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Die Gegenwart · 1867-03-22 · 12 (22.3.1867) · p. Seite 94

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
12 (22.3.1867)
Date
1867-03-22
Page
Seite 94 (sequence 6)
Language
German
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94 Di» •tgMMtL Sette hervvrkehrende» Gletchniß, womtt ein Rabbi, zur Entschuldigung, daß er e» wage, im Kreise »oa Gelehrtm da- Won zu ergreifen, fchüchtem seinen Bortrag eröffne«, möge hier einen Platz finden: Keine Holzart giebt beim Brennen eine« Ton von fich, nur die dürren Zweige de» Dornenstrauchmachen rin knisternde» Geräusch; sie wollen sagen: „Auch wir find Holz!" E« erinneN diese» Gleichniß, da» die hohle Aufgeblasenhett geißelt, an Iocham» Fabel (Richter 9, 8f.) Im Talmud (Baba Mezia 85b) findet fich dafür eine sprüchwöNliche Reden-art ent« sprechend unserm: „Er klappert mit seinem Wissen." Eger». ErNLnmg. Mehreren Anfragen gegenüber scheint r» un» nothwendig zu erklären, daß die Artikel über Heinrich Heine und da» Judenthum" nicht ein abgeschlossene» Ganze» bilden, sondern nur Fragmente eine» größeren Aufsätze» sind, die der Herr Berfaffer so freundlich war un» zur Beröffentlichung zu geben. Die Redaktion. Skizze« neuerer Zeit. ' i L Ein srommr» Hau». (Schloß zu «. 88.) Feibelmann war zwar an diese Art brutaler Polemik gewöhnt, und beachtete sie in der Regel niemals; doch war er in der That begierig zu wissen, welche» Gebet damit gemeint war, und unterdrückte darum die Frage darnach nicht. „Nun welche» Gebet ander», al» da» „Bame-Madlikin", dessen heilige Laute leider gestern Abend bei der Borfeier de» Sabbath zum ersten Male seit Jahrhunderten in unserer Synagoge nicht gehört worden find." Herr Bonnheim nickte beifällig und der Rabbi fuhr fort: „Diese» Gebet ist sowohl wegen seine» gesetzlicheu und deutung-vollen Inhalt», al» wegen de» tiefschauenden Geiste» und der großen Moral unsrer Weisen de» Talmud, die, da sie so schonend gegen da« zarte Geschlecht verfahren, und ihm nur drei Hauptgebote zur Befolgung auferlegt haben, so klar daraus hervorleuchtet, von großer Bedeutung." Bei der Erwähnung de» „zarten Geschlecht»" schielte der Rabbi mit einem zudringlichen Blick auf Betty, der bei diesem verrenkten und sinnlosen Au-spruch ungefähr wie dem Faust in der Hexenküche zu Muthe war. Aber sie hatte gern ihren Scherz an diesen pathetischen Ergüsien de- Pseudorabbi, und um ihn in Athem zu erhalten, sagte sie: „Die Weisen de» Talmud scheinen allerdings diesen Ramm mehr al» ihre Nachfolger von heute, zu verdienen, da sie so schonend gegen da» zarte Geschlecht waren, demselben die. unerquick« lichen Diskussionen über ihre Vorschriften und Satzungen zu er« kaffen. Aber um ihre Wei-Hett näher kennen zu lernen, möchte ich doch wohl erfahren« welche» die von Ihnen ebenerwähnten drei Hauptgebote sind, mit denen sie uu» ausschließlich begnadet haben, da ich leider meine Unwiffenheit in diesem Punkte beken» »en muß." —*— ~~ Feibelmann konnte ein Helle» Kichern nicht verbergen, al» er ha» lange Gesicht de» Rabbi bei dieser naiven Frage de» Mädchen» betrachtete, und auch Bendn weidete sich an deffeu Berle» -ycheit. Rur Herr Bonnheim und der edle Baron, die in kindlicher Unwiffrnheit da» Brrfängliche in der Situation de» Gespräch» nicht ahnten, lauschten mtt Wißbegierde auf