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Die Gegenwart · 1867-05-24 · 21 (24.5.1867) · p. Seite 164

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
21 (24.5.1867)
Date
1867-05-24
Page
Seite 164 (sequence 4)
Language
German
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164 Welche im Leben sich radikal reformirt und emancipirt hat von allem Alten, von Gpeisegesrtzen, Sabbatgesetzen u. dergl., welch« in ihre« Häusern, tu ihrer Erziehung jede Spur jüdischen Leben« au-zuwischen trachteten, deren -Inder sich in Folge solcher Erzie« Hang ablehren von jeder religiösen Theilnahme — auch sie find dennoch, wenn von Reformen im Eultu«, in der Lehre, in der Darstellung de- Iudenthum« die Rede ist, durchaus antireformi« stisch und ich habe schon oft mit Ekel von solchen Leuten den Ein« Wurf hören müssen: dadarf nicht sein, daist gegen di« alte Vorschrift, gegen da- Herkommen, dabei geht da- Iudenthum zu Grunde. Und wie man von mancher nichtjüdischen Seite noch immer von Reformjuden wie von ungläubigen, nihilistischen, gefährlichen Menschen spricht und sie verdächtigt, ist bekannt genug. r Wer nun aber seit dreißig Jahren und länger den Gang der Entwicklung im Iudenthummit Aufmerksamkeit verfolgt hat״ und selbst in kleineren und größeren Gemeinden dabei thätig war, der hat Gelegenheit genug gehabt, sich ein Urtheil darüber zu bilden und so will ich dem einigen Ausdruck zu geben mir ge« statten, hoffend daß diese Blätter dafür einen Raum übrig haben werden; und zwar zunächst referirend. ^Den ersten großen Spektakel über cultuelle Reformen habe ich in meiner Jugend^ in Baiern erlebt, in größerem Maßstabe io Fürth, als vr. Levi Rabbiner wurde und in der Hauptsdna« goge einige Neuerungen einführte. Sie waren im Ganzen sehr mäßig und untergeordneter Art, Piutim wurden außer an den Hauptfesttagen abgeschafft, ebenso der alte Singsang, Chor und angemessener Vortrag de- CantorS mit Recitativ der Gemeinde wurde eingeführt u. s. w. Im Lager der dort noch zahlreichen Orthodoxie war großer Lärm darüber, Anklage über Neologie —"eine in Baiern sehr häufige Bezeichnung der Hinneigung zu Neuerungen auf religiösem Gebiete — erfolgte und Dr. Levi hatte unter dem damaligen baierischen Ministerium große Kämpfe zu bestehen und bekam scharfe Borwürfe. Aber die Sache selbst ließ sich nicht unterdrücken, das Bedürfniß nach Umgestaltung de« cultuellen Lebens blieb, und nicht bloS die freiere Richtung de« Geistes, welche allmälig überall in den jüdischen Gemeinden zur Geltung kam, erheischte eine Purifikation de- EultuS von den Verwilderungen, von den vielen Mißformen und Mißgestaltungen, welche sich ihm in trüben, wilden Zeiten angesetzt hatten, sondern selbst orthodoxe, über jeden Berdacht der Herterodoxie erhabene Männer legten Hand an dacultuelle Leben, schafften den und jenen מנהג ohne Bedenken ab, führten Chor, Recitativ, wohl auch deutschen Gesang ein, wurden im gewiffen Sinne Reformer. So die ersten, bekanntlich äußerst conservativen Landrabbiner zu Ol« denburg — um von meinen Erfahrungen zu reden —, war« auch nicht gar so viel, wa« sie anordneten, so war'- doch für die da« malige Zeit von großer Bedeutung. Da« deutsche Element im Gebete kam zwar noch wenig zur Geltung, desto mehr aber im Bortrage, in der Predigt; al- Prediger — Adler war ein guter, und predigte streng logisch und schokgerecht — waren sie Refor« wer, denn eist nicht zu leugnen, daß die Einführung der Pre« digt mit ihrer strengen logischen Zucht und Gliederung an der Stelle der wildrankigen ררשח, mit ihrem einfachen, dem Leben zugekehrten Inhalt, dem reformatorischen Streben im Iudenthum gar sehr Borschub geleistet hat, daß dadurch da- Nachdenken ge« weckt, da- Urtheil, auch de- Laien herauSgefordert wnrde und wird. Anch die Orgel fand schon in den vierziger Jahren eine Stätte in unseren nordwestlichen Lande-theilyi, in