Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 11 (15.3.1867)
- Date
- 1867-03-15
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Berliner Wochenschrift für Jüdische Augeltgrohritm. 87 find». Ich weiß eS. er. wird und kann eine dauernde Geseeligung io dieser Scheinreligiosität nicht finden, darum, verhalte ich mich zu derselben allerdings schonend und nachgiebig, aber «ein Wesen und meine Persönlichkeit werde ich ihr niemals — niemals zum Opfer bringen." Bender mußte dabei an daü denken, waS ihm Feibelmann so eben mitgetheilt hatte, und er fühlte sich beruhigt, in der Entschiedenheit des jungen Mädchens den Damm zu entdecken, an j welchem die Wogen einer so plumpen JntrigNe, wie sie vielleicht! hier auch im Spiel sein mochte, jedenfalls sich brechen würden, i Inzwischen war endlich auch Herr Bonnheim an» der Synagoge; heimgekehrt. , Bender fand in der That in dem Gesichte desselben Das! ausgeprägt, waö Betty eine Seelenmißstimmung genannt hatte; j ein Zustand, der vielleicht durch die unwillkommene Erscheinung , Benders, dessen kalter, zuweilen ironischer Negation der Alte zu '■ begegnen fürchtete, sich augenblicklich noch steigerte. Gleichwohl! war der Empfang und der Austausch äußerlicher Mittheilungen, i wie er nach langjähriger Trennung unter Verwanden üblich, kein ' unfreundlicher. Bender nahm'die Einladung für den heutigen Mittag gern» an, und da eS noch früh an der Zeit war, entfernte er sich, um einige Geschäfte zu besorgen. Beim HinauSgehcn wurde er durch eine Reihe von Zimmern geführt, die er heute noch nicht betreten hatte. In einem derselben bemerkte er eine beträchtliche Sammlung von Bildern, meist biblische Gegenstände darstellend, und unter diesen zu seiner nicht geringen Betroffenheit das Bildniß seines eigenen Großvaters, deS VaterS seiner Mütter und des Herrn Bonnheim, das er in diesen Räumen jemals früher gesehen zu haben sich nicht erinnern konnte. Die Erscheinung des Greises mit dem schwarzen Sammtkäppchkn auf dem grauen Scheitel und mit dem zweithciligcn grauen Bart, der bis auf die Mitte des fchlvarzcn Kaftans herabwallte, ganz wie er in dem tiefsten Gedächtniß Bender« dunkel schlummerte, brachte in diesem eine sehr gemischte Empfindung hervor. „Seit wann figurirt mein ehrlicher Aeltervater „Rebb Bruniicm Behelfer"^,in einer solchen Gemäldeausstellung? Wo war das jedenfalls alte Bild früher, ehe es meinem Oheim zum Stolz gereichte, von einem Manne mit ehrwürdigem Barte und Kaftan abzustammen; wird hier auch die heilige Familienpietät zum Schaugepränge entwürdigt, um die angeuommene Frömmigkeit als ei» legitimes Erbstück zu kennzeichnen? Bender dachte im Stillen über die Wirkung nach, die eine Erzählung der LebenSschiüsale, Hantirung und Fahrten dieses alten würdigen Mannes, auf die christlich-germanischen Bundesgenosse» seines OheimS, trotz ihrer affektirtcn Borliebe für das Altjüdische machen würde, und nahm sich vor, bei guter Gelegenheit mit dieser Geschichte zu debütiren. Rach Verlauf einiger Stunden erschien Bender zum Mittagsmahl. Ein großer Theil der Gäste und Hausgenossen war schon in dem an den Speisesaal anstoßenden Empfangssalon vereinigt, Feibelmann, in einem uraltmodischen schwarzen Frack und eine massive silberne Brille vor seinen kleinen Augen, stand an den Ofen gelehnt, und sah in dieser Metamorphose ganz ehrwürdig aus, ungefähr wie ein auf dem Lande verwitterter Predigtamtskandidat, der bereit» auf die Pfarre für immer verzichtet hat. In einer Fensternische auf einem bequemen Sessel, mit weit vorgeftreckten Beinen, die bis an die Fußblätter von den