Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 24 (14.6.1867)
- Date
- 1867-06-14
- Page
- Seite 191 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Striiaa Wochenschrift ftlr Illdisch« Llgetegeaheitta. W1 doch wenn es Christenpflicht überhaupt ist, dem Leidenden zu helfen, um wie viel mehr ist die« die Pflicht der Familie eine» Kranken. Präs.: Sie wachen dem vr. Polak BernachlSsstgung zum Vorwurf, «ährend erwiesen ist, daß die Verzögerung thell» der Familie selbst, theil» der Gemeinde zur Last fällt. Angekl.: Warum ist edem vr. Polak nicht aufgefallen, daß sich die Anna Schnitzer den Zettel nicht abgeholt hatte? Und warum kam er^ nicht selbst, wenn er nicht gehost wurde? Prä s.: Sie vergessen, daß esich hier um keim amtliche- Dokument handelt, sondern um eine Privat-Eovrespondeoz zwischen dem Bürgermeister und dem vr. Polak, welch« ohne Beranlasiung in die Hände de- Pfarrers gebracht wurde. Angekl.: <Än Todtenzettel ist kein Privat-Dokument. Präs.: Sie hätten Recht, wenn vr. Polak einen Tobtenzettel ausgefertigt hätte; das war aber nicht der Fall, sonderu vr. Polak motivirte in einem Schreiben an den Bürgermeister, daß er nicht in der Lage fei, ein BehandlnugSzengniß für den verstorbenen Schnitzer auszufertigen, weil er ihn nur einmal besucht hatte. I Angekl.: Ich weiß nicht, ob ein Arzt und mehr noch ein GersthtSarzt die Ausfertigung eine» solchen Dokumentes verweigern ^darf. 'Präs.: Allerdings, wenn er den Kranken nicht behandelt hat. Sie sagten in dem Aufsatze: ״Der Schnitzer, obwohl mit einer Lungenentzündung behaftet, fand von dem Arzte nicht die nöthige Behandlung," und die Frau de- Verstorbenen sagt im Einvernehmen mit den Erhebungen aus, daß der-Verstorbene an der Rippenfellentzündung gelitten hatte. Angekl.: Ich weiß nicht, wie man die Schnitzer beeiden konnte, die ist ja nicht bei Trost. (Heiterkeit.) Präs.: Sie beschuldigen den vr. Polak der Pflichtverletzung. v Angekl.: Nicht positiv; ich fragte nur, ob diesenicht eine Verletzung der beschworenen Pflicht sei, wenn ein Arzt die Besuche bei Kranken einstellt, ohne hierzu aufgefordert worden zu sein. Präs.: ES muß als eine Schmähung angesehen werden, daß Sie von dem vr. Polak sagen, er scheMe nicht zu wiffen, daß eine vernachlässigte Lungeuentzündung tödtliche Folgen habe. Angekl.: Warum hat er mit dem Zeugniß gesäumt? Wenn eS nicht abgeholt wurde, war es seine Pflicht, sich zu er« kundigen, wader Kranke macht, und ihm da- Zeugniß in die Wohnung zu bringen. Präs.: ES ist durch Erhebungen sichergestellt, daß der Arzt verordnet hatte, den Kranken so schnell als möglich in- Spital zu bringe», und daß er den armen Leuten sogar Geld gab, um sich Arzneien auzuschaffen, Angekl.: Das ist schön; aber als Arzt hätte er kein Geld zu geben gebraucht und anderbester nützen können. vr. Neu da: Ich möchte mir an den hochwürdigen Herrn Eonsistorialrach die Frage erlaube», wie es kommt, daß der Artikel nicht vom Humanitären, sondern vom konfessionellen Gesichtspunkte betrachtet wurde. P. Wiesinger: Ich werde auf diesen Gegenstand später zu sprechen kommen. P. Anton Grätzel, Pfarrer in Mödling, sagt au», daß er am 1b. Januar d. I. an da« Krankenlager de- Schnitzer gerufen wurde, dem Kranken die Beichte abgenommen und ihn mit den Sterbesakramenten versehen hatte. Es wurde ihm bekannt, daß vr. Polak am 18. Januar den Kranke« besucht, und ihm verschrieben, andererseits auch verordnet hatte, denselben iits