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Die Gegenwart · 1867-06-07 · 23 (7.6.1867) · p. Seite 180

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
23 (7.6.1867)
Date
1867-06-07
Page
Seite 180 (sequence 4)
Language
German
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180 Sit OtgtttMti Selbstmordes des Herrn Isaak Stalberg, im Alter von 69 Iah» rcn, angestcllt^ Fräulein Earoline Stalberg sagte, daß der Berstvrbene ein IlidenmissionLr gewesen. Am Mittwoch Morgen sah die Zeugin, wie ihr Later an einem Seile hing, welche» er an einem Nagel in einem Durchgänge, der zum Garten führte, befestigt hatte. Er hatte den Nagel in dieser Absicht ii^die Wand geschlagen. Herr John Hardwick sagte, daß eine Woche vor seinem Tode er eine seiner Töchter fragte, wie man einen Schlingknoten mache, und als sie ihm gezeigt, wie man ihn mache, habe er den ganzen Tag in seineni Zimmer eS geübt. Er hatte sechs Kinder, von denen das jüngste acht Jahre alt ist. Bevor er die verhängnißvvlle Thal begangen, ging er die Treppe hinunter und stand einige Zeit vor dem Bilde seiner Frau. Er war ein Deut^ scher und ist au« der jüdischen Religion ausgeschieden. Herr Hitchcock, von dem St. Paul'«.Kirchhof/ setzte ihm jährlich 300 L. St. als Missionär für die Juden in Londoy au«. Als jener Mann starb, ging sein Gehalt auf 120 tz. St. jährlich herunter, und jene Summe wurde durch Subscription zusammengebracht; nun will da» Comit6 der Subscribenten für die sechs Töchter deS verschiedenen sorgen. Der Todte konnte fünf Sprachen sprechen. Nachdem der Coroner resumirt hatte, gab die Jury ein Derdict auf Selbstmord in einem Zustande des zeitlichen Wahnsinne« ab. Die Redaktion de« ״Jewish Chronicle" fügt Folgendes hinzu: Wird man hiernach noch behaupten wollen, daß der Bekehrungshandel nicht ein einträglicher fei? In welcher englischen jüdischen Gemeinde würde die Kenntniß von fünf Sprachen dem Berstorbenen 300 L. St. jährlich eingebracht haben? Doch kaum war er erleuchtet worden, als ein einziger Mann in seinem GlaubenSeifcr dem Bekehrten jährlich eine Summe ansstellte, welche nur wenige jüdische Hauplgemeinden ihren Beamten von anerkannt hohen Befähigungen bezahlen. Wie natürlich war die Bemerkung eine« christlichen Freundes, nachdem er diesen Paragraphen gehört, die er, halb in Spaß, halb in Ernst machte: ״Wenn Jemand mir 300 L. St. das Jahr giebt, so will ich Jude werden!'- Wir wundern unS, was den Missionär zu dieser Handlung trieb! War e« Unzufriedenheit mit seinem herabgesunkenen Gehalt oder mit sich selbst, als die Verschlimmerung seine« Vertrages eintrat? So lange als Bekehrer bereit sind, so hübsche Gehälter den Bekehrten auszuseyen, wird der Verdacht nahe genug liegen, daß die Sorge für den Körper wenigsten» ebensoviel mit der Bekehrung zu thun hat. als das Verlangen der Seele. Per«. Der Congreß beräth gegenwärtig die Vorlage, be« treffend die staatsbürgerliche Gleichstellung aller Confessionen. Die Majorität scheint dieser Maßregel günsttg zu sein; allein nicht«- destoweniger ist da» Schicksal derselben noch keineswegs in dem erwünschten Sinne entschieden. Die Volksvertreter stehen nämlich unter dem furchtbaren Drucke einer fanatischen Zuhörerschaft, die um jeden Preis die Bevorzugung der katholischen Kirche gewahrt wissen will. Besonders sind e- Damen, (!) und zwar den vornehmen Ständen angehörig, welche, von der Geistlichkeit angestachelt, während der Dauer der Sitzung auf der Zuschauertribüne ausharren und die Worte eines jeden Redner», der für die Gleichstellung plaidirt, mit Murren, Zischen und Gelächter begleiten, und man hegt die