Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 13 (29.3.1867)
- Date
- 1867-03-29
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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102 lichen Gedanken entspricht diese Auffassung nicht. Für ihn ist die Offenbarung ausschließlich ein rem geistiger Akt, e» ist die Erhebung demenschlichen Geistezum Gotte-geifte, die allerdings bei den wenigsten Menschen in »ollem Maße stattstndm kann, die daher bloda- Eigeuthom einzelner AuSerwählter und gradweise sehr verschieden ist. Während der Cint bloeinmal in seinem Leben sich zu der vollen Höhe erheben kann, so wie ein Blitzstrahl auf kurze Zeit den Horizont beleuchtet, dann Alle» wieder in Finsterniß versinkt, so wiederholt sich bei einem Andern die Erhebung mehrfach; bei einem Dritten folgt sie noch häufiger, auch mit größerer Klarheit und Fülle und dauert bei einem Andern, wie bei Mose-, da» ganze Leben hindurch. Diese geistige Höhe de- Menschen ist ihm Offenbarung, weil der Mensch dadurch mit dem GotteSgeiste in engere Berührung tritt. Ist ja überhaupt nach seiner Auffassung — welche die ganze arabische Philosophie beherrscht und von ihr als aristotelisch betrachtet wird, während sie in der That eine neuplatonische Modifikation ist — ist ja daganze Universum stufenweise durchgeistet von dem Ueberströmen degöttlichen Geiste». CS giebt verschiedene HimmclSsphären, die von himmlischen Geistern beseelt sind, die Sterne und die Sphären sind für ihn, wie für die Philosophen seiner Zeit in-gesammt, lebende Wesen höherer Art: so wirkt der Gottesgeist zunächst auf die höchsten Sphären, von ihnen steigt er herunter und senkt sich herab bi» zu der niedrigsten Erdsphäre, deren Beaeistiauna als die „wirkende Vernunft" bezeichnet wird, wir möchten sagön: der Erdgeist, der alle irdischen Wesen und Dinge durchleuchtet und lenkt. Der Mensch nun, der sich zu diesem Erden-Allgeiste zu erheben bemüht sst, der im Stande ist, durch sein tiefe» Denken und durch seine reine Sittlichkeit, durch Bewältigung der Sinnlichkeit, durch Befreiung von Beschränktheiten und Vorurtheilen sich zu läutern und zu vergeistigen, tritt zu den Geistern in engere Verbindung, er steigt auf der Stufenleiter der Sphären immer höher empor, — die Propheten sind bi» auf die Spitze derselben gelangt. ' Der Begriff der göttlichen Vorsehung bedeutet jhm auch nicht» Andere» al« die Verbindung de» GotteSgeiste» mit dem Menschengeiste, so daß der Erleuchtetere und Höherstehende in engerer Verbindung mit Gott während seine» ganzen Leben» steht, von ihm stärkere AuSflüffe seiner Allmacht empfängt. In diesem Sinne ist auch die Vergeltung der Menschen aufznfaffen. Der Mensch, der zu einer höheren Ausbildung seine» Geiste» gelangt ist, der seinen Geist geläutert, seine innere sittliche Kraft gestählt hat, hält diesen dauernden Erwerb fest, er tritt Gott und den ewigen seligen Geistern nahe. In Maimonide» Systeme ist natürlich kein Raum für eine leibliche Auferstehung, für eine körperliche Wiederbelebung der Todten. Für ihn ist die zukünftige Welt da» rein geistige Leben, und schon in seiner ersten Schrift, in dem Mischnah-Commentare, enthüllt er seine wahre Ansicht durch ein schöne» und bedeuffame» Gleichniß. (Schluß folgt.) Der Jordan und Jericho. - Ernst und «acht starren die Berge von Juda, und dürr und sonnenverbrannt sind die Fluren von Saron; aber wohin der Jordan seine geheiligte Fluthen treibt, dort lacht die Erde von Kräutern und Blumen, dort sprießt ein Waldparadie» au» gelbem Wüstensand. Da» Ril-Delta ist nicht sonniger und die Ufer unserer Gebirgsseen sind nicht Heller und grüner, al» die malerischm Jordan-Ufer; denn hier trifft die glühende Sonne mit der