz selbst verfaßt? Angekl.: Ja, bi» auf die Ueberschrift. Präs.: Rach den gepflogenen Erhebungen erscheint sicher« gestellt, daß Schnitzer krank war, zu Hause nicht die gehörige Pflege fand uud es daher am zweckmäßigsten war, den Kranken au eine Heilanstalt zu dirigiren. AUgekl.: Dagegen habe ich nicht»; die Familien-Ver« HSltniffe der Echnitzer'schen Eheleute waren mir nicht bekannt;