Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 18 (3.5.1867)
- Date
- 1867-05-03
- Page
- Seite 140 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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140 Die Gegenwart. Hastigkeit und Gottesfurcht ju bemühen; denn auch von dem Maße dieser hängt eure eigne Befriedigung und wohlwollende Behänd« lung ab. — Indem auf diese Weise dem Levitenstamme der Quell des Lebensunterhalte» und aller andern Genüsse und Freuden au» dem Boden de» Bolkes zufloß, sollte sich eine innige Gemeinschaft, ein steter Lebensverkehr, ein sittliche», auf voller Gegenseitigkeit beruhendes Verhättniß zwischen dem Bolle und seinen Lehrer bilden, jenes wahre Freundschaftsband, welche» den Gebenden ebenso be« glückend als seldstbeglückt sein läßt, den Empfangenden aber nicht beschämt, sondern mit dem Bewußtsein würdevollen Verdienstes erfüllt. Anstatt also die späteren Ausschreitungen der Kirchen und Synagogen auf die biblisch-gesetzlichen Vorgänge zurssckzusühren, sollte man lieber in ihnen die Grundlage zu einer gerechten und heilsamen Ausgleichung zwischen den religiösen Bedürfnissen der Menschen und den. Anforderungen derer, welche sie zu erfüllen berufen sind, erblicken. Die ״Lodtenlsiye". I» den letzten Zeitläufen de» Mittelalters entstanden jene eigenthümlichen Darstellungen, die in einer Reihe allegorischer Gruppen unter dem Bilde de» Tanze» die Macht des Todes über den Menschen veranschaulichen sollten, die sogenannten Todtentänze. Die in den Wirren und Nöthen des 14. Jahrhundert» zwischen sinnlicher Genußsucht und bangster Todesfurcht bald auSgelassen jubelnd, bald bußfertig zerknirscht hin und her taumelnde VolkSftiinmung fand ihren Ausdruck in einer Art geistlicher Schauspiele, welche Leben und Tod, Weltlust nnd Verderben mit einander zum Tanze verband, um so den Menschen zu Gemüthe zu führen, daß sie alle ohne Ausnahme, weß Standes, Geschlechts und Alters sie auch seien, sterben müßte». Ursprünglich waren es im Ganzen 24 Personen, vom Papste an in der Rangfolge abwärts bis zum Säugling in der Wiege, an welche der Tod mit einem zum Tanze auffordernden Spruchlein herantrat, worauf dann jede mit einer Erwiderung Folge leistete. Diese Todtcntanzreime fanden namentlich in Deutschland sehr starke Verbreitung, und bald erschienen sie auch durch Holzschnitte illustrirt, ja, sogar in kirchlichen Gemälden dem bußfertigen Volke dargcsteUt. Die geheimnißvolle Ausbreitung großer, pestartiger Epivemicen gab besonders Veranlassung dazu, daß solche Gemälde gleichsam als Sühnopfer in die Kirchen gestiftet wurden. Von den 36 bekannten gemalten oder künstlerisch dargestellten Todtentänzen (auch Holbein hat bekanntlich einen gemalt) stammen vier aus dem 14. und zwölf ans dem 1b. Jahrhundert, während die übrigen jüngeren Ursprungs sind. Biele hat bereits der Zahn der Zeit zerstört; man kennt sie nur noch au« Nachbildunge» im Holzschnitt. Der am besten conservirte ist der Lüdeck er, obschon sich auch von ihm nicht sagen läßt, daß er das ursprüngliche, um 1470 gefertigte Originalbild ist. Man hat in ihm freilich nur eine im Jahre 1701 gefertigte Copie, aber dieselbe ist so gewiffenhaft dem Urbilde nachgeahmt, daß, wenn sie auch nicht auf Holz, wie jenes, sondern auf Leinwand gemalt ist, sie doch dasselbe Raumverhältniß und genau dieselbe Ausführung bis ins kleinste Detail zeigt. Der Maler, der sich dieses Ber« dienst erworben, hieß Anthony Wortmann und bekam, laut Wochen« buch des Marienkirchcn-VorstandcS, dafür 161 Mark 14 Sch. au-bezahlt. Leider sind bei dieser