Kran« fonhauzu bringen. Doch wurde ihm gesagt, daß der Krmfle nicht« nehmen wolle; er war um de« Dranspvick einesolch»» Kranken besorgt »nd habe daher de» Tran-pvrt ins Spital wider« rathen und sesnerfrit- Umschläge verordnet, behufs deren Anwen« düng er den LeMen SO kr. gegeben hatte. Pfanitt Grätzel meint, der Priester schaffe sich auch eine gewisse (!) medizinische Praxis durch seine Krankenbesuche. Präs.: Auf welche Weise kamen Sie in Besitz einevon vr. Polak an den Bürgermeister-Stellvertreter gerichteten Zettels? P. Grätzel: Der Todtenbeschauer vr. Bauer (eist dies derselbe vr. Bauer, welcher sich in dem Prozesse der Nrudorfer >. Schwestern gegen die medizinische Wochenschrift u»d durch seine EhrenheleidlgungS-Klage gegen Ober «LandeSgerichtSrath Mende bekannt gemacht hat) hat mir diesen Zettel gebracht. Ich wurde darin beschuldigt, an dem-Tode de« Schnitzer zum Theil schuldig zu sein, und war hierdurch verletzt. Doch wir katholischen Prie« ster sind gewohnt zu dulden, selbst da, wo der Stand angegriffen ist. Am allerwenigsten konnte ich, da es sich um meine Person handelte, etwa» thun. Ein edler (!) Katholik, Ritter v. Pawll« kowski, bemächtigte sich de- Zettels und trat fiir mich ein. / vr. Neuda: Wenn Euer Hochwürden dm Schnitzer ge« fährlich fanden, warum ließen Sie nicht den Arzt holen? \ Pfarrer: Das wäre wohl da» Klügste gewesen. Durch die Aussagen der Anna Maria Schnitzer und ihr»- Sohne- Heinrich wird da- Benehmen devr. Polak über je« den Tadel erhoben. Anna Schnitzer hatte ihren Mann nicht iuS Spital abgeführt, weil ihr der Pfarrer gesagt hatte, daß er es nicht auShalten und unterwegs,sterben würde.' Die Gemeinde Mödling sagt von vr. Polak, daß er ein rationeller Arzt sei, der sehr mildthätig wirke, ohne damit zu prun« ken. Von dem Ritter v. Pawlikowski sagt derselbe Gemeinde« Vorstand, daß er ein Feind aller Nichtkatholiken, inSbe« sondere aber ein Feind der Juden sei. Der Vertreter de« Privatkläger», vr. Neuda, führt den Schuldbewei» und wünscht die Berurtheilung beider Angellagten, bei P. Wiesinger mit Rücksicht auf seine geistliche Würde unter Anwendung de- §. 261. der Strafprozeßordnung. P. Wiesinger leitet seine Vertheidigung mit der Bemer« kung ein, daß er nur als Redakteur der Wimer Kirchenzeitung bärbeißig sei, da sei eS aber auch nothwendig; hat doch Staats« anwalt Limbacher im Februar 1864 im Gerichtssaale selbst den Grundsatz aufgestellt: Wer einen Geistlichen angreift, der hat die ganze Geistlichkeit und diese al» Organe der Regierung angegriffen. P. Wiesinger macht auch unangefochten gute und schlechte Witze und meinte unter Anderem, der Artikel wäre in der Kirchenzeitung gewiß nicht erschienen, wenn nicht wenige Tage früher im alten Fremdenblatt die erfundene Geschichte eine» P. Amadeus, der nirgend» existirt, erzählt worden wäre und ch» zu einer Revanche gegen die Juden veranlaßt hätte. P. Wiesinger Rest den ganzen Artikel de» Fremdenblatt ruhig vor. P. Wiest»« ger schließt mit der Bemerkung, daß er al< guter Kathollk sogar um eine Strafe bitten >nüßte, wenn er sich schuldig fühlen würde. (Heiterkeit.) Rltter v. Pawlikowski ist verwundert darüber, daß vr. Po« lak die in der Kirchenzeitung gemachten Ausfälle gegen die Juden auf sich bezieht, und meint, diese Ausfälle gelten nicht einer bestimmtm Person, sondern der ganzen Judenschaft. (I) Der Präsident entschließt sich, dem Herrn Ritter v. Pawlikowski eine Er« Mahnung zu geben.