Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 11 (15.3.1867)
- Date
- 1867-03-15
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Gegenwart. Glauben-: die Wahrheit wird und muß zur dauernden Verwirklichung kommen. Zur Rechtfertigung meiner Diagnose betrete ich da- Ihnen heimische Gebiet der Religion-geschichte. Dar eS etwa nicht ein Eynflikt zwischen Mose» und Israel, zwischen Lehre und Leben oder zwischen der Gotte»- und der Lolk-anschauung, daß die Thora Einen geistigen, unsichtbaren Gott lehrte, da» Volk aber fremden Göttern, d. h. Götzen diente? Und dauert dieser Konflikt nicht fort bis zur Rückkehr au» dem Exil, ohne daß MoseS und die später» Propheten an dem endlichen Siege der Wahrheit über den Irrthnm verzweifelten? War es ferner nicht ein Con« flikt zwischen Lehre und Leben, zwischen Prophetenwort und BolkSmeinung, daß jene Gegeisterten Redner mahnten, Gott in Wahihcit anznbeten, Gott durch richtige Crkenntniß zu erfassen lind durch einen tugendhaften, heiligen Wandel zu ehren, während die Menge abergläubisch am Dpfer- und Eeremoiiialdiciiste fest« hielt, ohne auf de» Kern und da» Wese» der Religion zu achten? Und sehen wir in der Anfeindung der Ansichten eines Maimoni» des und anderer e> leuchteten Rabbiner etwas anderes, als den Kampf des tobten Buchstabens gegen den lebendigen Geist, des HerkcminciiS gegen die Wissenschaft, kurz einen Conflikt zwischen Lehre und Leben? Ohne Blühe und Streit bricht keine neue Idee sich eine Bahn in die Geister und Herzen der Menschen. Co war eö in alter Zeit, so ist eS^in nuferen Tagen, und so wird cS noch bleibe» in später Zukunft. Die Krenzziigc nach dem heiligen Grabe deS Abgelebten hören nicht auf; Priester predigen sie, Vorgesetzte führen sie, und die unwissende Menge felgt ihnen. Doch zu unserem Tröste müssen wir uns gestehen, daß diese Krclnzügc keine blutigen Dpfrrn mehr fordern, und daß die Schaar der Theilnchmcnden sich täglich mindert. Wie die rechte Lehre, die Wahrheit über ein falsche» Lebe», über irriges Herkommen siegt; so besiegt auch da^ rechte Leben, die Macht des Fortschrittes die falsche Lehre, den Irrthnin. ES zeigt sich hier eine erfreuliche Rcciprocilät. Die Reaktion eines gesunden Geistes stößt/ wie die eines gesunden Körpers die krankhaften Stoffe ans. Rach meiner Ansicht können wir uns deshalb, lieber Freund, nur freuen, wen» selbst solche Glaubensgenossen, welche auf verba jna^istri schwören, auch nicht mehr sich entschließen können, allein überlieferte Satzungen und Bräuche zu befolgen und zu üben, somit den thatsächlichen Beweis liefern, manches Ueberkommene sei verkommen. Was störl'ö daß diese Vorschriften und Sitten noch in deni sogcüannten Codex als religiöse Verpflichtungen enthalten sind? Welches Heil erwarten Sie davon, wenn der oder die Schulchän Aruch von solchen Paragraphen gereinigt würde»?> Glauben Sie mir, daß eine solche Purifikation nach keiner Seite hin ersprießliche Folgen haben, sondern im Gegcntheil nur Anstoß recht» und links erregen würde. Jedenfalls würde der religiöse Fortschritt dadurch niehr gehemmt, als gefördert werden. Denn nur wenige Rabbiner, selbst unterdenen, die eine KultuSreform predigen, dürften den Muth haben, so viele Satzungen aus dem Codex zu entfernen, als von vielen Seiten nicht ohne Grund gefordert würde. Der Codex würde, was ich auch wünsche, auf wenige Blätter sich reduciren, die selbst entbehrlich wären. Zudem wäre es eine Mißachtung der religiösen Entwicklungsgeschichte, wenn nur Ein Wort auS den älteren Büchern, denen eine längere oder kürzere Zeit