lauge» Schößen eine« schworen Rocke« bedeckt waren, faß eiue Gestalt, deren Obertheil einschließlich de« Kopfes, hi« auf die Zipfel einer vierspitzigen Sammetmütze, ganz und gar von dem riesigen Folio einer bekannten feudalen ZeiMng die von der Gestalt mit beiden Händen festgchalten wurde, wie von einer spanischen Wand bedeckt war. Im Schatten dieses Riefenschleiers konnte Bender, da ihn» die Gestalt als „Rabbi Hirsch Kohnin" vorgestellt wurde, kaum mehr als ein paar dunkel leuchtende, etwas schielende Blicke und die Einfassung eines schwarzen Barte« um da« lange Gesicht entdecken. 1 Im Gespräche mit dem Hausherrn aufmrd abgehend, wurde ein Herr mit etivas verfalluen, nur durch einen höchst zierlichen blonden Schnurrbart belebten GesichtSzügen, aber mit vollkommener kavaliermäßiger Haltung, al« Baron Photo „ein Freund des Hause« und Redakteur deS „Patrioten" vorgestellt. Der vornehme Herr, der bevor er seine gegenwärtige publicistische Carridre begonnen, zu den räthselhaftcn Existenzen gehört hatte, kam zu BounheimS sehr oft in der freundschaftlichsten Weise „auf einen Löffel Suppe", am liebsten deS Samstags, weil„ wie er sagte, „diese mit einer Art von historischem drrut-xoüt, mit einer äußerst pikante» Ahnung eines eghptischen AromS behafteten Speisen von rituell getddtcteu Thieren einen eigenen Reiz auf seinen Gaumen ausübte»." Betty rächte sich zuweilen an den Baron dadurch, daß sie mit „egyptischem Arom" in der Küche sehr verschwenderisch umgeben ließ, wenn der Baroir sich angckündigt hatte; in welchem Fälle dieser aber jede on'eutalische RcminiSceiiz beharrlich mit Fluchen Bordeaux- und Rheinweinen ans Hcrni Bonnheim« wohlbcftellten Keller wcgzuschwemmen bemüht war. DaS durch Bender« Erscheinen unterbrochene Gespräch hatte sich auf die damals in den Häusern der LaiideSvertretung ge« ' pflogcne Berathuug des EhescheiduiigSgesetzeS bezogen. Der Bare» entwickelte den immanenten christlichen Charakter diese« gleichwohl nur „weltlichen" Gesetzentwurfs, und gerieth nicht in die geringste Verlegenheit, als ihn Feibelmann bescheiden fragte, wie sich denn die Sache gestaltet haben würde, wenn neben der katholischen Fraktion sich auch eine jüdische in der Kammer fvrmirl hätte, deren Möglichkeit nach der Verfassung doch nicht ausgeschlossen sei, und wenn diese Fraktion, gleich der katholischen für die Katholiken, die Anerkennnng des jüdischen Ehescheidung^- rechts für die Juden in Preußen verlangt hätte. „Die jüdische Fraktion in der Kammer als eine konstitutionelle Illusion bei Seite gesetzt," — sagte der Baron — „denn in der gesetzgebenden Pelsammlung eines christlichen Staats ist für nicht christliche Elemente überhaupt kein Raum, so würde ich daS etwa im Wege der Petition formulirte Verlangen als vollkommen berechtigt an- . erkennen, und überhaupt dafür sein, daß den Rabbinen die geistliche Gerichtsbarkeit in Ehesachen znrückgegeben werde." „Wenn aber die Rabbinen die SchcidungSgründe des niosaisch'talmudischen Eh^rechtS zur Geltung brächten", — bemerkte Feibelmann dagegen, — „so würde Ihr christliche» Gewissen den ärgsten Anstoß daran nehme». Denn der Talmud ist, namentlich in Bezug auf das ScheivungSrecht de« Manne« unendlich laxer, als daS verrufene Landrecht, welches wenigsten« Mann und Frau gleich behandelt. Ja eS gicbt einen, allerdings nur individuellen, rabbi- »ischen Standpunkt, von dem au« es sogar als ein gottgefällige« Werk erscheinen mag, sich einmal von seiner Frau scheiden zu lassen, um nur Gelegenheit zu haben, die hierauf bezüglichen geheiligten Ritualanordnungen in Vollzug zu setzen. Nicht wahr