gegründete Befürchtung, daß an diesem eigenthümsichen Widerstande schließlich die Regierungsvorlage scheitern wird. Kiteralur-Drricht. Kestpredigtm von De. M. Joel. Bre-lau 1867. I. E» ist ein guter, gediegener Sinn in den Predigten Ivel'S. Eine ^tiefe Auffassung des Schriftworte«, nicht spielender דרוש, sondern עוסק פשוטו, wahre und auf der Höhe de« Iudenthums stehbnde Deutungen de« Midrasch, manche treffenden Bemerkungen und feine Anspielungen, welche mit ihrem ernsten Witz dem Geiste tpillkommen sind und dem trocknen utile das pikante dulce ge« selten, eine gedrungene Kürze und Vielsagenheit zeichnen sie unter den neiiesten Hervorbringungen jüdischer Homiletik vortheil- Haft au«. Aber da» Gute ist nicht immer genügend entwickelt und zu Ende gebracht, da» Gediegene nicht in so entsprechend geglieder« ten Formen auSgestaltet als es die Anlage verspricht. Der ätherische Gedanke, zumal bei solchen für« Volk berechneten Vorträgen, was Predigten doch immer trotz allem in der Vorrede Gesagten sein sollen, muß vom Urheber selbst in Fleisch und Blut verwandelt und zu einem organischen lückenlosen Ganzen gebildet worden sein, ehe er in die Erscheinung tritt. Diese Arbeit darf er weder dem Leser noch dem Zuhöred überlassen, wenn die Stärke der Conception nicht durch die Schwäche der künstlerischen Verarbei« tung beeinträchtigt werden soll. Der Mangel an Popularität be« steht nicht darin, daß das Höchste und Beste, dasjenige waS dem flüchtigen und zerstreuten. Hörer oder Leser in der Regel fern liegt, wozu er gemeinhin zu wenig Aufgelegtheit mitbringt, zum Gegenstände der Betrachtung und Beherzigung gewählt ist; sondern darin, daß diese« Edelste und Idealste ihm nicht genügend nahe gebracht, ihm nicht so mundgerecht und geläufig wie die Gegenstände seine« irdischen LebenSinteresseS gemacht worden. Die Schiller und Göthe, auf welche sich der Verfasser beruft, haben dadurch ihre Größe und Bedeutting erlangt, daß sie eben die Höhepunkte de« menschlichen Dasein» in so vertrauten und an die eigenste irdische Natur angemessen anlehnenden d. h. in dichte« risch schönen Formen darzustellen vermochten, daß man glaubt, e« sei ein selbstverständlich alltäglich Ding, davon sie reden. Und vor Allem hat die Schrift selbst diese Kunst geübt, da«, was man für ״wunderbar, sehr fern, im Himmel oder jenseits des Mee« re«"*) liegend halten möchte, als etwa« ״sehr nahe Liegendes, dem eigenen Mund und Herzen"**) Geläufiges nachzuweisen und mit wunderbarer Lapidarschrift vor die Seele zu führen. WaS nun der Dichter durch seine poetischen, der Phantasie und dem Gemüth entnommenen Gebilde, wa« die Schrift mit Hilfe deihr eigenen genialen Instinkt» durch die schlichtesten und erhaben einfachsten Bezeichnungen leistet, soll — wie der Verfasser selbst sagt — der Prediger durch ״rhetorische Mittel" bewirken. Da« aber können unausgeführte, wenn auch noch so sinnreiche Andeutungen, können mangelhaft entwickelte Sätze, wenn sie auch noch so kernig sind, nicht leisten. Andeutungen und Sätze sind in der Schrift und im Midrasch genug vorhanden. Die erschöpfende, wenn auch maßvoll gehaltene, von dem Faden des andeutenden Texte» durchgehend geleitete Ausführung ist gerade Sache deS Prediger«, da« ist sein Wirkungsmittel. Schritt für Schritt und ohne Sprung muß er diejenigen führen, die sich eben, indem sie seine Leser oder Hörer sind, seiner Führung anvertrauen. Für ״Fachgeuossen" mögen daher die Vorträge als Skizzen großen Werth haben, aber für den vom Anfang bi« an'« *) נפלאה. רחקו/ כשטים, מעבד לים. •*) קרוב טאד, כפיך ובלבבך.

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