erfrischenden Flnth zusammen, und königlich au-grgoflen strömt da» Wasser hin zum Lobten Meere. Hier wechseln üppige Getreidefelder und Gra-land mit dornigem Gebüsch und rauhe« FelSgestein, und dort mffcht sich das Rauschen de» hautzhohen Schilfe» mit dem de» Strome»; hier weidet sich der Blick an dem kühlen Dimke! der Weiden, Akazien und Zwergeichen, au» denen Granate und Oleander mit ihren heißen Farben strahlen, und dort zichen da» Auge Lorbeer- und Eistazienbäume, Tamarisken, Erdbeerbäume und die weiche Feige an, mit den schlangenförmig au-einanderlaufendeu Arsten und dem großen, schöngelappten Blatt. Im Sonnenstrahle glühen die rochen, fuchfienähnlichen Blüthen de» Sidr und die tiefgelben Früchte de» Eierstrauche». Darüber hin wölbt sich vereinsamt hie und da noch eine Palme, ihren Turban auf schlankem Stamme emporhaltrnd über vichtbelaubte Lorbeer- und Balsambäume. Da» üppige, dicht mit Schlingpflanzen bewachsene Waldparadie» birgt in feinem Dunkel zahlreiche Horden von Wildschweinen, Wafferhunden und kleinen Leoparden; in den weiten Schilffeldern nisten Schaaren von Waffervögeln, Reihern, Störchen, Rebhühnern, Enten und Schnepfen. Im Gezweige der Bäume hat die Wildtaube ihr Rest gebaut; über den Sträucher» schillert da» buntglänzende Gefieder eine» Dünnschnäbler» und au» kühlem Dunkel strömt da» Liev der Nachtigall. Der Jordan zaubert Leben au» dem Sand der Wüste und erfrischende» Grün au» den kalkigen Seitenwänden, die seine fischreichen Fluthen eindännnen. Und wenn im Sonnenbrand dapflanzliche Grün erstorben, dann schwillt er höher' und höher und gießt segnend und befruchtend seine Waffer au» in da» Land. Allmälig tritt er dann wieder zurück, und auf den Uferterraffen, über die er hinabsteigt in sein Bett, glänzt dichtes Wiesengrün, au» dem die Adoni» glüht, die Sternblume, die gelbe Anemone, und die Ringelblume; in den füllen Uferbuchten aber flnnt sich die Wasserlilie. Die schöne Jordanebene könnte zum paradiesischen Garten Palästina» werden, wenn sich Menschen dort niederlaffen würden, die e» verstünden, sich die Natur dienstbar zu machen. Aber die räuberischen Beduinenstämme, die ihre Zelte ans der großen Ebene von ESdrelom auffchlagen, und jene wildm Horden, die in den schlnchtenreichen Bergen Moab» hausen, machen jede Ansiedelung unmöglich. Einmal alljährlich belebt sich da» Jordanthal, wenn zur Osterzeit die Pilgerschaaren in ganzen Karawanen herbeisttömen, um sich in dem Flusse zu baden. An der Stelle wo Jesu» von Johanne» getauft worden sein soll, machen die Tausende, die zu Pferd, zu Esel und zu Kameel die mühsame Reife unternehmen. Halt. Da» rechte Ufer ist hier flach und ermöglicht einen leichten und bequemen Zutritt zum Waffer, während da» linke Ufer in jähen Kalkhügeln anfstcigt. Die griechischen Pilger entkleiden sich, ziehen da» weiße Linnenhemd an, in dem sie dereinst zu Grabe gelegt werden wollen, bekreuzen sich dreimal, steigen dann in die Fluth hinab und tauchen dreimal unter. Mit dem Wüstensand, den sie abgespült, glauben sie auch alle ihre Sünden abgewaschen zu haben. Mit ungeheurem Ernste benehmen sich bei dem Jordanbade die christlichen Araberinnen und die Koptinnen. Sie, die sich sonst scheuen, unverschleierten Antlitze» auf die Straße zu treten, sie steigen ,»«, ggne mitten unter die Männerschaar, nehmen ihre Kinder, die auf ihren Achselnd sitzend, mit den Händen den Kopf der Mutter halten, uud tauchen sie zu wiederholten Malen bi» über den Kopf unter da» Waffer. Da hilft kein Jammern und Schreien, die Kleinen müssen. Am Abschreckendsten geberden sich die Russen und Griechen, deren Fanatismus nicht eher ruht, bi» Einige, wie die» alljährlich vorzukonnneu pflegt, in der rauschenden Fluth