Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 14 (5.4.1867)
- Date
- 1867-04-05
- Page
- Seite 110 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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110 «e •cgfclMW’ ' Gegenstand eine- Spezialstudiumgeworden; «an braucht kein Abbä Richard zu fein, überallher und nach alle« Richtungen hin ergießen sich die Quellen der Borzeit. Man muß nur anzuklopfen »erstehen an die Memnonssäuke verklungener Zeiten. E« ist eine ebenso undankbare, als landläufige Redensart, man solle die Tobten ihre Tobten begraben lassen. Daheißt, den Bruch mit der Vergangenheit heiligen, den Bandali-mu» predigen! Wir erkennen weder den Tod al- Macht, noch die Tobten als wirklich Vergangene an. Der Vergangenheit Leben einzuhauchen, verloren gegangene Kettenglieder zwischen Einst und Jetzt zu finden und an der rechten Stelle zu interpolirea und durch historische Kritik zu verlöthen und für immerdar zu festigen, daist die Aufgabe historischer Wissenschaft. Also Sie wollen die Tobten au-graben? Daist faktisch oder vielmehr beinahe geschehen. Kommen Sie mit auf den alten Judentirchhof in der Oranienbnrgerstraße! Dieist allerdingnicht der älteste, denn ein uralte- Todtenlager befindet sich in der Landwehrstraße (Judengafse), vergl. Best. Ztg. „Alt Berlinisches" Nr. 173, Jahrgang 1865 und ist im Jahre 1572 geschlossen worden, wie ich in einem Vortrage über „AltbrrlinischrS in der Königsstadt" nachgewiesen. Der spätere Friedhof der Berliner Judenschaft, wohin auch gesetzlich die Tobten der jüdischen Gemeinden aus der Umgegend BerlintranSportirt werden mußten, ward eröffnet im Jahre 1672 und 1827 geschlossen. Der zuerst Begrabene heißt Gumpricht, und ist sein Grabmal erst kürzlich renovirl worden. Der Glaube, daß den „Ersten" der Teufel holt, ist -in Norddeutschland landläufig gewesen, weshalb die Angehörigen oft von den Communen durch ein kostenfreie- Moiiuinent getröstet wurden, so daß der neue Friedhof den Namen deersten Ansiedler« zu tragen pflegte, z. B. der Wache - fche Kirchhof am Prenzlauer Thor. Wohl selten findet sich die Pietät gegen die Verstorbenen in einer so erhabenen Weise ausgeprägt, als an dieser noch bis vor kurzer Zeit fast verwilderte», wenigstens sehr ungeordneten Stätte. Es ist die, man möchte sagen, archäologische Ordnung und Renovirung dieser Schädelstätte, welche ein bedeutende- Stück der Geschichte Alt-Berlinin sich schließt, das Verdienst einebescheidenen gelehrten Mannes, dehiesigen Buchhändlers Herrn Land-« Hut, welcher unablässig strebt, den uralten Grabsteinen und Grabhölzern (auch solche fehlen nicht) ein Leben einzuhauchen, welchedieser unermüdliche Cicerone den Besuchern jeder Confession zu veranschaulichen bemüht ist. Dieser Friedhof bildete noch vor zehn Jahren «in undurchdringliche- Durcheinander von Gestrüpp und Leichensteinen, von denen circa 2800 jetzt von Herrn Land-hut registrirt und so geordnet sind, daß unter Benutzung aller nur möglichen archivafischen Quellen die Genealogieen festgestellt werden konnten, welche oft sehr sonderbare Zusammengehörigkeiten der verschiedensten Individuen ergaben. Der Ruf, daß der Friedhof gesichtet, gelichtet worden, hat selbst in weite Fernen, wohin Berliner verschlagen wurden, anregend gewirkt und gerade da« Verdienst de- Inspektor- Land-Hut ist e-, da« n. A. ein V ermächtniß jene« hochehrenwerthen Baronv. Rast in Baden von 14,000 Thalern veranlaßt hat. Selbst ein hochbetagter Grei«, kam er hierher an der Grabstätte seine« Vater« Liebmann Samter ein Gebet zu verrichten. Da- Reno- . vtren der Denkmäler wird merkwürdiger Weise mehr noch von