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Die Gegenwart · 1867-03-08 · 10 (8.3.1867) · p. Seite 79

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
10 (8.3.1867)
Date
1867-03-08
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
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Berliner Wochenschrift fix Jüdisch« LagelegeuhMu. 79 glaube selbst, bo| er die kleine Erbschaft an Werkfröuuuigkot, die er von seinen Vätern erhalten, in seinen Lehr- und Wavderjahren sehr bald verzettelt haben mag. — Wie wird sich aber seine Errungenschaft an Religion wohl auf seine Nachkommen verpflanzen? Wie ste« eS mit der Familie? Ich fürchte, daß seit dem Tode der guteü Tante, eS an jedem Gegengewicht in der rand- und bandloscit Erziehung, in der leidigm Dressur auf da» Aeußerliche, gefehU hat, und daß die kleinen Affen von ehemals sich zu recht erklecklichen scheinheiligen Ungeheuern herangebildet haben mögen. Denn Euer Einfluß, guter Feibelmann, wird sich wohl nicht weiter erstreckt haben, al» daß Ihr die Jungen zu recht tüchtigen „Hebräern" gemacht habt. — Wie steht eS mit den Kindern, was sind sie geworden?" „ES steht bester, als Eie glauben, lieber Freund", er« wiederte Jener. „Was Ml Früchte meines officiellen Unterrichts anlangt, so haben^die jungen Herren doch so viel vom Hebräischen wegbekommen , daß sie ohne fremde JnterpretationSbeihülfe — den Kladderadatsch verstehen können. DaS wird wohl auch fürs Leben ausreichen. — Im Uebrigen machen sie im Hause gute Miene zum bösen Spiel, ohne daß sie in ihren Berufsstellungen vom Alten weiter genirt werden. Albert ist nun Referendarius und Wolf ist eben freiwilliger Dragoner, sonst im Geschäft de» Vaters. Jedenfalls steht die Altgläubigkeit deö Bonnheim'schen Geschlecht» auf weniger noch alö vier Augen, und stirbt vielleicht ^rettungslos au«, wenn nicht die weibliche Linie sie etwa fortpflanzt, wozu einigermaßen Aussicht zu sein scheint." Feibelmann zwinkerte bei dieser letzten Bemerkung so eigenthümlich mit den grauen Aeuglein, und verschlang so seltsam die Finger seiner beiden Hände, indem er sie in den weiten Aermeln seines Schlafrocks versteckte, daß Bender noch aufmerksamer wurde, als er ohnehin war. „WaS meint Ihr, Leipniker," frug er hastig — „haben sie die kleine Betty, die zur Verzogenheit allerdings immer sehr eminente Anlagen zeigte, zu einer solchen Karrikatur gemacht, daß sie-" „Sachte, sachte" — unterbrach ihn der Leipniker — „so ist es nicht gemeint. Ihr sollt Euch über diese Karrikatur wundern. Da habe ich meine Hand darüber gehalten, denn ich weiß, was dem Geiste eines solchen Kindes wohl thut und frommt. Betty ist der reine Spiegel, in dem der Alte, wie ich hoffe, noch einmal seine eigene Berzerrcheit erkennen wird; und doch ist er nahe daran, wenn wir ihn nicht hindern, diesen edlen Spiegel in einen gemeinen, von einem Zimmerinann gehauenen Barockrahmen einzuzwängen — daß er vielleicht darüber zerspringt." Feibelmann stieß die letzten Worte mit einer Art ingrimmiger Rührung hervor, uyd alö ihn Bender erstaunt und fragend ansah, fuhr er fort: „Wenn Ihr Augen habt, Bender, so werdet Ihr mit einem Blick Alles überlehen. Da hat sich hier ein solcher Marodeur der strenggläubigin Armee eingeschlichen, der die kleinlichen Parteizänkereieu in Zeitungen, Predigten und Flugblättern zu einem systematischen GuerillaSlrieg mit vergifteten Waffen auSblldet. Er kann zwar selbst