Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 16 (19.4.1867)
- Date
- 1867-04-19
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Berliner Wochenschrift für Jüdisch« Angelegenheiteu. der für das ganze Israel anerkannten Würdeträger, die weiteste Berbrettung gefunden; wie auch daS Nebeneinanderbestehen christlicher und arabischer Reiche mit weitauSeinauderzehender Bildung und Anschauung auch deren jüdische Bevölkerung in verschiedene Bahnen lenkte, zu einer Umbildung des JudenthumS kam enicht. Die Zerfahrenheit des Mittelalters, sein Mangel an dem soliden Unterbaue eines geordneten Staatewesens, an heiliggehaltenen Gesetzen, die dem ewigen Rechte entsprechen und bei aller Flüssigkeit dennoch den Bestand deS geselligen Daseins verbürgen, gerade sie machten das Festhalten an dem Bestehenden, an positive» Rechten und Sitten zur unantastbaren Nothwendigkeit. Wenn dieser Halt gebrach, war man ja steuerloS den wilden Gewässern preiögcgeben. Wo ein bindendes Staatsgefühl fehlt, steift sich eine jede Partikularität auf ihre ererbten Rechte und Gebräuche, weil sie bei deren Aufgeben nicht in dem einenden Ganzen aufgehen würde, sondern in einer andern nicht mehr berechtigten und von ihr mit uebenbuhlerischem Neide betrachteten andere» Partikularität unterzugehen besorgen muß. In diesem ihr auferlegten Selbsterhaltungstriebe darf sie an eine innere Umgestaltung nicht denken, um an Festigkeit, an historischer Berechtigung Nichts cinzubüßen. So hielten auch alle Religionen im Mittelalter mit der größten Zähigkeit an ererbte» Anschauungen und Einrichtungen fest. Allgemeingültige religiöse und sittliche Grundsätze waren nicht vorhanden, nur die eigenen festgewordcnen Vorschriften waren die einzige Stütze für Jedermann, das Band der Ordnung, die Grundlage für die gesellschaftliche Sicherheit; sie zu lockern, an ihnen zu rütteln galt für ein Verbrechen, und baö mußten gerade die Höherstehenden, selbst wenn sie Widerwillen gegen Einzelnes hegen mochten, umsomehr scheuen. Sie suchten die Anschauungen zu vergeistigen, nicht sie zu beseitige», die Satzungen mit vernünftigen Beziehungen zu erfüllen, nicht sie als werthloS zu verwerfen. DaS liegt im Wesen des Mittelalters, und eö kann unS nicht überraschen, wenn daS arabische Jurcnthum keine Ausnahme davon macht, wenn die Hochbegabteste» sich willig, mit wahrer, nicht erheuchelter Ehrerbietung unter ein Joch beugten, daö ihrer geistigen Höhe so unwürdig erscheint. Dem Mittelalter fehlte ferner die Fähigkeit der geschichtlichen Auffassung, der Erkenntniß, wie Alles, auch daS scheinbar Unbeweglichste, daS geistig Höchste im Gebiete der Menschheit einer stetigen Entwicklung unterworfen ist, auö ihr die zeitlich gewonnene Gestalt erlangt, wie sein Verständniß bloS niöglich ist, wenn man den durchlaufenen Gängen desselben nachspürt, seine wie heilsame Erhaltung nur darin beruht, daß eö mit dem weiteren geschichtlichen Gange gleichen Schritt hält. Man sah damals nur Belieben, Willkür, Laune der einzelnen Machthaber in den Ereignissen, und umgekehrt galt das Gute und Festzucrhaltende als der von vorn herein berechnete göttliche weise Plan, der aufgenommen und verehrt, aber nicht umgeprägt und angepaßt werden dürfte. Von dem göttlichen Geiste, der sich in die menschheitliche Entwicklung einbildet, von den tiefer liegende» Ideen, welche die Menschen unbewußt, oft wider ihren Willen in all ihrem Thun leiten nnd vorwärts bringen, hatte man keine Ahnung. Aber nur an der Hand der geschichtlichen Erkenntniß hat daS Bestreben nach Umbildung, Reform seine Berechtigung, nur mit ihr kann eS seine volle Macht entfalten; ohne sie setzt sich Belieben dem