Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 10 (8.3.1867)
- Date
- 1867-03-08
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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©trimer Wochenschrift skr Jüdische Angritgacheüe». 77 stehe« sehe, freut ich wich meiner Vereinzelung, und daß ich keiner Partei angehöre. Unter dm Personen, welche £le Ansichten aertretm, habe ich allerdings meine Wahl getroffen, meine Vorliebe und meine Abneigung vertheilt; der eine zieht wich an, der andere stößt mich ab; der Charakter, die Wärme, die Liebenswürdigkeit gefallen mir hier; dort mißfallen mir die Steifheit, die Kälte, das stolze, übermülhige Gebühren. /^Aber für die Ansichten selbst bewahre ich mir meine Freiheit und Unabhängigkeit; mag die Wahrheit aus Breslau, Berlin, Frankfurt oder Szegedin kommen, der Poststempel und die Firma lasten mich gleichgiltig, und ich hüte mich vor allenDrngen, irgend ein „Aner" zu fein. Diese Stellung', die ich in meinem engsten Kreise meiner eigmen Persönlichkeit errungen, sollte das Breslauer Seminar einnehmen. Dieses Institut ist unter den glücklichsten Verhüttnisten geboren, die Freigebigkeit eines einzigen Mannes hat es in seinem Testamente geschaffen. Ohne Gemeindezuschüste, ohne RegierungSunterstützung, lebt dieses Seminar, wie ein wohlhabender Privatmann, von seinen Renten und Einkünften, ohne die Grillen irgend eines Vorstandes oder die officiellen/ Anforderungen einer Landesbehörde berücksichtigen zu wüsten. Wenn irgendwo, so sollte hier die reine Atmosphäre der Wiffenschast die jungen Leute an'S freie Athmen gewöhnen; wenn irgendwo, so sollten hier Direktor und Lehrer den Schülern das Beispiel der Unparteiischkeit und der Liebe zur Wahrheit geben; Wim irgendwo, so sollte» hier alle Anstrengungen zur Fördermig der Geschichte und Literatur des IndenthumS, von welcher Seite sie kommen mögen, gleiche Würdi. gung, gleiche Beachtung finden; wenn irgendwo, so sollte hier dem draußen sich breit machenden Schisma keine Rücksicht getragen, und dem ernsten Forschen allein die Thür geöffnet werden! ES ist mir im höchsten Grade schmerzlich, zu erkennen, daß dem nicht so ist, und daß dieseunvergleichliche Institut nicht mit dem Geiste deS Friedengeleitet wird, der eS allein beherrschen sollte. , CS mag darin allerdings ein persönliches Borurtheil liegen; aber ich bin so zufrieden mit meiner eigenen geistigen und mate. riellen Selbstständigkeit, daß es mir unbegriflich ist, daß das Breslauer Seminar feine ähnlichen Berhältniste nicht in gleicher Weise fröhlich auSgebeutct, und freiwillig auf ein Glück verzichtet hat, das so wenigen vergönnt ist! So bricht das beste Werkzeug in der ungelenken Hand ungeschickter Menschen! Solche schwere Anklagen wüsten natürlich belegt und bewiesen werden! Für den, der eS wagt, achtungöwerthe Gelehrte vor de» Richterstuhl der Oeffentlichkeit' zu ziehen, ist eS eine Pflicht, sich nicht an allgemeinem Tadel genügen zu lasten. CS ist unleugbar, daß Geigers vor zehn Jahren erschienene „Urschrift" eine bedeutende, bahnbrechende Arbeit war. Sie hat dir Bibelfvrschung und jüdische Geschichte auf neue Wege geführt und hat auf die ganze Anschauungsweise der Ursprünge , des Christenthums einen noch nicht erschöpfend gewürdigten Einfluß geübt. Man kann im Intereste de- Werkeselbst bedauern, daß sich manche- Abentheuerlichc, manches Gewagte in das großartige Werk eingeschlichen; jedoch ist Vieles feit I8ö7 vom Berfaster selbst berichtigt, ausgeführt oder weiter begründet worden. Die Austastung des Sektenwesens, der politischen und. religiösen Seiten der Pharisäer und Sadducäer, ihre Einwirkung auf den Bibeltext, die endliche Constituirung desselben neben den Spüren, welche die alte Gestalt in den Uebersetzungen