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Die Gegenwart · 1867-05-17 · 20 (17.5.1867) · p. Seite 158

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
20 (17.5.1867)
Date
1867-05-17
Page
Seite 158 (sequence 6)
Language
German
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ist. Dieser Geist der Freiheit breitet sich auch außerhalb au«, selbst da, wo er mit äußeren Hiuderuissea einer sich selbst miß- »erstehenden Regierung zu ringen hat. Denn es leuchtet dieser doch ein Beispiel vor, daß bei Freiheit, für die öffentliche Ruhe und Einigkeit degemeine« Wesen» nicht da» minveste zu besorgen sei. Die Menschen arbeiten sich von selbst nach und nach au» der Rohheit heraus, wenn man nur nicht absichtlich künstelt, um sie darin zu erhalten. x Ich habe den Hauptpunkt der Aufklärung, die de- AuSgan. ge» der Menschen au» ihrer selbstverschuldete» Unmündigkeit, vorzüglich in Religion-fachen gesetzt, weil in Ansehung der Künste und Wissenschaften unsdre Beherrscher kein Jntereffe habm, den Vormund über ihre Unterlhanen zu spielen, überdem auch jene Unmündigleit, so wie die schädlichste, also auch die entehrendste ujiter allen ist. Aber die Denkungsart eine» Staatsoberhauptes, der die erster« begünstigt, geht noch weiter, und sieht ein: daß selbst in Ansehung seiner Gesetzgebung e» ohne Gefahr sei, seinen Unterthanen zu erlauben, von ihrer eigenen Vernunft öffentlichen Gebrauch zu niachen und ihre Gedanken über eine bessere Abfaffnng derselben, sogar mit einer freimüthigen Kritik der schon gegebenen, der Welt öffentlich vorzulegen; davon haben wir ein glänzendes Beispiel, wodurch noch kein Monarch demjenigen vorging, welchen wir verehre». Aber auch nur derjenige, der selbst aufgeklärt, sich nicht vor Schatten fürchtet, zugleich aber ein wohldiSciplinirtcS zahlreiches Heer zum Bürgen der öffentlichen Ruhe zur Hand hat, — kann das sagen, was ein Frestlaat nicht wagen darf: räsonnirt so viel ihr wellt und worüber ihr woUt, nur gehorcht! So zeigt sich hier ein befremdlicher nicht erwarteter Gang menschlicher Tinge, so wie auch sonst, wenn man ihn im Großen bctrachtet, darin fast alle» paradox ist. N Ein größerer Grad bürgerlicher Freiheit scheint der Freiheit des Geistedes Volkes vortheilhaft, und setzt ihr doch unübersteigliche Schranken; ein Grad weniger von jener verschafft hingegen diesem Raum, sich nach allem seinem Vermögen ausznbreitcn. Wenn denn die Natur unter dieser harten Hülle den Keim, für den sie am zärtlichsten sorgt, nämlich den Hang und Beruf zum freien Denken auSgew'ckelt hat; so wirkt dieser allmälig zurück auf die Sinnesart des Volks (wodurch dieses der Freiheit zu handeln nach und nach fähi« ger wird) und endlich auch sogar auf die Grundsätze der Regierung, die es ihr selbst zuträglich findet, den Menschen, der nun mehr als Maschine ist, seiner Würde gemäß zu behandeln. Ahylock. Ein Engländer, Herr Henry A. Franklin publicirte vor einiger Zeit eine Flugschrift uuter dein Titel ״Bemerkungen über Shakespeare und seinen Kaufmann von Venedig", welche über diese» Werk einige sehr interessante Mittheilungen enthält, die zum Thcil noch neu sind. Wir geben einen Abschnitt in der Uebersetzung: Unter all der unendlichen Verschiedenheit seiner dramatischen Schöpfungen ist vielleicht keines seiner Lustspiele — denn als solche« betrachten es die fähigsten Kritiker — großartiger in seinen Projeetione», als ״der Kaufmann von Venedig". Die wunderbare Geschicklichkeit, mit welcher er, in dem so ungemein fesseln- Von Stücke, zwei so ganz verschiedenartige Erzählungen, wie die von dem Scheine und dem Schmuckkästchen, verflochten hat, wurde schon häufig von fähigeren Kritikern belebt. ES ist jedoch uieuials fSstgestkilt worden, selbst nicht durch den wärmsten Lobredncr de» Dichter-, ob der Gegenstaiw de« Stückeauseiner eigenen Erfindung herstammt, denn eist «ach Worton. welcher sichaof.vie Autorstät von Äosson'S, im Jahre 1579 gedruckter ״Schule de» Mißbrauchs״ stützt״ sicher, daß ein Schauspiel ״der Jude", «eckcheS ein.