Christen al« von J-raelite« veranlaßt, ein leicht zu deutendepsychologische- Symptom! Herr Land-hut beabsichtigt ein mehrbändige- Werk über die Oeschilchke ber Berliner Juden herau-zugetem wird es jedoch nicht Übel anrechnrn,: wenn ich nur mit gintz kurzen Worten einige Andeutungen der bekannteste«! Grabdenkmäler gebe. . , Der Alterthum-fdrscher findet dort u. A. einen uralten Stein mit altdeutscher, zu entziffernder Schrift, welchen der damalige Steinmetz wahrscheinlich irgendwo ült eiugekauft und ohne Weitere« umgedreht hat, ohne einmal die alt« Charaktere zu löschen; er dient, einem Doctor Bo«hm, Arzt an- Halberstadt, (gest. 1772) zum Denkmal. Dieser wirkliche Palimpsest könnte zu einer eigenen Differtafion dienen. Mit Halberstadt stand die Gemeinde Berlin in einem sehr regen Verkehr, erstere Colonie war reich und uralt, seit Heinrich dem Vogler dort angeseffen; die Berliner Gemeinde jung und arm. Einen absonderlichen Beweis von Glauben-treue bewiesen eiyst die Halberstädter Juden den Berlinern gegenüber. Erstere liehen nämlich den Letzteren auf Wechsel 6300 Thlr., zahlbar — wenn, der Messia« kommt. Die Sache ist verbürgt, da- Dokument ist vorhanden und will ich darüber kein Wort weiter verlieren, um nach keiner Seite hin vorztigreffen. Aber so viel habe ich jüngst als Ge« schworner gelernt, daß derartige Wechsel ohne Datum, also ad calcndas graecas, nicht eingellagt werden können. Da lieg« die berühmten Lehrer de- Judenthnmder Vorzeit obenan, ihre Denffteine sind auf Kosten ihrer Nachkommen, oft hoher Staatsbeamten, die oder deren Vorfahren längst den Nitu-, aber nicht die Pietät ausgetauscht haben, neu errichtet oder renovirt worden. Da ruht Model Rieß, da liegen die Familien Rieß und Jost Liebmann, die Münzjüdin Ester Juda Berlin unter dem Steinkasten mit dem in Sandstein au-gehauenen Löwenemblem. Daalso ist meine Urmutter, verstorben 1703; ihr Denkmal wird noch viele Generationen überleben; vergl. Geppert, Chronik von Berlin über diese Frau, und Land-huth- Mabor Jabok, Berlin 1867. S. 34 ff. Dort lieg« die Aerzte Or. Hirsche!, Vr. Oppenheimer, Dr. de Lemmo«, der feine Portugiese nebst seiner Frau, geb. Charlevill». Da« sind die Eltern der Hofräthin Herz, der Freundin Schleiermache r'S, welche vor dem Halleschen Thor auf dem DreifaltigkeitS-Kirchhof ruht, während der Prof. Marcus Herz, ihr berühmter Gatte, Arzt und Philosoph (gest. 1803) hier ebenfalls zn finden ist. Der erste Ichthyologe Deutschland-, MarcuS Clieser Bloch, fehlt in der Reihe der Denkmäler neben seinen beiden Frauen, er liegt in Karlsbad. Unendlich viele Grabmäler der Ephraim, Fräukel, Friedländer belehren unüber den Reichthum und da- Ansehen dieser Männer, von denen manche mit Friedrich II. in einem direkten Verkehr sich bewegten. Daß nach de- Weltweisen von Berlin Grabesstätte aualler Welt Enden gewallfahrtet wird, ist überflüssig zu erwähn«. Eine nicht zu billigende, doch jedenfalls wohl damals rituelle Sitte war e-, wie Hr. Land-hut erzählt, daß Unverheirathete ein Anrecht au einen Gedenkstein nicht hatten, von Kindern gar nicht zu reden. Da» war also eine indirekte Prämiirung der Ehen, die gerade damals durch die Beschränkung de« Jndigenat« den Juden jo schwer gemacht wurden, daß die Rachgeborenen stets auswandern mußten; eine Art von 3us trium liberorum war nicht vorhanden, nur traf den Kinderlosen da« LooS de- Vergessenwerdens. Da liegen die Eltern de« vr. Gumpsrtz, der sich in dem Streit zwischen Gottsched und Bodmer bekannt gemacht hat, aus der in weit« Kreisen berühmten Eleve'schrn Familie, einst am Zeughaus» wohnhaft. Land-Hut hat auch hier d« Urahn der i