Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1867-06-14 · 24 (14.6.1867) · p. Seite 189

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
24 (14.6.1867)
Date
1867-06-14
Page
Seite 189 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4889892-5434108-5434158--229-4890091
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

fkriraer Wochenschrift ftlr Jüdische Aagelegenhrttr». er vollzieht da» Opfer nicht. Befreien wir die Thatsache von dem Schmucke der Darstellung und der hineingelegten Auffassung de» Darsteller», so bleibt einfach übrig, daß Abraham zuerst den Entschluß gefaßt hatte, mit dem Opfer seine» Kinde» seine Got» teSverehrung auf» Unzweideutigste zu besiegeln, daß er aber dann diesen Akt nicht vollzog, weil, wie wir hinzufügen müssen, er den» selben nunmehr in richtiger Einsicht als barbarisch erkannte, zu der höheren Auffassung gelangte, dadurch nicht Gott zu ehren, sondern ihn tief zu erniedrigen oder, um mich der drastischen Ausdrucksweise de» Herr S. R. Hirsch zu bedienen, seinen Gott zum Lizsipuzli und sich zum Kannibalen, der demselben einen Menschm schlachtet, zu entwürdigen. Diese höhere Auffaffung der Thatsache durchwehet, sage ich, weiter auch dm von ihr un» überlieferten Bericht. Elohim, heißt e» daselbst, versuchte den Abraham mit dem Befehle seinen Sohn zu opfern, der Engel Jchvh'S aber hielt ihn davon zurück. In dem Wechsel der Per» sonification, unter welchem Gott erscheint, in der Bezeichnung der Aufforderung zum Opfer als einer Versuchung bricht die Ahnung durch, daß die niedrigere Vorstellung von Gott al« Elohim den Abraham zu der götzendienerischen Verkehrtheit verleitm wollte, den Akt der höchsten Hingebung durch da» Opfer seine» Kinde» zu vollziehen, währmd die höhere Erkenntniß Gottes al» Jhvh, al» de» allliebenden Menschenvater», dem da» Menschmopfer ein Greuel ist, diese Verirrung in Abraham besiegte, sein geläuterter religiöser Sinn diesen Wahn überwand. Freilich blo» die Ahnung von dieser tiefem Erfassung ist in dem un» mitgetheiltm Berichte nicht ganz verllungen; die Farbe desselben ist sonst eine andere. Die Bereitwilligkeit Abrahams, feinen Sohn zu opfern, wird Wohl als ein Erweis der hingebenp. sten Frömmigkeit in ihm rühmend hervorgehoben, und e» gmügt ihm, sich in Uebereinstimmung mit dem ganzen Judenthum zu wiffen, wenn er di« Thatsache, daß Gott ein solche» Opfer nicht verlangt, doch als Resultat festhält. Während ihm jedoch diese prattische Lehre genügt, verkennt er die theoretische Seite, wonach gerade Abraham durch die Ueberwindung de» Jrrthum» verherr» licht wird; er glaubt, auch und vorzugsweise in dem früher« Entschlüsse Abrahams die große Höhe der Hingebung bewundem zu müffm. Der Berichterstatter steht aber mit seiner Darstellung diese- Vorgänge» ganz vereinzelt innerhalb de» biblischen Juden» thumS. Nicht die leiseste Rückbeziehung auf diese Geschichte und auf da» hohe Verdienst Abrahams, auch seinen Sohn freudig dar» bringen zu wollen, findet sich in der weiteren Geschichte de» bibli» schm Judenthum». Ein solcher All wird vielmehr ganz allgemein als strafwürdigstes Verbrechen, als niedrigster götzendienerischer Grmel durchgehend» gebrandmarkt. Erst die späte trübe Zdit, und zwar mit veranlaßt durch den Einbruch de» Heiden» thum» in einen Zweig de» Judenthum», wonach di» Selbstopfemng al» ein Verdienst für die ganze Menschheit betrach« tet wurde, ließ sich dazu verleiten, in dem, wmn auch nicht zur Ausführung gelangten, Willen Abraham« zur Opferung seine- Sohne» eine hochverdienstliche Handlung zu sehen, die seinen Nach« kommen gleichfalls die überfließende Gottesgnade zuströmm lasse, gerade wie in der von andern Elementen beeinflußten Religion die Selbstopferung. Diese Auffassung wurde in die Gebetstücke ausgenommen, und wie sie die Wiederherstellung