Hilde-Heim, und der Rabbiner, welcher sie gestattete, Bödenheimer, war ein strrug ftommer und taluwdksch^elehrter Mau». Eie ist noch dort, trotz der Anfeindungen, die sie seitdem erfahren hat und trotzdem daß im Haunövrischen die Orthodoxie auch unter den Juden tu Blüth« ist. Eie ist noch dorH. freilich die -einzige dtjetzt in unfern» Nordwesten; in Hannover selbst, wo jetzt eine große Synagoge gebaut wird, steht ihre 1 Zulassung noch sehr in Frage. Dahlago« gen fft eine andere Reform, welche ich in ihrer Bedeutung besou» derdarum, weil durch sie auch da« weibliche Geschlecht zu fei« nem religiösen Rechte kommt, für wichtig halte, jetzt iu Hannover und bei un« ganz allgemein und dort sogar gesetzlich vorgeschrte« ben — die Eonfirmation. Sie ist angeordnet nicht etwa von den Neologen, sondern von ganz orthodoxen Rabbinern. Wenn man auf solche Thatsachen — und ähnliche zeigen sich ja überall — hinblickt, so gelangt man auch von prakttscher Seite zu dem Resultate, daß, wenigsten« wadacultuelle Lebe» betrifft, die Einführung von für nöthig erkannten Reformen nicht im Widerspruch steht auch mtt streng conservativem, religiösem Bewußtsein, wie ja auch historisch der jüdische Sultu« nie ein stabiles, sondern ein flüssige- Element war. Dar Maß deffrn aber, was nöthig ist, richtet sich nach dem Bewußtsein, nach der gan« zen Richtung der Zeit, und wiederum richtet esich nach dem Bildungsgrade, nach der JMelligenz und nach der Stellung einer Gemeinde. Ein absolute-, überall giltige« Maß dafür giebt es nicht und kann enicht geben. Der einen Gemeinde genügt e« schon, wenn nm die Form de« EultuS eine ansprechende, schöne-ist, keinen Anstoß erregt, wenn Einrichtung und Vortragsweise im Gibet und Gesang einladend und andachterregend sind. Die andere verlangt, viel weiter und ttefergehend, mehr, verlangt deutsch« Gebete. Entfernung solcher Sebettheile, welche mit ihrem religiö« sen und socialen Bewußtsein im Widerspruch stehen, z. B. die Bitte um Wiederherstellung de- Opfer« und Priesterdienste-, de« einstigen Tempelcultu«. Wo aber innerhalb einer Gemeinde di« Elemente noch gemischt und verschieden sind, da hat man Com« promiffe, Zugeständniffe von der einen wie der andern Sette nicht gescheut, und in kleinen Gemeinden sind sie unbedingt zulässig und nothwendig, um Zerwürfniffen, um dem Verfalle deganzen cul« tuellen Leben« vorzubeugen, um die Einheit zu erhaltend Iu grö« ßeren Gemeinden mag e« zu einer Scheidung kommen und ist eS ja, häufig gekommen, weil da die extreme Sttömung nach beiden Seiten hin zu stark ist. Aber trotz solcher Scheidung geht e« doch nicht ohne Lompromiffe ab, weil, abgesehen von den Extre« men, überall eine Mittelrichtung, eine zahlreiche Mittelpartei sich findet, welche reformiren oder doch noch vieleliebgewordene Alte conserviren will. Und im EultuS ganz und völlig den Ausdruck und die Consequenz principiellen Denken-, philosophischer oder kritischer Bettachtung-weise suchen und verlangen ist eine unstatt« haste Forderung, welcher kein Cultu« zu genügen vermag. Tiefer und viel bedeutsamer wird die Reformfrage, wena e« sich um die Darstellung de- Iudenthum-, seine- Lehrgehalt«, seiner Mission,' seiner ganzen Geschichte und geschichtlicher» Ent« Wicklung, wenn e« sich um die Darstellung seiner innern Wahr» heit, seiner Glauben-grundsätze, seiner Forderung an seine Bo» krnner auf der Kanzel, in den Schulen und dem höheren Reli« giou-unterrichte handelt. Wer aufmerksam war auf da-, wain dieser Beziehung in den letzten Decennien namentlich in Deutschland vorgegangett ist, der weiß, daß hier die Rede ist vou einer gewalttgen Reform, von einer Reform, welche nicht mtt Willkühr und freie« Aaltek gemacht wird und Lompromiffe zuläßt, sondern die thell« von tu« neu heraus, theildurch die zwingende Macht de- Leben» gekem-

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