treu gcwiffenhaften Conterfeiung die ursprünglichen niederdeutsche» Reime beseitigt und durch recht geschmacklose hochdeutsche ersetzt worden, welche ein gewisser Rathanael Schlot! aü» Danzig. Präceptor am Lübecker St. An« nenkloster, grschniiedet. Im Jahre 1853 hat der Maler E. I. Milde den Todtentanz, der sich iu einer Kapelle an der Nord» feite der Marienkirche befindet, gründlich gereinigt und gefirnißt und dabei eine ganz genaue Abzeichnung davon genommen. Letztere jft nun bei H. G. Rath gen» in Lübeck lithographirt und in acht Tafeln gedruckt worden. Prof. W. Mantels hat dazu ein erläuterndes Vorwort verfaßt und dabei auch die alten niederdeutschen Reime, wie sie v. Melle 1713 aufzeichnete, so wie den Wortlaut des alten Drucks von 1520 mitgetheilt. Der älteste Text ist ganz verloren gegangen, nur eine Spur davon hat sich im Volksmunde erhalten, nämlich die zwei Zellen, welche der Säugling in det Wiege zum Tode spricht: O Dort, wo schal ik dat vorstan? f Jk schal danssen unde kan nicht gan. r Aelter als die deutschen Todtentänze und vermuthsich ihr Vorbild war der ״Makaber"/(6anss8 wacabres), eine kirchliche Maskerade. Der Gedanke liegt sehr nahe, daß Makaber mit מקבר, Jerem. 14, 16; 16, 4. 6; 25, 33; Ezech. 33.14; Hosea 9, 6; identisch sei. Ein solcher Makaber befand sich um die Mitte deS 14. Jahrhunderts an den Wänden des Kirchhofs der unschuldigen Kinder zu Paris; das Kapitel von St. Paul zu London ließ denselben copiren, um seine Klostermauern damit zu schmücken. E. Peignot Untersuchungen über die Todtentänze und den Ursprung der Spielkarten, Dijon und Par. 1826. Dir Schöpfung. (Schluß zu S. ISb.) Wenn der Mensch mit der Macht eines Gottes begabt, eine Welt erschaffen wollte; so hätte er es ungefähr so anfangen müffen, wie eS hier beschrieben wird. Er würde nur gesagt haben, eö werde Licht! und es wäre Licht geworden; dann würde er das Licht von der Finsterniß unterschieden, und ihm einen Namen gegeben haben, damit es nicht nur an sich selber, sondern auch in seiner Vorstellung unterschieden gewesen wäre; dann hätte er sein Werk angesehen und sich darüber gefreuet: denn es war sehr gut. — AuS eben diesem Grunde sind auch dieser Crzäh« lung die einfachsten Begriffe von Zeit und Zahl mit eingewebl, die für uns ein so nothwendigeö Bedürfniß sind, wenn wir unsre Vorstellungen, in Ansehung ihrer Aufeinanderfolge, in unsrer Seele ordnen wollen. Daher heißt es durchgängig: So ward auS Abend und Morgen der erste, zweite Tag u. s. w. Auf diese Weise scheint sich die Erzählung, wie eS. mit der Schöpfung-oder Entstehung des Weltalls wohl zugegangen sein möge, ihrem Verfasser in einer glücklichen Stunde der Begeisterung, gleichsam aufgedrängt zu haben. Indem er aber die Entstehung der Welt an sich selber schildern wollte, so schilderte er doch im Grunde weiter nicht», als die Entstehung oder Schöpfung derselben in der Vorstellung der Menschen, wie eS diesen gelang, sich durch Unterscheiden und Benennen, oder waS einerlei ist, durch die Sprache, allmälig einen immer deutlicheren Begriff davon zu bilden. Und in dieser Hinsicht, wie er die stufenweise Entstehung der menschlichen Begriffe vermittelst der Sprache be« schreibt, wäre denn MoseS sowohl Philosoph als Dichter gewesen; obgleich daS erste mehr zufälliger Weise, weil er nicht sowohl zur Absicht gehabt zu haben scheint, von dieser wirklichen Entstehung der menschlichen Begriffe zu reden, als vielmehr eine wahrscheinliche Fiktion von der Schöpfung deS Weltalls zu entwerfen. So wie nun oft die Begeisterung den Dichter zum Philo-