Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 10 (8.3.1867)
- Date
- 1867-03-08
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 Die Gegemvan. daß die „Rücksichtslosigkeit", die dem Berfafler de» „Hachalutz" vorgeworfen wurde, viel eher von Herrn Lohnt verdient ward. Es mag unrecht sein, den Fehler eine« jungen, etwahoch« müthigen Doktor», der stolz darauf ist, den Zendavesta in der Originalsprache unter Führung der Arbeiten von Spiegel, tzaug, Brockhau» und Windischmann lesen zu können, aus Rechnung sei« j ner Lehrer und Meister zu setzen. Die Jugend ist ja selten be. scheide»! Aber ist e» nicht im höchsten Grade bedauerlich* daß die Herren Professoren in Breslau durch ihr Betragen gegen alle Richtbreslauer diese Bornehmthuerei und diese» schnöde Abj weisen zu ermuthigen scheinen. Man sagt sich unmittelbar und mit Recht: Ließe man im Seminar Jedem sein Recht widerfahren, übte man dort eine strenge, aber unparteiische Kritik, begnügte! man sich mit scharfer Rüge des Falschen, ohne darum da» Gute l und Nützliche zu schwächen unv zu schmälern, so würden sich auch | die Jünger in gleicher Weise befleißen, die Spreu wegzuwerfen, aber da» Körnlein aufzusuche» und zu pflegen; sie würden ganz : besonders tüchtige Gelehrte nicht wie Schulknaben behandeln, denen , sie die verdiente Züchtigung geben müßten. Da kommt uns so eben ein ganz frische» Programm de»! Breslauer Seminars vom 27. Januar 1807 unter die Hände. > ES enthält „eine Abhandlung von Dr. B. Zuckermanu: ,DaS jü-! dische Maaßsystem und seine Beziehungen zum griechischen und römischen." Der Herr Berfafler hat schon im Jahre 1862, bei ähnlicher Gelegenheit, „über talmudische Münzen und Gewichte" : geschrieben. Wir habe» nn» an beiden Arbeiten vielfach belehrt. , Der Gegenstand ist höchst dunkel und jede Belehrung, die einiges 1 Licht darüber verbreitet, verdient Anerkennung. Aber wer würde , beim Durchlesen dieses Programms im entferntesten vermuthen, daß Herr Dr. Herzfeld in Braunschweig in den Jahren 1863 und 1865 zwei bedeutenve und gelehrte Arbeiten über den nämlichen , Gegenstand, und zwar auf Kosten deS Instituts zur Förderung der israelitischen Literatur veröffentlicht hatte? Der ehrwürdige Rabbiner von Brannschweig mag vielleicht zuweilen hier, wie in ] seiner „Geschichte de» BolkeS Israels", durch eine zu große Breite . deS Wissens das rechte Maß überschreiten und dadurch den Lesern . etwas schwerfällig erscheinen. Aber metrologische Forschungen ' sind gerade keine Unterhaltungslektüre, und wer sich mit Maaßen j und Gewichten der Hebräer oder „Jbräer" beschäftigt, muß einen [' Vorgänger wie Herrn Herzfeld mit Freuden begrüßen. Denn er j wird nicht leickt eine Notiz aus rabbinischen oder profanen Schrif. j ten bei diesem gründlichen und unermüdliche» Manne veriniflen. > ES will uns selbst erscheinen, als ob, trotz vieler Divergenzen, | dennoch in manchen Stücken Herr Zuckermann auf eine merkwürj dige Weise mit dem zwei Jahre früher schreibende» Herrn Herz. > feld zusammengetroffen wäre. Findet man im Seminar von j BreSlau, findet Herr Direktor Frankel, der doch die Programme | zu approbiren hat, es für Recht, daß man so verdienstliche Arbei- > ten ignorire, ohne auf das zu achten, was die allgemeine Moral gebietet, und waS unsere Mischnah ganz besonders empfiehlt: den zu nennen, dem man irgend eine Ansicht entlehnt hat? > DaS Breslauer Seminar vereinigt seltene, vortreffliche Kräfte; der noch immer in unserem Deutschland für den Israeliten schwierige