Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 15 (12.4.1867)
- Date
- 1867-04-12
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/4889892-5434108-5434140--146-4890017- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Berliner Wochenschrift fttr Jüdisch« Angelegenheiten. — - — — - - - 115 degroße» Todt» Salomo« Mnftk. Wenn eS einerseits zu dedauern ist» daß bitft nicht an der ehrwürdigen Stätte der Andacht geschah. Wobei sich außer den Universität-Hkreru auch noch andere ZuhörerKeift hätten becheiligen können, so erscheinen andrerseits gerade die geweihten Hallen der Wissenschaft diesem Bortrage am angemessenste« und entsprechendsten, da fie un» Munk'S Wirken und Stteben, das - doch mehr der Wissenschaft und dem ange. sttengten Studium, al» der stillen Andacht gewidmet war, so recht lebendig vergegenwärtigen. Wie glänzend der Vortrag ausgefallen, brauche ich Ihnen nicht lange au-einanderzusetzen, wenn ich Ihnen sage, daß Prof. Kämpf ihn gehalten hat. E« war rin Bild voll Sern, lebensvoller Frische, warmer Empfindung und ansprechender Wahrheit. Nachdem der Redner Munk'S Leben in kurzen, aber meisterhaften Zügen geschildert und hierauf auf dessen Werke und Wirken eingehend zu sprechen kam, bezeichnete er ihn als den Mann, der gezeigt habe, daß eine ftteng wissenschaftliche Richtung innerhalb der Grenzen deS JudenthnmeS möglich fei. Dabei erwähnte er auch deS greisen OberrabbinerS Rappoport und des greift» Zunz, die solche Bahnen eröffnet hätten. Wie sehr dieses Priucip angefeindet werde, beweise Frankel in BreSlau, der sich bekanntlich vor einigen Jahren der Verketzerung und Verlästerung auSgesetzt habe. Unter Anderem schilderte der Herr Redner in sehr interessanter Weise Glogan, den Geburtsort Munk'S, iu seiner Bedeutung vor ungefähr einem halben Jahrhunderte als den geistigen Mittelpunkt und BennittlungSpunkt deutscher Aufklärung und Kultur im Jndenthuni einerseits und strenger Festhaltung an dem Althergebrachten andrerseits. Er gedachte ferner seine» Brief. Wechsels mit Munk bei Gelegenheit der Herausgabe seiner (Kampfs) „Makkamcn". Munk sei schon damals erblindet gewesen, er habe ihm dennoch manchen wichtigen Dienst durch die Verschaffung von Abschriften werthvcller Manuskripte geleistet. Sei auch sein phy. sischeS Auge leider nachtumhüllt gewesen, sein geistiges Auge strahlte um so Heller und klarer, und er sei mit den beiden Mannern im Talmud Rabb. Josef und R. Sescfeth (?) zu vergleichen, die trotz ihrer Blindheit Großes geschaffen hätten. Da Ihnen diese Zeilen vor Schluß deö Blattes zukonunen und mir nur ein kleiner Raum zu Gebote-steht, ist es mir nicht gegönnt, die viclen Glanzstellen des Vortrages gebührend hervorzuhebeu. Wie wenig man auch, schloß der Redner, in vem engen Zeiträume einer Stunde über Salomen Munk sprechen könne, so möge es doch genügen, einstweilen etwas zur Ehre und zur Verherrlichung des Dahingeschiedenen an der Pflanzstätte der Wissenschaft gethan zu haben. — Der soeben erschienenen amtlichen Statistik über das Volksschulwefen in Böhmen im verflossenen Jahre entnehmen wir über den Stand der israelitischen Volksschulen im Jahre 1866 folgende interessanten Daten. Derselbe zeigt nämlich gegen das Vorjahr eine Vermehrung um 16 Schulen, nachdem die Gesammt« zahl derselben im Jahre 1865 37 betrug, Nach Sprachen zer. fielen sie in 38 deutsche, 9 böhmische. Diesen Schulen schlossen sich an: 2 Industrieschulen für Mädchen und 33 Wiederholungsschulen. Die Gesammtzahl des mäniilichen Lehrpersonals betrug 80 (um 22 mehr als im Vorjahre), des weiblichen Lehr« personal« 4 (wie im Vorjahre). Die Zahl der schulpflichtigen Kinder betrug 3490 (um 117 mehr). Zum Besuch der Wieder« holungSschuleu verpflichtete Kinder zählte mau 530 (um 43 mehr); thatsächlich besuchten die WiederholungSschnlen 433 Kinder. Schulgebäude bestanden 46 (um 5 mehr al» im Vorjahre). Davon waren: 37 eigene, 9 geiniethete, 41 in gutem Zustande (um 4 mehr), 5 in mangelhaftem Zustand (um 1 mehr). Neuzeit. Die -udeNvrrfottzung im MittrlaUer. Rach