nicht schreiben und nicht reden, aber er hat bei einem ähnlichen Feldzug in einer andern Gegend unsre« Vaterlandes eben als Marodeur die Waffen der gefallenen Streiter geplündert und die dort verschossenen Kugeln ausgegraben und zu einem Arsenal gesammelt, da» er seinen neuen Freunden hier zur DiSposttion stellt. Er war, wenn ich nicht irre, in irgend einem Winkel der Erde al«, Schächter angestellt, und ist im Umgang mit dem Rindvieh so hochmüthig geworden, daß er hier unter dem Namen „Rabbi Hirsch Eohnin" mit einem breitkrempigen Quäckerhut und einem langeft bi» an die Knöchel reichenden Ueberrock eine neue Earridre begann. Ich glaube, der Mensch hat sich bereit« von zwei Frauen scheiden kaffen, und willr jetzt seine Zukunft durch «ine Dritte befestigen. Sie bleiben doch wahrscheinlich heute über Tisch hier; da werden Sie noch Manche» zu sehen bekommen." Bender war nicht wenig überrascht von dem, «aS er so eben gehört. Da Herr Bonnheim noch immer nicht heimgekehrt war, ^so trennten sich die Freunde für eine kurze Zeit und Bender ließ sich bei dem Fräulein anmelden. Als er eintrat, stand sie vom Flügellaufs und schlug da» Notenheft zu. Am Eabbath konnte sie zu ihren Hebungen auf dem Instrument nur die kurze Zeit der Abwesenheit de« BatrrS benutzen, der, wie er sagte, wenigstens nicht Zeuge ihrer Sabbathentwrihung sein wollte, wenn er auch nicht streng genug war, sie ihr zu verwehren. Betty machte durch ihre Erscheinung einen günstigen Eindruck auf ihren Vetter. Sie war nicht schöner geworden, al« sie in der Kindheit zu werden versprach; aber ihr Gesicht trug den Stempel einer feurigen Energie auf der schönen freien Stirn und besonders in den lodernden schwarzen Augen. Als Bender sich ihr vorstellte, — denn sie erkannte ihn nicht mehr wieder — schloß sic die Augen, wie um in den Schacht ihrer Kindererinnerungen hinabzusteigen und da» Bild des Vetter» hervorzuziehen. „Ja, du bist es, August, jetzt kenne ich Dich," — ■ rief sie lebhaft, indem sie.ihm die Hände entgegenstreckte — „das ist die Narbe über dem linken Auge, das eine Zeitlang in einer schwarzen Binde verhüllt war; so hast Du immer in sneiner Vorstellung ausgesehen — und wie Du mich mit dem andern Auge grollend von Dir schrecktest, und mir schweigend drohtest, wenn mein kindischer Eigensinn die gute Mutter quälte". Sie hielt einen Augenblick inne, und konnte ihre Rührung nicht bemeistern; dann fuhr sie fort, da Bender mit stummem Wohlgefallen sie betrachtete: „August, was sagtest Du dazu, daß uns dieses namenlose Wehe betraf, eine solche Mutter, und in so jungen Jahren, auf ewig zu verlieren. Geiviß Du hast den Schmerz still mit uns getragen, wenn Du auch' in Deinem Beileidsschreiben an den Papa — das ich mir aufbewahrt habe — kaum einen Seitenblick auf uns, die armen Kinder warfst, und an mich, die Bcrlaffenstc miter ihnen, gar nicht zu denken schienst." (Fortsetzung folgt.) Büchertisch. Ncli erschienen Sach», ve. M., Predigte» herauSg. v. Ile. D. Rosin, vsg. 3. Bert. 1867. gr. 8. *0 Sgr. Zuckennann, Dr. B., Da« jüdisch« Maast System und seine Beziehungen zum griech. u. römischen. VreSlau l#ii7. gr. 8. 20 Sgr. Fkilchenfrtd, Dr. W., Systematische« kehrbnch der i«raelilischen Religion. Berlm 1867. 8. 12 «gr. Briefkasten. ve. (I. *. in «rydMchnm: vitte um «tbulb bi« morgen. — *«». trt „6cn Ubaa.": Wt. 4 ist un» nicht jugegangen.

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