Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 24 (14.6.1867)
- Date
- 1867-06-14
- Page
- Seite 187 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4889892-5434108-5434158--227-4890089- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Galați 1× ep/1002400
OCR text
Berlin« Wochenschrift ffa IRdische Angelegenheiten. 187 Au» Bukarest, 27. Mai läßt sich die ״Rai. Ztg." über die Deputation der Israeliten Rumänien» an den Fürsten Karl, deren Absendung wir in Rr. 22 mittheilteu, und Perm Borstrlluugeu fvlgeude Detail« melden: ״Die Deputation setzte dem Fürsten auseinander, daß da» veraltete Gesetz gegen die Juden, welche» der Minister Bratiano wieder in Kraft gesetzt hat, mit der Konstitution de» Lande« im Widerspruche stehe, da nach derselben den Israeliten Rumänien» zwar die politischen, nicht aber die Livilrechte vornühalten wer» den. Zu den letzteren gehört in erster Reihe die Unverletzbarkeit de» Domicil» und ist e» deswegen ein Bruch der Konstitution von Seiten der Regierung, wenn die Juden, welche in der Mol« dau Güter oder Wirthehäüser gepachtet haben, in ihren Häusern überfallen und in Ketten foftgeschleppt^ werden. Außerdem aber hat die israelitische Deputation dem Fürsten bewiesen, daß daS Gesetz, welches Herr Bratiano aus dem Aktenstaub, in welchem e» seit vielen Jahren begraben lag, hervorgesucht hat, nm sich bei dem Pöbel Popularität zu verschaffen, schon vor drei Jahren durch das Ruralgesetz aufgehoben worden ist, denn das betreffende Gesetz untersagte den Juden nur die Pachtung von Grund und Boden oder von WirthShäusern auf denjenigen Gütern, welche durch Robot der Bauern bestellt wurden und zwar aus dem ein« zigen Grunde, weil zu Dieser Zeit die Pächter solcher Güter gleichzeitig die Verpflichtung übernahmen, für die Unterhaltung der Kirchen der betreffenden Ortschaften zu sorgen. Nachdem aber durch das Ruralgesetz, der Robot in ganz Rumänien aufgehoben wurde und die Robothaner Grundeigenthümer geworden sind, welche für die Unterhaltung ihrer Kirchen selber zu sorgen haben, so ist das ftagliche Gesetz selbstverständlich außer Kraft gesetzt, was von dem Staate auch dadurch anerkannt worden ist, daß er über 200 Staatsdomänen an JSraelitm verpachtete. Auch darauf wurde der Fürst von der Deputation aufmerk« sam gemacht, daß der von seiner Regierung gegen die Juden an« gefachte Haß bald die schrecklichsten Dimensionen annehmen werde, welche wie im vergangenen Jahre Leben und Eigenthum der iS« raelitischen Einwohner bedrohen würden, so daß der eben wieder hergestellte Tempel, welchen der Vandalismus des Pöbels im Juni vorigen Jahres zerstörte, seine Wiedereröffnung vielleicht kaum erleben werde. Der Fürst drückte der Deputation sein Bedauern aus, daß die Juden in Rumänien nicht vollständig eman« cipirt seien und versprach, die chm vorgetragenen Beschwerden und Befürchtungen zu berücksichtigen. Noch eine andere Sache macht in der Moldau viel böses Blut; dieselbe betrifft ebenfalls die Juden, von denen man auf Befehl der Regierung die paßlosen und nichtzuständigen aufge« griffen und an die Grenze tranSportirt hat. Der Fanatismus mißbrauchte diese von der Regierung angeordnete Maßregel, um nicht nur Vagabunden aufzugreifen, sondern e» genügte, daß Je« mand überhaupt Jude war, um chn in den moldauischen Dörfern aufzuheben und unter Mißhandlungen an die Grenze nach Galatz zu bringen. Aber weder die österreichische noch die russische Grenz« behörde fand sich bereit, die auf den Schub gebrachten Juden auf« zunehmen, so daß man diese Unglücklichen nunmehr an die dritte, die türkische Grenze nämlich, gebracht hat. Ob die Muselmänner barmherziger sein werden, als die Christen, ist noch nicht ent« schieden." Die Erbitterung gegen die gegenwärtige Regierung ist bei der gebildeten Klasse sowohl in der Moldau wie in der Walachei im Zunehmen begriffen und steht zu