Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 14 (5.4.1867)
- Date
- 1867-04-05
- Page
- Seite 106 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4889892-5434108-5434138--136-4890008- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
106 Die Otgonrat 3a auch in dieser sucht er d» LÜnper» ^ar Gachhrn Abbruch zu thun. Einzelne TodteuermeckuntzeW, vdkr sie ch tz. bei Elia» und Elisa Vorkommen, erklärt er at» "bloße Heilungen bei Echeintcdfällen, oder vielmehr bei schwerem Siechthum, da» dem Tode nahe gebracht aber chn noch nicht herbeigesührl habe. Kiele andere Wunder trf Prtpheten betrachtet er al» ^»mmgesichte, als In Derzükkimg geschaut, nicht al» in Wirklichkeit vor sich gegangen; andre schwächt^er ab, wenn er sie nicht ganz beseitigen kann. Die ersten Menschen lebten viele Jahrhunderte, dann bricht plötzlich da» hohe Alter ab und die Lebensdauer entspricht nun .der Nnsrigen. Ein solch hohe» Alter ist offenbar ein Hinan»- .schrciten au» den Naturgesetzen; bei den Einzelnen, von denen e» in der Schrift ausdrücklich erwähnt ist, wie Adam, Seth u. s. w., muß eallerdings zugegeben weryen; aber die andern Zeitgeneffeu, „die Söhne und Töchter", die von jenen Urvater» noch ferner gezeugt worden und deren Lebensalter nicht ausdrücklich angegeben wird, sie erreichten blo» da» gewöhnliche Lebensalter. Freilich meinen spätere Gegner, da» sei eine sehr ungenügende Lösung; den» wenn ein Mal da» Gesetz durchbrochen Vierde, könne e» auch mehrfach geschehen. Die einstige Auferstehung ist ein Wunder, hatte er sich mehrfach geäußert; aber seien wir nicht zu verschwenderisch bei der Ausstattung dieses Wunders. Die Todten stehen auf, aber sie leben dann nicht ewig, sie erstehen und sterben wieder, nachdem sie ein langes glückliche» Leben genoffe». DaS eigentliche Ziel bleibt das ewige Leben, die Unsterblichkeit der Seele. Nicht unfrei entgegnet darauf ei» jüngerer Zeitgenoffe: „Auf Auferstehung folgt ein zweiter Tod?" Wozu mir denn die ganze liebe Noth? Da bleib' ich lieber in dem Grade liegen. Braucht mich der Tod nicht zweimal zu besiegen. Mit diesen Erörterungen überschreitet MaimonideS schon da« eigentlich wissenschaftlich-philosophische Gebiet, und er scheut e» nicht, noch weiter in die Vorstellungen und die Einrichtungen des gewöhnlichen Leben» vorzudringen; er will auch die praktischen religiösen Satzungen erklären, ihnen ihre rechte Stellung anweisen. Sie einfach al» Vorschriften hinzunehinen, denen, als von dem höchsten Gesetzgeber auSgcgangen, wir uns ohne Weiteres zu un- '.terwerfen haben, das verträgt sich nicht mit seiner ganzen Anschauungsweise. Ausflüsse der höchsten Weisheit müssen es sein, Mittel, die un« zur höheren Lebensauffassung anleiten; begreifen wir sie nicht, so haben sie keinen Werth. So sucht er denn für einen Theil der Satzungen tiefere Gründe nachzuweisen, von anderen meint er, sie seien Schutzmittel gewesen gegen frühere irrige Vorstellungen und götzendienerische Gebräuche. DaS Opferwesen hat für ihn z. B. keinen Werth; aber die Israeliten sollten den Opfern, die sie den Göttern darbrachten, entwöhnt werden, und da eine vollständige Abschaffung derselben kaum durchzuführen gewesen wäre, sollte» sie sie dem ewigen Gotte weihen, wodurch sie doch jedenfalls von dem schädlichsten Jrrthume abgelenkt wurden. Bei vielen anderen Vorschriften glaubt er geschichtlich die abergläubischen Annahmen der alten Zeit aufgefunden zu haben, denen sie entgegentrcte» sollten. Hier freilich bekundet sich die höchst unkritische Weise, welche zu seiner Zeit die ganze GesichtSbetrachtung beherrschte. MaimonideS nahm mit allen seinen Zeitgenosse» die absichtlichen und sagenhaften Fälschungen, welche von einem Urvolk der Sabier umhergetragen wurde», ganz treuherzig an; zusammengewürfelte biblische und heidnische Daten statteten diese» angebliche Urvolk gar wunderlich aus, und diese benutzt