die Antwort de» gelehrten Rabbi. Dieser räusperte fich wiederholt und sagte mit seinem gewohnten Patho«: „Da« erste dieser Gebote ist da» Backen de» sabbathlichen Brote» durch die jüdische Hau»ftau — gleichsam da» Symbol der ihre Sättigung in eigenem Schaffen findenden Häuslichkeit. Da» zweite ist da« Anzünden der Sabbathlichter. durch die israelitische HaoSftau, gleichsam da» Symbol der" —l Dem improvifirenden Rabbi war hier da» tortium comparatiohis, die Tugeny, für welche da» Lichtanzünden ein Symbol sein sollte, nicht gleich bei der Hand, und da er ein wenig stockte, so viel Betty muchwillig ein: — „Gleichsam der höhern durch die HauSftau vertretenen Aufklärung in der Familie. Nicht wahr, ich treffe den Sinn der Weisen de» Talmud; nun, nnd endlich da» Dritte und wahrscheinlich wichtigste Hauptgebot, wa» besagt die»?" Der Rabbi sah fast ängstlich nach Herrn Bonnheim, al» suche er Trost und Rath bei diesem, wie er über die, seinem gesellschaftlichen Convenienzgefühl durch diese Fragen unbewußt gelegten Fallen hinwegkomme. E» war eine Pause der Verlegenheit eingetreten, während welcher man nur da» leise fortdauernde Kichern Feibelmann» vernehmen konnte, der sich endlich de» Rabbi erbarmte und her« ausplatzte: „Da» dritte Gebot, mein Fräulein! ist da» Waschen der großen Wäsche durch die israelitische Frau im eigenen Hause, gleichsain da» Symbol und Vorbild, daß auch die israelitischen Männer und Gelehrten ihre schmutzige Wäsche nicht auf offnem Markt, in den Zeitungen und vor den Behörden waschen sollten." Bender lachte beifällig und Betty fühlte, daß sie diese Mystifikation für wahr anzunehmen habe. Der Baron konnte sich aber nicht recht in den Stand de» Gespräch» finden, nnd sagte: „Wir find über diese geistreiche Abschweifung in Folge der Lernbegierde unserer schönen Wirthin von unserem Thema abgekommen. Ich weiß zwar nicht, welchen Inhalt» und Sinne» da» vorhin bezeichnete alt-ehrwürdige Gebetstück ist, da» eine flache rationalistisch-revolutionäre Fraktion au» der Synagoge verbannt hat, wie ich überhaupt von der Geschichte und Entstehung der liturgischen Einrichtung Ihre» Glauben» nur vom Hörensagen etwa» weiß. Dennoch aber leuchtet mir soviel ein, daß der Staat berufen ist, darüber zu wachen, daß auch nicht die kleinste Aenderung an derjenigen Ordnung de» Kultus vorgenommen werde, welche für die Judenschaften ad antiquo eingeführt ist, und welche für immer die Basis für die verfassungsmäßige Tolerirung de» Judenthum» bleiben muß, wie sie sicherlich die Basis für die ehemalige Reception der Judenschaften in dm christlichen Territorien war. Aber die Aufgabe de» christlichen Staat« geht noch Wetter; er muß da» jüdische Volk, da» ihm von der Vorsehung gleichsam wie ein Fideicommiß für eine höchste letzte Bestimmung anvertraut ist, vor Entartung in ihm selbst schützen; er muß daffelbe daher konsequent vor jeder Berührung mit seinen eigenen Institutionen fernhaltey. die 4tt einem Lonflikt,mtt der jüdischen Satzung führm muß. Dahin gehört vor Allem die Fern« Haltung von allm christlichen Aemtern, die doch ohne Verletzung de» Religionsgesetzes von Juden nicht verwaltet werden können, und die der wahre Jude auch jederzett mtt Entrüstung von sich weisen wird. Da» ist die wahre B ogtei de» christlichen Staat»

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