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Die Gegenwart · 1867-03-29 · 13 (29.3.1867) · p. Seite 101

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
13 (29.3.1867)
Date
1867-03-29
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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©ttüatr vochaschttft fb Jgdtzch« Logetrgachatrs. 10t teren Hauche der Zeit« Eingang »erstattet werde, um bald lösend» bald ergänzend, bald umgrstaltend in die Erstarruug neuen Lebe»«« floß zu bringen: diese Rachtheile konnte Maimouide« nicht bedenken; denn die geschichtliche Betrachtungsweise« blieb ihm wie dem ganzen Mittelalter fremd. Diesem galt da« Bestehende ebenso al« immer gewesen, wie ol« ewig dauernd. Schon in diesen beiden Werken zeigt Maimonide«, daß, wen» auch deren Inhalt rin rein praktisch-cheologischrr war, in ihnen da« ganze Satzuogswesen de« Judeuthum«, wie e« au« dem Talmud sich herausgebildet hatte, lichwoll zusammengestellt werden sollte, daß er ttotzdem damit im Hintergründe eine höhere Absicht verband. Denn überall, wo die Gelegenheit sich darbietet, schweift er über auf religiös-philosophische Gegenstände, sucht er die innerey Gründe zu beleuchte», bemüht er sich die tieferen Grundlagen de« Judenchum« aufzuweisen und die Gedanken, die e« beleben und tragen, al« da« Wesentlichste, da« eigentlich zu Erstrebende hinzustellen. So hatte er in seinem ersten Werke den Traktat der „Bäter" benutzt, um eine Sitteulehre nach aristotelischen Grundsätzen auszuarbeiten und deren Einklang mit dem Judenthum aufzuweisen. So ergreift er unter Anderem bei der Stelle, welche über den Ausschluß Einzelner vom Antheile an der künftigen Welt spricht, die Gelegenheit, um die Grundlagen de« ZudenthumS, wie er sie in dreizehn Glaubenssätzen zusammenstellt, nachzuweisen und als ewige, 'unverbrüchliche zu bezeichnen. Ebenso weiß er in seinem größeren Werke nicht bloS an vielen einzelnen Orten den Sinn auf die tiefere Begründung, auf die sittlich-religiösen Gedanken, welche den Satzungen innewohncn, hinzuweisen, sondern er giebt auch einleitend in populärem Ausdrucke eine Religionsphilosophie als wesentlich« Grundlage der Lehre, philosophisch-prattische Lebensregeln und sonst daran sich AnknvpfendeS. Alles aber erscheint alS aus dem Talmud ent-" wickelt, an Stellen aus ihm kunstvoll sich anlehnend, die er in inneren Zusammenhang bringt und systematisch gruppirt. Doch konnte diesen philosophischen Erörterungen bloS ein geringer Raum gegönnt werden, sie mußten bloö als gelegentliche- Beiwerk erscheine»; va« Werk selbst diente doch hauptsächlich dazu, dem Jünger der talmudischen Wissenschaft diese zu eröffnen und zugleich, wie er hoffte, abzuschließen. Sein volles Streben war damit nicht erschöpft. Maimonidebetrieb die Philosophie mit einer edlen Leidenschaft, die Metaphysik war ihm Herzenssache, in der Befestigung der Erkenntniß von der reinen Geistigkeit GotteS, dessen Vollkommenheit erkannte er seine wahre Lebensaufgabe, sie war in den bereits vollendeten Werken noch nicht erfüllt. Als Mann, der bereits den Höhepunkt des Lebens erreicht hatte, als vielbeschäftigter Arzt ging er an sein Hauptwerk, das er wie fein erste-, den Eommentar zur Mischnah, in arabischer Sprache schrieb — während er für den Codex einegefälligen und leichten Späthebräischen sich bedient hatte. Dieses Werk, dem er den arabischen Titel gab „Dhalalath Al-Hajirin", Führer der Umherirrenden — bekannter nach dem Namen in der hebräischen Uebersetzung Moreh Nebuchim — hat die ausschließliche Bestimmung, die tieferen Grundlagen de« JudenthmnS zu' enthüllen, den vollständigen Einklang deffelben mit der Philosophie nachzuweisen, die sich entgegeustellenden Schwierigkeiten auszugleichen und die Versöhnung mit der Wissenschaft zu vollziehen. Bibel und Aristoteles sind für ihn zwei unttüg. liehe Quellen; aus ihnen schöpfte er, sie sind die zwei