de» thierischen Opferdienste» in irriger Weise als sehnsüchtige» Verlang« auf» stellten, so bringen sie die Bereitwilligkeit Abraham», seinen Sohn zu opfem, al« überschwängliche» Verdienst de» Erzvater» in Erinnerung, da» den Nachkommen zu Gute kommm solle. Wenn die neuere Zeit da« Flehen um einstige Wiedereinführung der thie» rischm Opfer al» eine Trübung de» religiösen Ginne» erkennt und perhorreseirk, so maß sie um so mtschiedmer jene» Poche» auf dm Versuch eine» Menschmopfer» abweism, einer solch« na» würdigen Vorstellung von Gott und von Abraham den Ausdruck verschließen. Sie mag e» der S. R. HIrsch'schm ״jüdsschm Ju» denheit", jmer zweitm jüdischen Potenz oded Jmpotmz überlast«, ״auf die Akedath Jizchak, darauf daß Abraham Gott selbst sein« einzig« Sohn zu opfern bereit gewesen^ al» aus da» Hkheziel musteraültiger Gottesfurcht begeistert hinzublicken." Wir al» ritt» fache jüdische Potenz, die aber nicht schwächlich an eingeschlichen« heidnischen Elementen festhält, sondem die lebendige Idee de» IudenthumS zum Ausdruck und zur Verwirklichung zu bringen be« müht ist, müssen solche Ueberreste götzendienerischer Verirrung aus unserm Kreise bannen. Wieso nun Herr vr. Popper zu der seltsamen Annahme gekommen ist, daß ich diese meine Erörterung etwa als buchstäb» liche Exegese dem Berichte der Genesi» unterlegen will, ist mir in hohem Grade befremdlich. Bei einem Mann wie P., der sich doch wahrlich selbst von jener naiven Gläubigkeit, sich in der Auffassung der Thatsachen mit der Darstellung de- Belichterstat« terS identificiren zu müssen, befreit hat, durfte ich erwarten, daß er auch mich als nicht darin befangen erkennt. Er hat die» nicht gethan und hat die Gelegenheit benützt, mannigfache Belehrung« und Ermahnungm anzuknüpfen. Ohne auf diese hier eingrh« zu wollen, muß ich nur bemerken, daß er in der Adresse, an welche er dieselben gerichtet, sich gewaltig geirrt hat. Mit der Bitte, obigen Zeilen Raum in einer der nächst« Nummern Ihre» geschätzten Blatte» gönnen zu wollen, zeichne ich hochachtungsvoll Ihr ergebenster Frankfurt a. M., 4 Juni. Geiger. Kiteratur-Brricht. Festpredigt« von vr. M. Joel. Bre-lau 1867. II. Daß Joel erst allmählich Herr der Predigt geworden, währmd er die im Druck vorliegmden Reden grschaffm, merkt der eingeweihte Leser an mancherlei äußeren und inneren Spur«. Zu den ersteren rechnm wir besonder» die Häufung der Fragen, welche der Redner sich und den Zuhvrem stellt, und die er dann oft kaum flüchttg beantwortet, um rasch wieder zu neuen überzugehm. An dieser Häufung erkennt man dm erst im Ring« be« findlichen Homileten. Fragen sind allerdings ein zweckmäßige» rhttorifcheS Mittel, wenn sie mit Sparsamkeit angewendet zur Verlebendigung de» Inhalts und zur Erweckung de» von der Be» ttachtung ermüdeten Hörer» eingeschaltet werdm. Immer aber müssen e« rhetorische Fragen sein d. h. eigentlich keine wirklich« Frag«, sondem vielmehr sehr starke, fast selbswerständliche Bejahungm oder Vrmeinungen, die eben als solche durch die probte« malische Form bezeichnet werden. Um aber die Maschine der eignen Geistesarbeit in Bewegung zu sehen, dürfm Frag« nicht gebraucht, wenigst«» vor dm Hörer nicht gebracht werden. Die Probleme müssen vorher gelöst, die Schwierigkeit« vor Anfang der Predigt überwunden sein, und wmn sie der Redner beim Be» ginn derselben als noch zu lösmde darstellt, so thut er die» im Sinne de» Zuhörer». Joel jedoch läßt un» in seinen ftührren Predigten fortwährmd in da» eigentliche Selbstgespräch der ringm« Seele, in diejenige Thätigkrit, welche dem Riederfchreibm b« Rede vorau-gegangen sein muß, durch sein Frage» und Antwort« spiel blicken. E» ist ein Arbeiten, keine fettige Arbeit, die wir bttrachten. Aber jedekünstlerische Produft — und dazu ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.