eine Sanktion gegeben war, weggcwischt werden sollte. Lasten wir den Buchstaben des TalmudS und aller rabbinischen Werke unangetastet, aber auch unbeachtet, wenn er unserer bester» Ueberzeugung widerstreitet und auf dem Wege zur Vervollkommnung uns hemmen will. ES gelingt keiner Erdenmacht auf längere Zeit, de« Geist in Finsterniß zn bannen. Dieses Bewußtsein flößt nicht allein Muth ein, sondern auch Geduld. Die Geduld lehrt un» Nachsicht mit den Schwachen, Rücksicht gegen AnderSstrcbende. Da», mein Freund, ist die Anforderung, welche ich an die Aufklärung stelle, daß sie nicht polemisch die sogenannte Reaktion oder die Stabilen verletze. Man kann diö Wahrheit osten und unverholen aussprechen, ohne Andersdenkende zu befehden. Je gewiffcr wir unseres Siege» sind, desto leidenschaftsloser und ruhiger können wir für den Fortschritt wirken. Zum Schluste bemerke ich Ihnen noch, die Unzuftiedenheit mit der Gegenwart, die alte Weltbeschwerde oder die Klage über den Conflikt ist die Gründerin zweier Kunst-Akademien, die beide eine im fernen Hintergründe liegende Zeit auf den Contouren ihrer Phantasie in heiterer Farbe sich malten. Die neue Schule preist die ferne Vergangenheit, die andere die dunkle Zukunft als goldenes Zeitalter, und beide klagen gemeinschaftlich die Gegenwart an. Ich, der HortschrittSmann^ lebe der Ueberzeugung, die vergangene Zeit war nicht so schön, alö die jetzige und die künftige werde schöner sein, als diese; aber nie kami ein Zeit eiutretcn, in welcher daS Phantasiebilv eines goldenen Zeitalters sich rcalisirt. Ein Paradies auf Erden wäre eine Hölle für den thätige», strebenden Geist. So lange die Erde steht, wird Tag und Nacht, der Lebenöwcchscl nicht aufhören; aber lichter und besser wird eS immer mehr auf dieser Erde werden. DaS ist meine Messias-Hoffnung, die sich allmählig erfüllt und uns den Muth und die Frische zum Kampfe für Recht und Freiheit erhält. , " E. A. Skizzen neuerer Zeit. I. Ein frommes Haus. (Fortsetzung zu S. 79.) Bender lohnte eine Art von Beschämung nicht verbergen, da er die Wahrheit dieser Anklage tief fühlte. Doch machte eS einen wohlthucnden, gewinnenden Eindruck auf ihn, daß seine Muhme in diesem Augenblick des Wiedersehens, an den ersten und heiligsten Schmerz ihres Lebens dachte. ES entging ihm im weitern Perlauf der Unterhaltung auch nicht, daß dieser Schmerz dem Seelenleben des Mädchens eine rasche und zeitige Entwickelung gegeben haben müsse. Der unvorhergesehene Tod einer überaus zärtlichen Mutter hatte aus der ungetrübten fröhlichen Kinderwelt gleichfam die Sonne auSgeloscht, und das vierzehnjährige Mädchen stand vereinsamt im Dämmerschcin einer nur von den Sternen der Sehnsucht erhellten FrühlingSnacht, in welcher die ganze Fülle ihres Gemüthö, wie die Blüthe einer HcSperiS, von keinem Menschen- > blick belauscht, plötzlich hervcrbrach. ' Betth'S Wesen, des gewohntem Anhaltes in der übermäßi« | gen Sorgfalt der Mutter beraubt, hatte eine selbstständige Entschlossenheit und Festigkeit angenommen, die ihr, besonders dem zerfahrenen und schwankenden Charakter de« Vater« gegenüber, sehr wohl anstand und zu Statten kam. Als das Gespräch sich auf die gegenwärtigen Liebhabereien des Letzteren lenkte, sagte sie mit einem wehmüthigen Lächeln: . „Ich weiß gewiß, daß diese sonderbare Verpuppung, die nur eine Mißstimmung seiner Seele ist, einmal vorübergehen wird; Papa gehört zu den Menschen, die große gemüthliche Bedürfnisse haben, ohne sie aus sich und in sich befriedigen zu können, und immer im Aeußerlichen Herumtasten, um da»'Rechte zu