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Die Gegenwart · 1867-04-05 · 14 (5.4.1867) · p. Seite 105

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
14 (5.4.1867)
Date
1867-04-05
Page
Seite 105 (sequence 1)
Language
German
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Wer die Menschen, sagt MaimonideS, belehren, zum Guten anhalten will, muß je nach der Stufe, auf welcher sich dieselben befinden, verschiedene BerfahrungSweisen anwenden, gerade wie Mfi '(f äilch rttlt den Kindern' mä'chen nrofr mit denetk^Mn erst allmälig emporsteigt. Will man da» junge unverständige Kind zum Fleiße anspornen, daß e« lerne, so verspricht man ihm als Belohnung süßes Backwerk; ist es älter geworden und macht eine solche Belohnung nicht mehr die Einwirkung bei ihm, so verspricht man ihm andere Dinge, die größere Wirkung haben: bei dem mehr Herangewachsenen weckt man den Ehrgeiz, indem man zu ihm sagt: Mein Sohn, Du wirst, wenn Du fleißig bist, ein Meister genannt werden in Israel, eine hohe Stellung einnehmen. Dasind alles außerhalb liegende Dinge, durch welche der Mensch gelockt werden soll. Ist er min aber zum reiferen Alter gelangt, dann kann er endlich zur Erkenntniß geführt werden von der Bedeutung, welche die Geistesentwicklung an sich hat, von dem Werthe, welchen die Bemühung mit Ausbildung der Seele ihm verleiht. In. ähnlicher Weise sind die Darstellungen der Belohnung'und Bestrafung in der heiligen Schrift als Erziehungsmittel aufzufaffen. Die wahre Belohnung ist und bleibt das ewige Geistesleben; was die Auferstehung bef lobten betrifft, sagt er, so haben wir sie schon entwickelt — und weiter nichts. Dabei nimmt er dieselbe doch als einen der von ihm aufgestellten dreizehn Grund- und Glaubenssätze auf; denn MaimonideS nimmt Rücksicht auf die öffentliche Meinung, „erweist der allgemeinen Annahme Ehre"; er zerreißt den dünne» Faden, der ihn mit der Gefammtheit verknüpft, nicht, bricht die Brücke, die ihn mit der Waffe in Brrbindang erhält, nicht hinter sich ab. Auch er bedient sich, wie er eS von den Alten anniimnt, hie und da einer DarstellungSform, die sich in ein populäres Gewand kleidet, aber für den wahrhaft Einsichtigen^ seine Ansichten vollkommen enthüllt. Allmälig freilich mag e« auch ihm dann ergimgen sein, wie so vtelen andern Denkern, die rin gleiches Verfahren eingeschlagen |$6en, wo der Leser oft nicht mit aller Entschiedenheit an sagen kann, waS DarstellungSform, wa» die wahre, innere Ab ficht ist; so wird eS allmälig im Geiste des Denkerselbst unklar, er klammert sich selbst zuweilen an die Form und Bezeich. nung, die er gewählt, um sie al» wesentlich, als von tieferem Werthe, festzuhalten. , Selbst über die Ansicht des MqimonidcS von der Schöpfung der Welt sind wir daher nicht ganz sin Klaren. Er bekennt, die Philosophie behaupte, daß die Schöpfung aus einem vorhandenen Btoffö hevorgegangen und daß der Geist Gotte« Nur diesen Stoff Hestalttt habe. So sagt sein hochverehrter Aristoteles; doch sei dies, meint er, der einzige Punkt, wo er von ihm abweichen müsse'. Wohl zwinge ihn der natürliche Sinn der Schrift keine-wegtzazu, denn der könne in mancher Weise gedeutet werden, „die Dforten der Erklärung sind nicht verschloffen"; allein andererseits feien auch die Beweise für den Urstoff nicht zwingend, und die allgemeine Annahme im Iudenthume von der Schöpfung au« Nichts sei überwiegend, und so schließe er sich den» dieser verbreiteten religiösen Ansicht an, zumal da, wenn diese beseitigt werde, die.Möglichkeit de- Wunderschwinde. Ist nicht Allemi» Gott gekommen, hat-der Stoff feine eigne Selbstständigkeit, so wäre auch das wunderbare Eingreifen in den Lauf der Dinge an ihm nicht zu erklären. Auf da» Wunder recurrirt er auch bet der Auferstehung der Tobten, die er in Abrede,^ gestellt zu haben durchaus nicht zugeben will. Die Bibelstellsn, welche auf diese Lehre bezogen werden, meint er, laffen sich zwar alle anders erklären, nur etwa eine Stelle des Daniel spricht sich bestimmter darüber auS; allein die allgemeine Ansicht ist so übereinstimmend darin, daß wir ihr folgen müssen. „Sie ist eben ein Wunder, kann nur in wunderbarer Weise geschehen, und al« solche müffen wir sie annchmen." WaS hält er nun aber von dem Wuitder selbst? Auch hier begegnen wir dieser Doppeldarstellmig, die in einem gewiffen Dännnerlichte erhält. Schon in seinen ftüheren Schriften spricht er sich dahin auS: „Die Welt, sagen die alten Lehrer, geht ihren regelmäßigen Gang; waS als wunderbar auftritt, das ist zugleich mit der Schöpfung als Bedingung in die Weltbewegung hineingelegt, daß es zum gegebenen Zeitpunkte hervortrete» muß, die Wunder sind also nicht ein urplötzliche» Erzeugniß, nicht ein Durchbrechen dev ewigen Gesetzes, sondern sic sind mit ein Moment des Gesetze», alsbald vom Urbeginne in die Dinge gesenkt. Allein damit hört das als wunderbar Erscheinende auf, ein Wunder zu sein. Die Israeliten, sagt er in seiner zweiten Schrift, glaubten nicht an MoseS wegen der Wunder, die er gethan. Wundern begegnen wir ja auch bei Zauberern. Allein sie glaubten ihm, weil sie selbst gesehen und gehört hatten, ihnen selbst die Offenbarung geworden war. So wird dem Wunder, ohne e» geradezu in Abrede zu stellen, da» Wunderbare untergeschoben, seine Beweiskraft entzogen, und die Berufung darauf ist daher für Nicht» al» für populäre Darstellung zu erachten. i«

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