Eintritt in den Staatsdienst erleichtert dieser Anstalt die Mittel, Männer an sich zu ziehen, die sonst vielleicht vorzögeu, an einem Gymnasium oder an einer Universität zu lehren. Hat eS ja eben durch einen liberalen Akt der preußischen Regierung seinen trefflichen Philologen Dr. Bernay» verloren! Warum bemüht es sich nicht, solche Fehler aus seiner Mitte zu bannen, wie diejenigen, welche wir ihm vorzuwerfen haben? Wenn die Herren nicht in diesen Zeilen die Reinheit unserer Absicht erkannt haben, so thot e» unS von Herzen leid; wir können ihnen nochmaldie Bersicherung -eben, daß wir keiner Partei angehören, al» der, welche für die Jntereffen de» Judenthnm» schwärmt, und alle-, wadaflelbe von nah oder fern fördert, mit Wärme ansieht. Da» besagt, daß wir viel lieber loben al» tadeln. Skizzen neuerer Zeit. i. Sin fromme» Hau». (Fortsetzung ,u S. 71.) „Aber, wie kam e» denn", — unterbrach Bender den Spottenden— „daß mein Onkel sich bei seinem sonst so friedlichen Teinperament mit den Führern einer fast fatanisirten Part« so zu sagen identificirte. r Ich habe mit nicht geringem Erstaunen in den Zeitungen bei allen Deputationen, Adressen und sonstigen Kundgebungen der „strenggläubigen" Partei fast iminer seinen Namen unter den ersten gefunden. Sollte er eine Befriedigung deS Ehrgeizes darin suchen, zu den Protectoren einer, wie eS scheint, begünstigten Richtung zu zählen?" „Daß er auS seiner sonst bescheidenen Haltung sich an die Spitze des Reigens von den eigentlichen Agitatoren hat drängen lasten", — erwiederte der Alte — „mag man allerdings feinere gutmülhigen Schwäche zuschreiben. Der Grund seines ZufammenyaltenS mit dieser Partei überhaupt, ist meiner Meinung nach ein tieferer, und ein Charakteristikum unserer Zeit. ES wird Ihnen paradox klingen, und hoch ist e» wahr, wenn ich sage, daß dieser Grund in nichts Andrem als in der innern Religionslosigkeit, in dem vollständigen Mangel jeder Idealität deS GemüthS.und de» Geistes zu suchen ist. Diese Leute, deren LebenSthättgkeit nur in der ruhelosen mechanischen Bewegung materieller Interesse» besteht, auS der ihnen niemals eine tiefere geistige Befriedigung entspringen kann, deren GedankenkreiSlauf wie ein leeres Mühlwerk ewig das reine Nichts zum Gegenstand hat, und weder aus dem Gebiete der Kunst, noch der Philosophie oder der Wiffenschaft mit einem positiven Inhalt erfüllt wird, deren Bildung auch nur ein schablonenhafter Formalismus ohne jeden Hauch ideeller Wahrheit bleibt — sie verfallen entweder dem bewußtlosesten Nihilismus, oder, wenn sie das Gefühl ihrer gräßlichen Leerheit übermannt, suchen sie in einem Aeußerlichen einen Halt, das ihnen als etwa» Erhabenes und Großes dargestellt wird, und daS sie, ohne ihr Wesen zu verändern, in ihre Affektion nehnien können. Dann täuschen sie sich selbst, einen positiven Gehalt für ihr Dasein gefunden zu haben. Für einen solchen Scheingehalt leerer Seelen ist aber Nichtgeeigneter, al» die geheiligte Autorität des Buchstabens. Bor der kann man sich beugen, der kann man einen Altar in seinem Herzen aufrichten, ohne auch nur einen Schatten deeigenen Selbst zu opfern. Diese Gottheit begnügt sich mit einigen Ceremonien und der Opferung einiger leicht zu überwindender Gelüste. Darum ist in keiner Zeit die Autorität so leicht zur Stütze der Religion zu machen, alin der, wo das Individuum ohne jede Religion in ihm selber ist." „Diese an sich richtige Wahrnehmung mag allerdings auch auf meinen Oheim passen" — versetzte Bender — „denn ich