Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 11 (15.3.1867)
- Date
- 1867-03-15
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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85 i Berlin« Wochenschrift für scheu beibriugeu, aber der Sinn für die Jagd Legt im Blute. Wenn die Ahnen schon feit undenklichen Zeiten Rehböcke geschossen haben, so findet auch der Enkel ein Vergnügen an dieser legitimen Beschäftigung. ' Meine Ahnen gehörten aber nicht zu den Jagenden, viel eher zu den Gejagten, und soll ich auf die Nachkömmlinge ihrer ehemaligen Eollegen lo-drücken, so empört sich mein Blut. Ja, au- Erfahrung weiß ich, daß nach abgesteckter Mensur e« mir viel leichter wird, auf einen Jäger loszudrücken, der die Zeiten zurückwüufcht, wo auch Menschen zur hohen Jagd gehörten." Man braucht sich also für diesen Punkt nicht allein auf die „Geständnisse" zu berufen, in denen er sagt: „Wenn picht jeder Geburt-stolz bei dem Kämpen der Revolution und ihrer demokratischen Principien ein närrischer Widerspruch wäre, so könnte der Schreiber -dieser Blätter stolz darauf sein, daß seine Ahnen dem edlen Hause J-rael angehörten, daß er ein Abkömmling jener Märtyrer, die der Welt einen Gott und eine Moral gegeben und auf allen Schlachtfeldern de-Gedankens gekämpft und gelitten haben." Die Liebe zum angestammten Judenthunl zeigt sich aber am entschiedensten und für Jeden, der ein kulturgeschichtliche- Derständniß für diese Dinge hat, am unzweideuttgsten da, wo er die endliche Auflösung, wie aller posittven Religionen, so auch de- JudenthumS in die allgemeine Sittlichkeit verkündet, jene „große Demokratte, wo jeder Mensch nicht bloö König, sondern auch Bischof in seiner Hausburg sein soll." In „Shakespeare'- Mädchen und Frauen" — in den beiden Artikeln „Jessika" und „Portia" sind sehr zu beachtende Beziehungen zum Judonthum ausgesprochen — sagt er: „Welche- Märtyrerthum haben sie (die Juden) schon um dieser Idee willen erduldet! welchegrößere Märtyrerthum steht ihnen noch bevor. Ich schaudere bei diesem Gedanken und^ ein unendliche- Mitleid rieselt mir durch'- Herz. ^Während deganzen Mittelalterbizum heutigen Tag stand die herrschende Weltanschauung nicht in direktem Widerspruch mit jener Idee, die Moseden Juden aufgebürdet, ihnen mit heiligen Riemen angeschnallt, ihnen in'S Fleisch eiiigeschnitteii hatte; ja, von Christen und Mohamedanern unterschieden sie sich nicht wesentlich, unterschieden sie sich nicht durch eine entgegengesetzte Synthese, sondern nur durch Auslegung und Schiboscth. Aber siegt einst Satan, der sündhafte Pantheismus, vor wMhem^uuS sowohl alle Heiligen dealten und neuen Testaments als auch des Korans bewahren mögen, so zieht sich über die Häupter der armen Juden ein Verfolgungsgewitter zusammen, daihre früheren Erduldungen noch weit überbieten wird." Natürlich kann von einer socialen Verfolgung der Juden unter der Herrschaft des Pantheismus nicht füglich die Rede sein. Heine fühlt aber so tief für die Bedeutung jener „fiscen Idee", wie er die monotheistische Synthese einmal nennt, daß er von Mitleid ergriffen wird bei dem Gedanken, daß dieselbe einst von einer nach seiner eigenen Ansicht richtigeren Weltanschauung besiegt werden werde. Briefwechsel über Iudenthum und Iudenheit in der Gegenwark. Dritter Brief. Aus Norddeutschland, März 1867. „Daß die Welt im Argen liege, ist eine Klage, die so alt ist, als die Geschichte, selbst als die noch ältere Dichtkunst, ja Jüdische Angelegenheit«. gleich alt mit der ättesten unter allen Dichtungen, der Priesterreligion." Mit diesen Worten beginnt Kaut sein Buch: „die Religion iauerhalb der Grenzen der bloß« ömmnft"; ich meine Antwort, bester Freund, auf Ihre beiden Briefe au» Süddeutschlaud. Auch aus Ihren Briefen höre ich das Echo dieser alten, nie verhallenden Klage. Nehmen Sie, der Theologe, mir, dem Arzte, e« nicht übel, daß ich Ihnen eine Strafpredigt halte über Ihre Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Zuständen der Synagoge! Ich klage Sie nicht an ob Ihrer Klage, sondern weiß da» unruhige Verlangen nach fortschreitender Aufklärung zu schätzen. Aber mit HoratiuS frage ich Sie: Qm fit, Maecenas, ut nemo, quam sibi sortem seu ratio dederit, seu fors objecerit, illa contentuß vivat? Woher diese Unzufriedenheit, dieser Weltschmerz aller Zeitalterder auch Ihre Seele ergriffen hat? Soll ich etwa mit frommen Mystikern in diesen Seufzern der Kreatur ein gewaltige-, angeborenes Sehnen in der Brust des Menschen anerkennen, dafeine Befriedigung erst in jener Welt oder in dieser nur durch einen Wunderglauben finden kann? Solch ein Seufzen und Sehnen ist Ihrem Herzen so fremd, als dem meinigen. Aber auch in Ihre Klage über den Eonflikt zwischen Lehre und Leben kann ich nicht einstimmen. Ich sehe in diesem Conflikte nicht- Anderes, als den nothwendigen Lebensprozeß, welcher bei allen Entwicklungen in der Natur und der Geschichte hervortritt. Wie, kein Halm den Boden durchbricht und emporschießt, ohne daß vorerst da- Saatkorn im dunklen Mutterfchooße der Erde durch Gährung sich aufgelöst; so treten auch neue Ideen in die reale Welt nicht ein ohne Eonflikt, ohne das Ferment, mittelst dessen das eingewurzelte Vorurtheil auf dem Lebensfelde sich auflöst. Durch ' alle Phasen der Geschichte zieht sich der Kampf zwischen Bestehendem und Entstehendem. Auch die Kinder des Geiste», die Gedanken, werden, gleich den leiblichen Kindern, mit Schmerzen geboren, mit Sorgen und Plagengroßgezogen. Ja oft kostet, wie der Mutter das leibliche Kind, so dem Vater dageistige Kind das Leben. Wir nennen diese an ihren geistigen Geburten Sterbenden Märtyrer; die neugeborene oder entdeckte Wahrheit nicht mit Rahel „Unglückskind", sondern mit Jakob „Glückskind." Diese Wahrheit mag Ihre Klage beschwichtigen, Ihre Weh« inuth stillen. Das Wort „Märtyrer" ist aus dem Lexicon des Lebens gestrichen und wird für alle Zukunft nur noch in einem archäologischen Wörterbuche seinen Platz haben. Die Macht der Molochspriester, welche ihrem Gotte Menschen opferten, ist gebrochen. Weder Menschen noch Bücher laufen fürder Gefahr, von dem Feuerschlunde des Fanatismus verschlungen zu werden. Auch wird kein Pabst mehr grausam einen Galiläi zur Abbitte zwingen wegen eiäer Lehre der Physik d. h. zum Abschwören der Wahrheit, noch ein Rabbiner anmaßend einen Spinoza mit Bann belegen. Die Bischöfe lassen hinfüro keinen Talmud, die Rabbi« um keine MendelSsohn'sche Bibelübersetzung verbrennen. Wie dürste demnach in unserer Zeit der Eonflikt zwischen Lehre und Leben beklagt werden, da die Gedankenfreiheit kein Leben und daS Leben keine Gedankenfreiheit mehr zu opfern braucht? Der Fortschritt auf der Bahn der Gedanken- und GcisteSfreiheit ist größer, als der durch die Dampfkraft auf den Schienen- und Wasserstraßen. Ich sehe daher in dem Zweikampfe zwischen Lehre und Leben nichts weiter, als die Differenz und Divergenz zwischen Gedanken und Wirklichkeit. Die Idee eilt stets ^im raschen Fluge der langsam nachhinkenden Realisirung weit voran. Darüber aber wird der Einsichtsvolle nicht unwillig, sondern lebt de-