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Die Gegenwart · 1867-05-03 · 18 (3.5.1867) · p. Seite 142

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
18 (3.5.1867)
Date
1867-05-03
Page
Seite 142 (sequence 6)
Language
German
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142 Die Gegenwert. rcnb der größte Theil der altm Ruhestätte von großen Neubauten jetzt bedeckt wird. Da» alte Judenlazareth war in dem noch bestehenden Häuschen kandwehrstraße 3 (Judengaste) befindlich. Es wird jedenfalls in vielen -reisen ein gerechtes Bedauern erregen, wenn ich hier mittheile, daß jenes urälteste Denk« mal der Berliner Judengemeinde am 17. Januar v. I. hat fallen müssen, um dem Renbau eine» Staklgebäudes Platz zu machen, obwohl die Stätte selbst, wo da» Leichenhaus durch sechs Jahrhunderte gestanden, nicht überbaut wird, viel« mehr dort eine Kalkgrube etablirt ist. Der Befttzer, Herr Kirchner, will Bohrungen auf diesem Terrain sehr gern er« lauben. Sind auch in der Judengaffe (Landwehrstraße) die Unglück« lichsten Opfer vergangener Zeitkäufe bestattet, welche die Zeiten der Trübsal zur Epoche des schwarzen Tode» (1346) und die Schrecken von,1510 und 1571 mit ansehen und die ConfiSkattoneu von Hab und Gut ertragen mußten, so hatten sie doch wiederum den Trost gehabt, bedeutsame Männer unter sich wan« dein zu sehen, an deren Gegenwart sie sich zeitweise aufrichten konnten. So lebte Juda von Frankfurt a. O. in Berlin, den die Möller'sche Chronik für einen verkappten Grafen v. Reinstein.auSgiebt. Ein großer ConfluxuS von Todten scheint damals nicht gewesen zu sein, da die Toleranz unter den ASkaniern viele Ruhestätten gestattete, was die bayerschen und luxemburger Herrscher beschränkt zu haben scheinen. Zn unserer Stätte in der Oranienburgerstraße zurückkehrend, lohnt eS wehl noch der Mühe, Einiges in u»serer ersten Betrachtung Uebergangene nachzuhelen. Dieser Friedhof war eigentlich ein Diöcesan-Kirchhof. Die Todten wurden hierhin importtrt von vielen Städten der Mittelmark, welche einen eigenen ״Judenkiwer" nicht hatten — sonderbares, mittelalterliches, selbst von christlichen BehSrve» gebrauchtes Wort, daS offenbar hebräisch ist und dem Begriff Kirchhof geflistentlich ausweicht, weil die« ser von KvQtos, Kvqytjtij herstammende Ausdruck nicht paffend erscheinen mochte. Die Jmportation von Todten' nach Berlin fand erweislich statt au» Spandau, Nauen, Cremmen, Zehdenick, Oranienburg, da erst die uralte Frankfurter Gemeinde wohl die nächste Ruhe« stättc besaß. Auch aus den Dörfern, wie z. B. Friedrichsfelde, wnrden die in der Diaspora Verstorbenen hierher übersiedelt, um von den Trübsalen der Verfolgung eine lange Ruhe anzutreten. Eine harte Zeit hatte damals ein jeder Jude durchzumachen, Si« tuationcn, an welche zurückzudenkcn Manchen wohl mit Dcmuth und Dankbarkeit zu erfüllen angethan ist. Ans dem Friedhof in der Oranienburgerstraße sind dem Nachweise des unermüdlichen Regenerators deffelben Hrn. Land»« Hut, zufolge, innerhalb 150 Jahren an 12,000 Beerdigungen vorgekominen, eine große Anzahl, wenn man sich lediglich an die kleine damalige Berliner Gemeinvp halten wollte. Die Ruhestätte, wohin bekanntlich alle Verstorbenen auf den Schultern d^r Ihr!« gen getragen wurden und die mit der innigsten Anhänglichkeit von den Hinterbliebenen zu gewisten Zeiten noch heut vielfach be« sucht wird, wurde einst von einem herben Unfall betroffen, dessen Spuren noch bi» heut nicht ganz vom Zeitenstrom fortgeschwemmt sind. Als daS Haus Rosenthalerstr. 