befürchten, daß diese Erbitte« ruug sich auch auf den Fürsten auSdehnen wird, wenn derselbe fortfahren sollte, sich vollständig passiv zu verhalten. Eine längere geheime Unterredung, welche der Fürst neulich mit dem ehemali« gen Ministerpräsidenten Johann Ghika hatte, giebt indessen der Bermuchung Raum, daß die ״radikale" Partei nicht mehr allzulange Gelegenheit haben wird, an» Unfähigkeit und FanattSmu» Unheil zu stiften. (Telegraphischer Meldung zufolge sind die gegen die Juden ergriffenen Maßregeln^ inzwischen wieder rückgängig gemacht worden. Die Red.) Pari», dm 27. Mai. Unter diesem Datum erhaltm wir ein Eirculair unsere» berühmtm Glaubensgmoffen Ad. Eremieup, in weichem er au-fürlich berichtet, welche Schritte die Alliance universelle, insbesondere er al» Präsident dieser Gesellschaft, ge» than, um die Lage der so hart bedrängtm rumänischen Juden zu verbeffern und die Gefahr, die sie bedrohte, abzuwenden. Al» die Telegramme von Jaffh und Bukarest eintrafen, trat da« Sen• tral'Eomitä sofort zu einer Sitzung zusammen, um über die schleu« nigste und energischst» Hülfe zu berathen. Während der Sitzung käsen neue SchreckenStelegramme ein. Eremieox, der rbm erst von einer Reise zurückgekehrt, suchte sofort eine Audienz beim Kai« ser nach, über die er Folgende» erzählt: ״Der Kaiser war von dieser Tragödie vollkommen unterrichtet, er hatte Depeschen gehabt, welche mit den meinigrn Über« einstimmten; ich theilte ihm die letzte mit, die Detail» warm ihm bekannt. Ich fand den Kaiser ebenso entrüstet al» erstaunt. In« dem ich ihm sagte, daß seine Minister die Jnitiattve bei unserem (ftanzösischen) Generalkonsul in Bukarest ergriffen hattm, bat ich ihn doch noch um seine persönliche Dazwischenkunft. Diesen Augenblick, antwortete er mir, telegraphire ich an den Fürsten Karl, das war schon heute mein Vorsatz. Eine solche Verfolgung in unserem Europa gestatten, heißt sich der Acht der Völker au»« setzen. Ich sagte ihm: ״Fürst Karl ist von den fteisinnigsten Ab« sichten erfüllt, er hat mir erklärt, daß er seine Ehre darein setzen würde, für die Juden seiner Staaten die bürgerliche Gleichheit zu proklamiren. Er hat auS seinen Mitteln eine bedeutende Summe gezahlt für den Wiederaufbau der in den Unruhen des letzten Jahre» zerstörten Synagoge. Wer von den Völkern in die Acht erklärt werden muß, da» ist der Minister Bratiano, der sich gleichwohl einen Liberalen und Demokraten nennt, welchem aber die öffentliche Entrüstung Rechenschaft für diese Barbarei abfor« dern wird." Der Kaiser richtete an mich die Frage: Woher kann denn ein so unglaubliche» Ereigniß kommen? Ich antwortete: Sire, es giebt so viele Interessen, welchen Unruhen in Rumänien för« derlich wären! Ich kann Ew. Majestät nur sagen, daß das ru« mänische Volk noch vor wenigen Jahren nicht wußte, wa» Reli« gion-haß ist. Im Jahre 1848 wurde die Gleichheit der Lutte ohne Widerspruch anerkannt. ״Ich verspreche Ihnen, wiedorholte der Kaiser, mein sofor« tigeS Einschreiten." — ״Sire, der von den Mächten garan« tirte Vertrag von 1858 sichert den Moldauern und Wallachen aller Bekenntniffe dieselben Rechte, dieselbe Fähigkeit für alle bür« gerlichen und militärischen Stellen zu. Wer kann also den rum&> nischen Israeliten dieses Recht rauben? Allerdings beschäftigen sich diese großen Verträge nur mit den christlichen Bevölkerungen, denen allein alle politischen Rechte übertragen sind. Hoffentlich wird man jedoch die Nothwendigkeit begreifen, die Anhänger aller Eulte auf die gleiche Stufe zu stellen. Da« Hau» der Gemeinen hat sich auf eine Interpellation de« Herrn Goldsmith lebhaft mit den serbischen Juden beschäftigt, welche trotz der Vertrage wie die Paria» behandelt werden, und Lord Stanley hat, nachdem er öffentlich die Sympatie der Regierung für sie ausgesprochen, seinen Agenten die entschiedensten Instruktionen, und dem engli« ׳4-