ähnliches Thema behandelt, lange auf der Bühne war, ehe es Shakespeare adoptirte und umarbeitete. So viel steht fest, daß der große Dramatiker seinen obfcuren Vorgänger völlig überflügelte. — Der Ursprüng en dramatischen Einheit in de« Dichter» Geist wird somit hinlänglich ohne weitere Nachforschungen erklärt sein, und in der That macht auch der unermüdliche Halliwell in seiner ״Collatlon of Shakespeare“ (1865) keine weseutlich neuen Bemerkungen über den Ursprung der beiden Erzähluügen. Die von dem Schmuckkästchen läßt szch auf die ״Gesta ßomanorum“ zurückführen, von welcher zu Shakespeare'» Zeit eine Uebersetzung existirte; die Erzählung von dem Scheine findet sich in derselben Sammlung, während die Episode der Enffüh- ^nrng einer Novelle des Massurio von Salerno entnommen ist. -r- In der so oft citirten Ballade von dem Schuldschein ist GernutuS der Name des Juden; sie existirt in verschiedenen Formen und soll aus dem Orient, wahrscheinlich auö Persien herstammen. Die in Percy'S Reliquien, aus Leti'S Leben, des talentvollen und für seine Zeit aufgeklärten Papstes Sixtu« V., der sich^vom Schweinehüter zur päpstlichen Würde emporschwaiig“ — gegebene Version, in welcher die Religion des Schuldners und Gläubigers umgekehrt ist, kann nicht unter die Annahme gelange», daß sie unserm Dichter bekannt gewesen sei, da die neuestes Nachforschungen beweisen, daß dieselbe erst lange nach Shakespeare'» Drama den englischen Lesern bekannt geworden ist. — Die Annähme, daß er wissentlich die Legende geändert habe, entbehrt da« her jeder Begründung. — In welchem Geiste jedoch der schlaue Papst handelte, der wie die Erzählung besagt, Juden und Chri- . sten gleichmäßig zu einer schweren Strafe verurtheilte, weil sie eS unter seiner aufgeklärten Regierung gewagt hatten, einen so sündhaften Schuldschein anfzusetzen und zu unterzeichnen — wird durch seinen Biographen Leti genügend erklärt, indem er sagt: ״Die Cbristen schröpfte dieser Papst am Halse, die Juden aber ließ er an allen Gliedern zur Ader. Wie man sich erzählt, daß hungrige Menschen von Fcstmählern, Bettler von unermeßlichen Schätzen träumen, so war eS diese» ehemaligen Schweinehirten beständige Sorge, sein Eigenthum zu vermehren und eingedenk ver biblischen Vorschrift an daS auSer« wählte Volk, befahl er denselben, nie mit leerer Hand vor ihm zu erscheinen." Wenn er gebrauchte, waS jene gesammelj, so kostete eS ihn nur einen Druck wie Hamlet sagt und wie ein Schwamm, den man auSgepreßt, waren sie wieder trocken. Wird also Sixtu» V. in Beziehung zu den Juden al» der toleranteste Herrscher angesehen, so können wir unS ein richtige» Bild von ihrer tiefen Erniedrigung in anderen Ländern entwerfen. Hier ist e» vielleicht am Platze, eine Episode mitzutheilen, welche auf den Gegenstand Bezug hat, und die wir der ״Geschichte der Juden" von Grätz verdanken. Während Shakespeare, allem Anschein nach, die Quellen studirte, denen er sein wundervolles Merck entnahm, trug sich eine seltsame Geschichte, so zu sagen vor seinen eigenen Augen zu, die vielleicht nicht ohne Einfluß auf seinen umfassenden, für jeden neuen und großen Eindruck empfänglichen Geist gewesen sei» mag. Die Inquisition hatte a«S Spanien selbst den Name« ״Jude" verbannt. Bei weitem der größere Thril de- »erfolgte« Geschlechthatte ein Asyl in gastlicheren Regionen gesucht, um die Gliickswechsel zu erfqhren, weiche ihrem Volk stet-eigeMhüm»

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