38 noch niedrig war und eine Durchfahrt zum Kirchhof (der dicht an den Sophienkirchhof grenzt, wo heute noch die Grabmäler von Rammler, Moritz, Zel« ter und der berühmten Dichterin Karschin zu erkennen) darbot, eilten Feuerspritzen hindurch, einen großen Brand in der Oranienburger Heerstraße zu löschen. Namentlich sind damals viele Holzmonumente zertrümmert worden, welche für ärmere Leute in Gebrauch waren. Die Häuser Oranienburgerstraße Rr. 9 und 10, find eigent« lich niemals jüdische- Friedhofsterrain gewesen. Daß sie, auf Zuwachs berechnet, angekauft worden, ist nicht plausibel. Nahezu unerklärlich ist es jedoch, woher die enorme Menge von mensch« lichen Gebeinm rührt, welche bei dem FundamentauSgraben der jetzigen Neubauten dort zu Tage befördert worden. Der Sophienkirchhof hat nie bi« dahin gereicht, die Schädelstätte auf dem Schinderberge (Oranienburgerstraße 27, später bekanntlich ״bei Sommer»") hat niemals bihierher sich erstreckt. Sollten ge« schichtskundige Berlinologen eine bessere Ausdeutung dieser großen Katakombe liefern wollen, so wäre e» sehr erwünscht. Die genann« ten Ueberreste sind von Hrn. Dr. Badt genauer nach Alter und und Beschaffenheit untersucht worden. Interessant ist noch die Auffindung eines alten Denkstein« unter dem Trottoir vor dem Hause Oranienburgerstraße 7, der sich jetzt auf dem Kirchhof befindet und׳ gelegentlich der vom Amt« mann Griebenow 1860 erfolgten Renovation der von ihm er« wordenen Baulichkeit zum Vorschein kam. Bon interessanten Grabmälern, so weit wir sie nicht im Art. I. genannt haben, sind noch anzuführen: da» des Brotherrn Mendelssohn'», Bern« hard (Bärman au- Zülz), der da» bekannte HauS Spandauer« straße 68 besaß, welche», wie man sich erzählt, beim Verfall der Familie später ein früheres Dienstmädchen kaufte, die im Keller wohnte und dort drei Originalbildniffe de» Weltweisen Jedem vorzeigte. Ferner liegt hier der Philosoph vr. Saul Ascher, Verfasser des ״Leviathan" und vieleranderen Werke, gest. 1822. Seine Tochter war die vor einigen Jahren verstorbene Frau Joseph Wolf, die die Schwiegermutter de« Professor» DönnigeS (später von DönnigeS, früher Lehrer von Friedrich Wilhelm IV. und dann des jetzigen Königs v. Bayern) mithin die Großmutter von Frau Helene v. Rackowitz, geb. v. DönnigeS war. Herr LandShut hat die noch erhaltenen 5000 Grabschriften getreu copirt und mit den gründlichsten Commentaren versehen. Doch ist eS zu - verwundern, daß dieses kostbare Material bis« her historisch noch nicht verwerthet ist und noch als Manuscript ablagert, da doch in diesem Falle eine durch solches Verfahren vielleicht erwartete Selbstcorrectur nach Art des ״nonum prematur in annum" nicht zu erwarten steht, und gerade jetzt wo der Verein für die Geschichte Berlins in seine Blüthe getre« ten, manches Interessante auch fiir diesen sich vorfinden dürfte. Bon besonderem Interesse ist das Grabmal des königlichen HofgraveurS Abrahamson, gest. 1811, weit berühmt, ein Zeit« genösse und Freund de« großen Medaillenkenners, Ober-Medizi« nalraths Moehsen, und hat sich besonder« durch schöne Me« daillen auf den Oberbaurath Jtzig, Gymnasial-Director Meierotto, den Dichter Ramler, Johann Reinhold Förster, den Freund Cook'S, den am ^7. April 1785 beim Retten Ertrinkender selbst verunglückten Prinzen Leopold von Braunschweig in Frank« furt a. O. (vergl. die Aufzählung altberlinischer Medaillen im Besitze deS Hrn. Kanzleiraths Voßberg, Spenersche Zeitung vom 6. Januar 1866) so hervorgethan, daß er Mitglied der Akade« mieen der Wissenschaften zu Flotenz und Kopenhagen wurde. Daß man auch bei diesem Wappenstecher stets die Bezeichnung ״Pach" findet, hat in dem Umstand seinen Grund, daß dies eine Abbreviatur und quasi vox raemorialis der Anfangsbuchstaben von Petuach Chosem ist, d. i. Stecher, Meißler der Wappen, im Allgemeinen überhaupt manueller Künstler, so daß Pach zu einem Familien« namen werden konnte. Dr. Julius Beer.

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