Grundbücher der Weisheit, die in verschiedenem Ausdrucke Daffelbe lehren. Die reine Geistigkeit GotteS, die Vollkommenheit feiue« Wesen«, da« auch in Gedanken durch nicht» eingeschränkt werden darf, ist ihm die tiefste Grundlage de« Judenchum«; selbst diejeuigen Eigenschaften, welche von Gott al« gute unk verherrlichende ansgesagt werden; erscheinen ihm al« eine Einschränkung. Eine Eigenschaft inhärirt nicht vollkommen dem Wesen, sie tritt in gewiffem Sinn erst an daffelbe heran. Bet Gott aber kommt Nicht« hinzu. Alle» ist in ihm untheilbar geeint, während die Aussage von Eigenschaften eine gewisse Theilung vvraussetzt, eine zusammengesetzte Einheit behauptet, nicht ein«, in sich geschloffene, wie Gott gehacht werden muß. Well nun' demnach durchaus nicht« Einzelne« von chm ausgesagt werden kann, um seinen Begriff nicht dadurch zu beschränken, so dürfen wir ihm eigentlich hleS verneinende Eigenschaften beilegen, daß kein Mangel an chm haftet, kein Makel bei ihm gedacht werden kann, so daß alle» Beschränkende von ihm entfernt, nur die volle Entäußerung alle- Eoncreten, die höchste Abstraction als die einzig ihm sich annähernde Vorstellung bettachtet werden kann. Wenn nun aber doch in der Bibel soviel sinnliche AuS« drülke über Gott Vorkommen, so sind dies sinnlich klingende Bezeichnungen für geistige Dinge. Maimonide« begnügt sich nicht damit zu sagen, eö seien Umschreibungen, Bilder, naive AuS» druck-weisen, wie sie zum Verständniffe einer niederen Bildungsstufe angewendet werden müffen; wenn er auch Die» annimmt/ so begnügt er sich doch nicht damit, weil so da« Bibelwort nicht inhaltsvoll genug wäre, vielmehr behauptet er, daß in diesen sinnlichen Ausdrücken auch eine geistige Bedeutung liege. Die Worte, lehrt er, drücken verschiedene unter sich verwandte Begriffe au«, von denen der eine das sinnliche, der anders dageistige Moment mehr betont. Wenn eS z. B. heißt: Gott steht, so heißt da«: er ist beharrlich, ist unveränderlich; wenn eS heißt: er steigt hernieder, so bedeutet die» seine Einwirkung auf die weltlichen Dinge; wenn von dem Throne GotteS die Rede ist, so ist damit die höhere Sphäre gemeint, welche reicher begeistigt ist, weil sie die nächsten Wirkungen von Gott aufnimmt, und AehnlicheS dergl. Er denkt überhaupt, daß die Alten init Willen in einer Weise sich aussprechen, die für den an Verstand Unreifen al» ein AeußerlicheS auch einen ihm zusagenden Sinn hat, während der Verständige die tiefere Absicht darin erfaßt. Die Männer der Bibel und de« Talmuds hätten gleich den alten Philosophen zu» weilen absichtlich Ausdrücke, Darstellungsformen gewählt, die aucy für den gewöhnlichen Menschen etwa» auösagen, ohne daß er die volle Wahrheit erkennt, für den Denker aber tiefere Weisheit erschließen. Solche Aussprüche, sagt er, sind goldene Aepfel in silbernen durchbrochenen Schaalen. Deinjenigen, der fern steht, wie dem Kurzsichtigen werden blo« die silbernen Schaalen sichtbar, da« Werthvollere, dain denselben ist, bleibt ihm verborgen; wer nahe hinzutritt, wer scharfsichtig ist, erkennt durch die silbernen Schaalen die goldenen Aepfel. Es muß daher der Verständige bei solchen sinnlich klingenden Aeußerungen der Alten nur tiefer hinein blicken, um die darin liegende verborgene Wahrheit zu erfassen. Natürlich kann Gott in seiner Geistigkeit nicht mit den Sinnen wahrgenommen werden, die Offenbarung kann daher nicht eine Erscheinung sein, die mit den Augen gesehen, mit den Ohren vernommen wird. Wenn die früheren philosophirenden Theologen, diese Auffassung vermeidend, sich dahin aussprechen, daß Gott eine Lichterscheiyung sichtbar werden laffe und eine Stimme erschaffe, die vernommen werde, so will Maimonide« sich nicht gerade gegen diese Lösung aussprechen, e« genügt ihm, wenn alles Sinnliche nur von Gott selbst beseitigt wird, aber seinem eigent«

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