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Die Gegenwart · 1867-04-19 · 16 (19.4.1867) · p. Seite 126

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
16 (19.4.1867)
Date
1867-04-19
Page
Seite 126 (sequence 6)
Language
German
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126 Di« Gegenwart. Ahnen nach der Zerstörung Jerusalems schildert?) \Gn drei kurzen Monaten mußten alle nicht bekehrten/Jude», bei! Todesstrafe, den spanischen Boden verlassen?) Obgleich man ihnen gestattete ihre Habseligkeiten zu derkanfen, verbot man ihnen doch wieder andererseits Gold oder Silber ans Spanien wegzuführen und diese Maßregel machte sie, gegenüber der Raubgier ihrer Verfolger, fast hilflos, Masten, welche in die Hände der nm die Küste schwärmenden Seeräuber fielen, wurden all' ihres Besitzthums beraubt und in die Sllaverei geführt; Masten starben an Hunger oder Pest oder wurden mit schrecklicher Grausamkeit gemordet oder von den afrikanischen Wilden gemartert, oder von Stürmen an die spanische Küste zurückgeschleudert. Zarte Frauen, ans glänzenden Wohnungen inmitten der Orangenhaine vcn Sevilla oder Granada verjagt. Kinder, kaum den Mutterarmen entwöhnt, Greise, Kranke und Sieche kamen zu Tausenden um. Ungefähr 80,(XX), die sich auf das Versprechen des Königs verlosten, flüchteten nach Portugal, aber auch dort verfolgte sie der Haß der Spanier. Line Mission wurde organisirt. Spanische Priester stachelten die Portugiesen zur Wuth auf, und der König wurde bestimmt, ein Evict .jit erlassen, welches sogar daö der Jsabella in den Schatten stellte. Alle erwachsenen Juden wurden aus Portugal verbannt, vorher jedoch all' ihre Kinder unter vierzehn Jahren ihnen cntristen, um als Christen erzogen zu werden. Da, fürwahr, war denn der Kelch der Bitterkeit bis zum Rande voll. Die heitere Standhaftigkeit, mit welcher die Vertriebenen so viele und so schmerzliche Trübsale ertragen, ließ nach, und an ihre Stelle trat der wildeste ParoxiSmuS. Herzzerreißende Angstrufe füllten das Land. Frauen stürzten ihre Kinder in tiefe Brunnen oder zerrissen sie lieber gliedweise, als sie den Christen auSzuliefern. Als sie schließlich kinderlos und gebrochenen HerzenS das Land zu verlassen suchten, fanden sie, daß die Schiffe absichtlich zurückgehalten wurden, und da die anberaumle Zeit verstrichen war, so wurden sie in die Sklaverei geführt, und gcwaltsain getauft. Durch die gnädige Vermittlung RomS erlangten zuletzt die meisten von ihnen ihre Freiheit wieder, aber die Kinder wurden ihnen für immer entristen. Ein großer Frcudenschall füllte die Halbinsel und verkündigte, daß der Triumph der spanischen Priester vollkommen wäre?) Gewiß erbleicht der Heroismus der Vcrlheidigcr jedes andern Glaubens in Nichts vor diesem Märtyrervolk, welche« dreizehn Jahrhunderte lang all' den Leiden die Stirn bot, welche der wildeste Fanatismus erdenken konnte, lieber Schmach, Beraubung, Verletzung der theuersten Bande und die Auferlegung der schrecklichsten Qualen erduldete, denn seinen Glauben verließe. Denn die Juden waren keine asketischen Mönche, abgestorben allen Hoffnungen und Leidenschaften des Leben», sondern Menschen, welche die weltlichen Bortheile, die sie aufgaben, im hohen Grade würdigten, und deren Liebe dafür, wegen de« engen Kreises, auf welchen sie beschränkt waren, um so lebhafter geworden war. Enthusiasmus und die sonderbaren Erscheinungen von Extase, welche ihren so großen Einfluß in der Geschichte der Verfolgung geltend *) Pico von Mirandnla. •) Geiia» läßt sich die Zahl drr Vertriebenen nicht angeben, denn die spanischen Geschichtsschreiber weichen in ihren Angaben sehr ab. Eardoso schlitzt sie 120,01)0, Mariana aus 800,000, Paramo sagt, manche geben sie aus mehr al« 170,000, und andere auf mehr als 400,000 an (S. >67). Justinian» sag« 420,000. Große Mafien von Juden entzogen sich der Der. bannung durch