zurückgelasten, die tendentiöse Verschiedenheit zwischen der alten und neuen Halacha und so , vieles Andere hat sich selbst den Gegnern de- Herrn Rabbiner» von Frankfurt so zwingend entgegengestellt, daß weder Herr Frankel noch Herr Grätz dem Einfluß dieser Untersuchungen entgehen konnten und daß deren Schriften davon die deutlichsten Spuren l tragen. Spuren allerdings, die finde« sich häufig; aber wie oft liest man den Name» de» gelehrten und scharfsinnigen Forscherin der „Hodogetik" »der der „Geschichte der'Juden"? Wo die reine Wistenschast gelehrt wird, wo unsere künftigen Rabbiner sich Muth zu ihrem schweren Berufe an ihrru kräftigen und berüh». teu Altvordern und Zeitgenoffen schöpfen sollten, da sollte der Name eines so wackeru Kämpen mit hoher Verehrung und al« eine Zierde de» Judeuthum» genannt werden. > Herr Grätz hat sich ein große- Verdieust um die Geschichte der Juden erworben, und sein ausführliche», im Ganzen gut geschriebene» Werk verdient die lohnende Theilnahme. die ihm geworden. Trotz einer gewiffen Flüchtigkeit und einer allzugroßm Neigung, Neue« und Ueberraschendes für Wahres uud Bewiesene» zu halten, ist und bleibt diese Arbeit ein rühmlicher Beweis der ausgezeichneten, seltenen Gaben de6 Verfasser-. Aber warum vergißt Herr Grätz, was er einem so würdigen Vorgänger, wie dem sel. Jost, bei seinem Unteruehmen schuldete? Vor 47 Jahren, als „der Lehrer und Erzieher in Berlin" den ersten Theil der „Geschichte der J-raeliten", diesen Erstling seiner Muße, wie er ihn nennt, feinem würdigen Lehrer, dem Herrn Schuldirettor Ehrenberg in Wolfenbüttel widmete, da gehörte noch ein anderer Muth dazu, ein solches Werk zu beginnen. Kein Vorarbeiter hatte noch den Schütt abgetragen, der sich auf dem verödeten Platze dieser Geschichte aufgethürmt; keine warme Theilnahme für wissenschaftliche Arbeiten auf diesem Fache war geweckt, auder auszehrenden Thätigkeit einer Peiisionöaustalt, an der er mit de>» ärgsten Vorurtheilen der damaligen Zeit einen ungleichen Kampf dnrchzumachen hatte, mußte er die Stunde» retten, die er seinem Werke widmete, das er, um keinen Anstoß zu geben, jälschlich eine Geschichte der Israeliten, statt Geschichte der Juden, benannte! Warpm wird der würdige, ebenso gelehrte »nd genaue als geistreiche Nestor unserer Literatur vr. Zunz fast auf die Seite geschoben, und nur spärlich als Quelle citirt, als ob e» eine Last wäre, sich dankbar zu erinnern, was wir Alle aus den umfassenden Untersuchungen diese» seltenen Manne» gelernt haben? Wenn, ich die Werke durchmustere, die mir so edle Genüsse verschafften, so fühle ich mich in meiner Bibliothek wie zu den Füßen meiner Lehrer sitzend, zu denen ich voll freudiger Anerkennung den Blick bescheiden erhebe. Lehrt man im Seminar zu Breslau nur die längst Verstorbene» schätzen und achten, und vernachlässigt man dort die Zeitgenossen, die unseren Glauben durch ihren Namen ehren? Man möchte es fast glauben, wenn man sieht, wie junge Leute der Breslauer Schule z. B. der Herr I)r. Alexander Kohut in seiner „jüdischen Angclologie und Dämonologie" (Leipzig, 1866s den armen OsiaS Schorr behandelt, der freilich keinen Doktortitel hat. Wer die sieben Hefte de« „Hechalutz" aufmerksam gelesen hat, dem wird da» immense Wisten diese» Kaufmannes, der den Tag seinem Geschäfte hingiebt und die Nacht seinen weitgehenden Studien opfert, mindesten» Achtung abgcwinnen. Mag man seinen Resultaten nicht iunner folgen wollen, mögen sei» Scharfsinn und seine CombinationSgabe oft zu weit gehe», man wird nicht leugnen können, daß feine Vergleichungen zwischen dem jerusalemischen und babylonischen Talmud, seine Erklärungen mancher Gebräuche, seine Untersuchungen über den PersiSmuS, die biographischen Arbeiten über die Nasisamilie seine- