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Die Gegenwart · 1867-03-15 · 11 (15.3.1867) · p. Seite 84

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
11 (15.3.1867)
Date
1867-03-15
Page
Seite 84 (sequence 4)
Language
German
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84 Die Segemvit. Heinrich Heine vv> da» Indenthn«. (Schloß ju S. 70.) Noch einem Einwurf ist zu begegnen, der so nahe liegt und dessen Beseitigung un« die rückhaltlose Verständigung über Heine'- wesentlichste Stellung zum Judenthum um Vieleerleichtern wird. , Wenn ewahr ist, wird man sagen, daß Heine da- Judenthum als ein „Gegengift" gegen da- Ehristenthum ansah, wie durfte, wie konnte er sich taufen lasten? Man höre ihn selbst. In einem Briefe vom 27. September 1825 an Mose- Moser beklagt er sich über die Knickerei seine« Oheim-, die ihn zu dem Ent« schluffe bringe, praktischer Jurist zu werden. „Am Ende bin ich doch der Mann, den keine Geldrücksicht bewegen sollte, Etwavon seiner inneren Würde zu^veräußer». Du siehst mich daher trotz meiner Kopfleiden im fortgesetzten Studium meiner Juristerei, die mir in der Folge Brod schaffen soll. Wie Du denken kannst — kommt hier die Taufe zur Sprache, Keiner von meiner Familie ist dagegen außer ich. Und dieser ich ist sehr eigensinniger Natur. Aumeiner Deckung-art kannst Du eS Dir wohl abstrahiren, daß mir die Taufe ein gleichgültiger Akt ist, daß ich ihn auch symbolisch nicht wichtig achte, und daß er in den Berhältnisten und auf die Weise, wie er bei mir vollzogen wird, auch für Andere keine Bedeutung hätte. Für mich hätte er vielleicht die Bedeutung, daß ich mich der Verfechtung meiner unglücklichen StammeSgenossen mehr weihen würde. Aber dennoch halte ich e« unter meinex Würde und meine Ehre befleckend, wenn ich um ein Amt in Preußen anzuneh. men mich taufen ließe. Im lieben Preußen! Ich weiß wirklich nicht, wie ich mir in meiner schlechten Lage helfen soll. — Wir leben in einer traurigen Zeit, Schurken werden zu den Besten und die Besten müsten zu Schurke» werden. Ich verstehe sehr gut die Worte de- Psalmisten: „Herr Gott, giefc; mir mein täglich Brod, damit ich deinen Namen nicht lästre." — ES ist wahrlich mehr als ein momentaner Stoßseufzer, diese- Geständniß: und die Besten müssen zu Schurken werden! Man muß es nur au« feiner persönlichen Wörtlichkeit in die allgemeine Bedeutung heben. Es ist in der That vielleicht einer der schwersten Mängel des historischen, de« politischen EhristenthumS, daß es durch den Ausschluß Andersgläubiger von der Mitwirkung am Staate den Uebertritt erzwungen hat. Wie viel sittliches Kapital ist bei diesem Wechselgeschäft verschwendet worden? Wie Mancher ist an dieser moralischen Ausgabe sittlich verarmt, wie Manchem ist die sittliche Kraft wenigstengeschmälert worden! Man bedenke, welchen Einfluß ein solcher Sprung über die ganze bisherige Gemüthssphäre hinweg auf die Entwicklung de- Charakters haben muß! Wie manche zarte Blüthe eine» ausopferungsfähigen Gemüths ist da geknickt, wie mancher kernige Stamm einer kühnen, frei gehobenen Gesinnung da gekrümmt worden! Natürlich ist der Einfluß nicht bei Allen der gleiche. Von David Pfefferkorn und Julius Stahl bis zu Börne, Heine und Gangiebt e» eine lange Reihe der subtilsten Uebergänge. Bei Manchem ist die Beeinträchtigung der sittlichen Kraft nur in sehr geringem Maße geschehen; bei Jedem ist wohl wenigsten» der frische, anstürmende Glaube erschüttert worden, daß man in der Welt seine Ideale bei gutem und starkem Willen annähernd durchsetzen könne, ohne in wesentlichen Punktm sein Ja zum Nein und sein Nein zum Ja machen zu müssen. Diese Untersuchung wird ein interessante- Kapitel bilden in der Grundlegung einer modernen Ethik, d. i. der Moral-Statistik. In der That schreibt Heine nach seiner und GanS'S Taufe am 23. de« Monat» Jjar t (April) 1826 an Moser sehr ernst über diesen Akt, der ihm dpnnoch nicht so gleichgültig geblleben zu sein scheint, al« er ihm chor der Taufe Vorkommen mochte: „Wenn ich nicht irre, war GanS damals noch nicht getauft, und schrieb lange BereinSreden und trug sich mit dem Wahlspruch: Victri» causa Diis placuit, ged victa Catoni! Ich erinnere mich, der Psalm: „Wir saßen an den Flüssen Babel-" war damals deine Force, und du recitirtest ihn so schön, so herrlich, so rührend, daß ich jetzt noch weinen möchte, und nicht bloS über den Psalm. (!!) Du hattest damals auch einige sehr gute Gedanken über Judenthum, christliche Niederträchtigkeit der Proselytenmacher«, Niederträchtigkeit der Juden, die durch die Taufe nicht nur die Absicht haben, Schwierigkeiten fortzuräumen, sondern durch die Taufe Etwaerlangen, Etwa» erschachern wollen, und dergleichen gute Gedaitken mehr, die Du gelegentlich einmal aufschreiben solltest. Du bist ja selbstständig genug, al» daß Du e» wegen GanS nicht wagen dürftest; und was mich betrifft, so brauchst Du Dich wegen meiner gar nicht zu ge« niren. Wie Solon sagte, daß man Niemanden vor seinem Tode glücklich nennen könne, so sann man auch sagen, daß Niemand vor seinem Tode ein braver Mann genannt werden sollte. Ich bin ftoh, der alte Friedländer und Bendavid sind alt und werden bald sterben und deren sind wir sicher und man kann unserer Zeit nicht den Borwurf machen, daß sie keinen einzigen Untadelhaften aufzeigen könne. Verzeih mir den Unmuth, er ist zumeist gegen mich selbst gerichtet. Ich stehe oft des Nachtauf und stelle mich vor den Spiegel und schimpfe*mich au«. Vielleicht sehe ich des Freunde» Seele jetzt für einen solchen Spiegel an ... . Grüß mir unseren „außerordentlichen" Freund (Gan») und sag' ihm, daß ich ihn liebe. Und diese» ist mein seelenvollster Ernst. Er ist mir noch immer ein liebe- Bild, obschon kein Heiligenbild, noch viel weniger ein verehrlicheS, ein wunderthätigeS. Ich denke oft an ihn, weil ich an mich selbst nicht denken will. So dachte ich diese Rächt: mit welchem Gesicht würde wohl Gan« vor Mose» treten, wenn dieser plötzlich auf Erden wieder erschiene? Und Mose« ist doch der größte Jurist, der je gelebt hat; denn seine Gesetzgebung dauert noch bis auf den heutigen Tag." Schon früher am 14. Dezember 1825 schreibt er sehr miß. billigend über GanS: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll; Cohn versichert mich, Gan« predige da« Ehristenthum und suche die Kinder Israel zu bekehren. Thut er diese« au« Ueberzeugung, so ,ist er ein Narr, thut er e« aus Gleißnerei, so ist er ein Lump. Ich werde zwar nicht aufhören, Gan« zu lieben, dennoch gestehe ich, weit lieber wäre mir'« gewesen, wenn ich statt obiger Nachricht erfahren hätte, GanS habe silberne Löffel gestohlen ... E« wäre mir sehr leid, wenn mein eigenes Getauftsein Dir in einem günstigen Lichte erscheinen) könnte. Ich versichere Dich, wenn die Gesetze daS Stehlen silberner Löffel erlaubt hätten, so würde ich mich nicht getauft haben." i So dachte Heine selbst über die Taufe und er hat sich nie gescheut, sich als geborenen Juden zu bekennen, so sehr auch die schriftstellerische Vorsicht e» rathsam erscheinen lassen mußte, da« unvermeidliche Dorurtheil nicht selbst muthwilliamtfzuregen. Im zweiten Theil der Reisebilder sagt er: „Die Jagd an: Strande soll ebenfalls ein große- Vergnügen gewähren. Was mich betrifft, so weiß ich e» nicht sonderlich zu schätzen. Der Sinn für da» Edle, Schöne und Gute läßt sich oft durch Erziehung dem Men-

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