die Taufe. *) Brdarride S. 291—301. Paramo 23». Paramo sagt, da« pottu. giefische BerbannungSdekrrt wäre einfach an die Stelle eine« solchen über die gewaltsame Taufe gttreten. gemacht, welche so viele Märtyrer mit übermenschlichem Muth gestählt und die Angst vor so dielen fürchterlichen Torturen gescheucht oder vernichtet haben, waren hier fast unbekannt. Die Verfolgung kam über die Juden in den schrecklichsten Formen, doch umgeben von jeder Art kleinlicher Quälerei, die ihr da» Großartige nahm, und so blieb sie Jahrhunderte lang ihr dauernde« Theil. Aber trotz all' dem schwang sich der Geist diese» wunderbaren Volkes empor. Während die um sie her in Finsterniß und bethörter Unwissenheit herumkrochen, während täuschende Wunder und lügenhafte Reliquien die Themate waren, über die fast ganz Europa verhandelte, während der Geist deS ChristenthumS, im Joche von grenzenlosem Aberglauben, in eine TodeSstarre versunken war, und alle Liebe zur Untersuchung und alle« Forschen nach Wahrheit aiifgegeben waren, beharrten die Juden auf dem Pfad des Wissens, Kenntniß sammelnd uud den Fortschritt mit derselben unerschrockenen Ausdauer auspornend, die sie in ihrem Glauben an den Tag gelegt. Sie waren die geschicktesten Aerzte, die befähigsten Finanziers und zählte» zu den tiefsten Philosophen, während sie nur in Pflege der Naturwstsenschaften den Mauren nachstanden. Sie waren auch die Hauptdclmetscher der arabischen Wissenschaft für Westeuropa. Aber der wichtigste Dienst, den sie der Welt geleistet, und der hiei?) unS ganz besonders beschäftigt, ist die Wachhaltung kaufmännischer Thätigkeit, dessen Repräsentanten sie fast allein für Jahrhunderte waren. Durch Reisen von Land zu Land mit den Bedürfnissen und Erzeugnissen jedes einzelnen bekannt geworden, durch die Praxis de« GelvleihenS im großen Maßstabe und mit vollendeter Geschicklichkeit, durch Aufrechthalten eines andauernden, geheimen Briefver« kehr« und Organisirung eines damals in Europa beispiellosen Wechselsystems«), gelang es den Juden, sich der Christenheit unentbehrlich zu machen, bedeutenden Reichthum zu sammeln und, inmitten ihrer Leiden, mächtigen Einfluß zu erlangen. AlS die italienischen Freistaaten Zur Macht emporstiegen, wurden sie bald die Mittelpunkte, wohin die Juden zuströmten, und unter de» kaufmännischen Regierungen von Livorno, Venedig, Pisa und Genua wurde ein Grad von Duldung gehandhabt, der allerdings weit von Vollkommenheit, aber mindestens unermeßlich größer war, als irgendwo sonst. Die Juden waren vor Beleidigungen geschützt, sie konnten ärztliche Praxis und Geldgeschäfte unbehelligt betreiben, und die öffentliche Meinung sowohl, als die Gesetzgebung blickte auf sie mit Duldung. Das Institut zur Förderung der israetitischen Literatur. (Fortsetzung zu S. 119.) „Freilich war das Judenthum in der Gestalt, welche ihm die lange, in den ThalmudismuS auSmündende Geschichte verlieh, abgeschlossen und blieb auch für die arabische Bildung undurchdringlich; an eine auf da« Leben wirkende Gährung und Umgestaltung war nicht zu denken. DaS Judenthum hatte sich bereit« im Talumd zu einem enggeschlossenen Bau verfestigt, hatte in dieser Gestalt durch da» Uebergewicht Babylonien» und seiner Geonim, *) In dem Leckh'schen Werke. ' *) Eine sehr alte und allgemeine Uebrrlieserung schreibt die Erfindung de« Wechsel» den auS Frankreich vrrbanntm und nach der Lombardei geflüchtttcn Juden zu. Etwa« Gewichtige« laßt sich nicht dagegen Vorbringen, obgleich manche die Behauptung aufgestellt haben, die Italiener wären die eigentlich«» Erfinder gewesen. Jedensall» gehörtet» die Juden zu denen, welche zuerst von dem Wechsel Gebrauch machten. Die erste Notiz über den Wechsel soll in einem Statut von Avignon Ml dem Jahre 1243 sein. 1272 gab e« ein BenetiMische« Gesetz „11« Litteria Cambii.“

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