nun Maimonide», um durch sie die Satzungen der Schrift und zum Theil auch de- Talmuds zu erklären und in ihrer Berechtigung nach- * ***** ' . P«ffe». tbAnfcar ift lief» Partie von der Begründung der akAch-jüdiMen SMuchertdjt schwächste seine» Werke» und . hsteme»; diese Begründung führt höchsten» dahin, daß man dieselben al» zulässig, al» nicht der Vernunft widersprechend betrachte, ohne daß aber i» ihnen ein wrsenllich religiöse» MomenH ft* kchmh ihr» NoihAendigNit and UnMrüchlichkAt, eine t(T fttot uegeckde Kraft sittlicher und geistiger Erhebung »angewiesen werde. Dabei muß aber doch zugegeben werden, daß die bestehenden praktischen Vorschriften von MaimonideS selbst trotz seiner schwachen Begründung, unzweifelhaft al» dauernd verbindlich ddtrachtet werden. Denn Maimomde» steht auf dem mittelalterlichen Standpunkte, von dem kein Genosse desselben sich entfernen konnte. Da» Mittelalter gab dem Einzelnen keine volle Berechtigung, keine unabhängige Freiheit; der Einzelne war ein Glied einer Korporation, nicht sowohl de» Staate», de» Volke», al» vielmehr de» engeren Kreise», innerhalb deffen er sich bewegte. Dieser Kreis hat seine bestimmten Sitten und Bräuche, seine Rechte und Freiheiten, seine Privilegien, seinen Majestätsbrief, aber auch seine ganz bestimmt ausgeprägte Gestaltung, innerhalb deren er sich zu halten hat. DaS Zunftwie da» Fcudalwesen, da» Bürgerthum wie jede geschloffene Gesellschaft, in die daS Mittelalter zerfiel, hatten ihre bestimmten Vorschriften und Gebräuche; wer daran sich nicht hielt, war wie in der Luft schwebend. Der Jude hatte sich an daS zu halten, wa» ihn als Juden eigentlich bezeichnet und kenntlich machte, was ihm in der Gliederung de» Ganzen seine bestimmte Stellung al» Jude zuwies; davon sich befreien wollen, hieß allen festen Boden sich muthwillig wegziehen. MaimonideS ahnt diese» Verhältniß ganz richtig, wenn er die Vorschriften al» zur Erhaltung der Welt angeordnet, al» zur angemessenen geselligen Gestaltung, zur Befestigung des Verbände» gehörig betrachtet. Au» diesem Kreise kann nun einmal daS Mittelalter nicht heran»; wenn auch die geistige Bildung sich zur höchsten Höhe cmporhob, so blieb die Beengung, innerhalb deren der Einzelne und der Verband, dem er angehörte, sich befand, feststehend und unüberschreitbar. So war e» denn MaimonideS auch weit mehr um die rein philosophische Auffassung zu thun, al» um eine Umgestaltung im Leben. Bot diese» überhaupt Schranken, welche da» Mittelalter nicht zu durchbrechen vermochte, so dürfen wir auch ferner nicht vergessen, daß der Islam, zu MaimonideS Zeit fanatisch geworden, die freie Selbstbestimmung des Einzelnen durchaus nicht begünstigte. Averrhoe» (3bn Roschd) war ein etwa» allerer Zeitgenosse de» MaimonideS, ein aristotelischer Philosoph, der die Spitze dieser Richtung im spanischen Islam darstellt, ein Philosoph, der sich da» ganze Mittelaller hindurch einer großen Anerkennung erfreute. Auch AverrhoeS mußte sich beugen, den gewöhnlichsten Vorstellungen und Urbungett huldigen; einzelne widerwillig unvorsichtige, sehr unschuldige» doch damals kühne Aeußerungen brachten ihn dennoch in Verdacht, setzten ihn schweren Verfolgungen auS. So hat MaimonideS die Spitze, die damals im Iudenthume zu erreichen möglich war, wirklich erreicht. Er war ein Mann de» heiligsten und reinsten Eifer» fhr tiefere Erkenntniß de» 3tt>* denthum» und für allgemein wissenschaftlich durchdringende Bildung, ein Mann, der wohl auf die öffentliche Meinung Rücksicht nahm, Ehre dem Angenommenen ertheilte, ohne jedoch die Gtuth für die Wahrheit und deren Verbreitung deshalb in sich dämpfen zu lassen. Er verkennt nicht die Bedenken, die sich der Veröffentlichung seine» rrligiouSphilosvphischen Werke» entgegenstellen, er macht selbst auf die Rücksichten und die Darstellungsform, Wifi für nothwendig gehalten habe, aufmerksam und dennoch weiß er.