W. 2. H. Leck», deutsch von Dr. H. Jvlswicz.') Die Verfolgung der Juden datirt ger ade von jener frühesten Zeit, al« das Ehristenthum die Leitung der weltlichen Macht in die Hand ualjm;* *) und obgleich sie in Wesen und Heftigkeit die aüermannigfachsten Veränderungen erfuhr, so kann mau doch kau« sage», sie hätte vor der französischen Revolution ihren völligen Abschluß erreicht. Wohl haben Alexander II, und drei oder vier andere Päpste') edle AnMcngungen gemacht, der Verfolgung Ein« halt zN thun, wohl traten sie mehr als einmal mit großem Muth und ebenso großer Menschenfreundlichkeit auf, die Nicdermetzelungen zu tadeln; allein die Priester blieben gewöhnlich unermüdlich in der Aufregung der BolkSleidenfchaften, und Judenhaß blieb viele Jahrhunderte lang das sichere Merkzeichen der Frömmigkeit der Ehristen. Zu Tausenden während der Wahnbegcisterung der Kreuzfahrer und der Hirtenverfolgnngen niedergemetzelt, sahen sich die Juden bei jeder kirchlichen Neugestaltung und Thronbesteigung eiüeS überfrommen Herrscher« von neuen Gesetzen beschränkt. TheodosiuS, Ludwig der Heilige und Jsabclla die Katholische, — welche wahrscheinlich die drei kirchlichsten Herrscher vor der Reformation waren — da« Concil des Lateran, welche« die religiöse Belebung de« dreizehnten und Paul IV., welcher die de« sechszehnten Jahrhundert« leitete, und vor allem die religiösen Orden gehörten zu den wüthendstcn Verfolgern der Juden. Alle« geschah,,um sie von ihren Mitmenschen;» trennen, um sie alS Gegenstände de« unsterblichen Hasse« zu stempeln und jedes Mitgefühl für ihre Leiden zu unterdrücken. Man zwang sie, eine bcsondere Kleidertracht zu tragen und in abgeschlossenen Stadtvierteln zu wohnen. Ein Christ durste nicht irgend welche Merkschast mit ihnen eingchen, er durfte nicht mit ihnen speise», er durfte nicht ihr Bad benutzen, er durfte von ihrem ärztlichen Beistand keinen Gebrauch machen, ja er durfte sogar ihre Trognrn nicht kaufen/)' Eiuc Mischehe mit ihnen ward als eine schreckliche Bestes« kung erachtet, und zur Zeit Ludwig» des Heiligen wurde jeder ') Lrity's llistory of tbe rise and intiuenco of tbo rpirit of Ha tionalism in Knrope 2 vol». erscheint nächstens in ainorijirtfr deutscher lieber« segung von Dr. H. Jelowicz. D. Red. *) „Lc Christiauisinu ne prit uno vdritnble cousUtance quu sons lo rigne do C'onstantine; et c’cst h dater de rette cpoquu quu commence, k proprement parier, pour les Julis l’ero des prrsccutions rcligieuses.“ Jledarride, ist. des Juifa, p. 10. Sei dieser, wie bei anbem Befolgungen erwiesen sich die Arianer ebenso schliinm, als die LAihoboxen. EonstaiitinS versolgtc zum wenigsten eben so sehr wie Eonstaiiiiii, und die spa, nischen Wcstgothen Üdcrtrasen beide. *) lieber die Liberalität mehrerer Päpste gegen die Inden, siehe Bedarride S. 26», Über Alexander II. L. 114—123. Auch der heilige Sern« Harb bemühte sich die Bcrsolgung zu mildern. Alexander,Vl. war besonder» großmüthig gegen die Luken und machte große Anstrengungen, ihre Leiden zu oerriiigeni — eine Thatsachc, deren man sich »u 'Gunsten eineo Erstes cvinnern muß, von dem sonst nicht viel zu sagen ist. 4) Eine lange Liste dieser Lcrbete giebt das vortrcjslichc Such: De Judaeis. (Xnrin 1717) von Joseph Hess» (einer von den in Piemont zur Regelung der Judenangelcgcnheitcn bestellten Richter) S. 10. Lchon zur Regie« rungszcit Eonstantin« verbot ein Concil von Elvira den Ehristen jede Gemein« schaft mit den Juden. DaS Evneil des Lateran zwang die Juden eine besom dere Rleidung zu tragen, und diese cinsachc Maßrcgal tnig, >veil sie sie dem durch und durch aufgeregten Botte in so hcrvorstc>hcnter Weise nnter die Augen führte, gar uiädnig dazu bei, die Leitenschaste» der Katholiken wach zu rufe» und die daraus folgende» Ricderinetzelungen zu crleichierit. (&. Rio«, Ktndes-stir lc» Juifs d'Lspaguo'[trad. lilayneehell, p. 109 ) St. Vincent de Torrier vergnlaßte die spanische Regierung, ticfeit Erlaß sowohl gegen Jude» als Mauren einzujetiarsen fkarame, De Drlg. ln>,. )>. 101.) lü"