Belieben, gegenwärtige Zeitanschauung, die ebenso flüchtig dahin gehen kann, einer vergangenen> entgegen, die noch daS Recht langen BeftchknS und weiter Anerkennung für sich aufzuwcisen hat. DaS spanisch.arabische jüdische Mittelalter bleibt demnach hei all 1*7 , seinem geistigen Reichthume konservativ im vollsten Sinne; eS verklärt und veredelt) aber eS' wagt keine Umgestaltung." r Dem aufmerksam Lesenden wird hier weder die ganz besonderschckrfsiunige Auffassung und präcise Zeichnung der Blüth« deS jüdischen Mittelalterentgehen, noch der treue pietät-volle historische Sinn, der allein zu ächter Geschichtsschreibung fähig macht. Wer daerwägt, waü Geiger hier ausspricht, und wavielleicht daS Programm eine Geschichte dejüdischen Mittelalterist, der wird nicht darüber verwundert sein, wie er, der freisinnige Forscher, der Verfasser der Urschrift, dem vr. Grätz, dem Lehrer der orthodoxen Rabbinerschule, bei aller Anerkennung seine- Fleißes und feiner originellen Anschauungsweise, doch den Vorwurf macht, daß er es bei Beurtheilung der Rabbinen an der „Würde geschichtlicher Behandlung" und an „Respekt vor menschlicher. GeisteSthäligkeit" fehlen lasse, daß man in mächtigen GcisteSkämpfen nicht von „Stocktalmudisten" und „duselnden Kabbalisten" wie Grätz thut, reden dürfe.*) In den zwei nächsten Kapiteln erhalten wir eine Eharakteristik der älteren, ncuhcbräischen Dichtung und der Vorgänger Gabirolö, insbesondere des Samuel Ha-Levi Nagdilah, de» DczirS und Dichters. Wir müssen uns versagen, auf den letzteren einzugehen, können aber nicht, umhin, einen Theil dessen wiederzugeben, waS Geiger über die ältere ncuhebräische Dichtung sagt. „Für die religiöse Dichtung, den Pint — den wir nur uneigentlich daö Kirchenlied nennen könnten, da er nicht sowohl Gcmeindegesang, als Einzelvortrag des Dorbctende» war — hatte sich eine feststehende Kunsiform auSgcbildct, die auch zu den Juden im arabischen Spanien überging und bei ihnen zwar veredelt wurde, aber ihren festen Typus nicht änderte. Dieser bestand zunächst darin, daß die hebräische Sprache die der Dichtung sein mußte. War ja die ganze Gebetordnung, die sie zu erweitern bestimmt war, aus Palästina hervorgegangen, dort ausschließlich in »cuhcbräischem, an Bibelphrasen sich anlchnendem Style abgefaßt, in Babylonien unter dem Einflüsse der Schulhäupter, die sich zwar deS Chalräischeu bedienten, aber doch die hebräische Sprache alö die altcrthümlich geheiligte und gelehrte verehrten, eingesührt und fcstgcslcllt worden I So waren zwar einzelne wenige chalbäische Stücke für daö Volk zugelassen, gerade wie schon von Alters her eine chaldäischc Uebersetznng dem ander Bibel vorgelescnen Abschnitte sich anschlcß; allein der Grundstock blieb hebräisch, und für die sich hebende Dichtung hielt man umsomehr diese Sprache der Weihe allein für geeignet. - (Fortsetzung folgt.) vermischtes. — Unter dem schriftstellerischen Nachlaß Proudhon'S befindet sich auch eine „Geschichte der Bibel". In früheren Jahren war er Setzer in einer Buchdruckcrei, die eine elegante BibclauSgabc zu besorgen hatte; von dieser behielt er ein Exemplar für sich, durchschoß e« mit weißen Blättern und schrieb auf diese seine Bcinerkungcn über die nebenstehenden Bibelstellcn. Ein Verleger soll feiner Wiltive für dieses Manuskript 30,000 FrcS. geboten haben. Die „englische und ausländische Bibelgesellschaft" verkaufte von April 1863 bis April 1864 2,405,219 Exemplare Bibeln und einzelne Aibcltheile. In den sechzig Iah. ren ihres Bestehens (feit 1804) verbreitete sic nicht weniger als *) In der von ihm hrrauSgegcbenen .-Jüdischen Zeitschrift fUr Wissen, schaft und Leben" Jahrgang 18V6. 2. 3. 147.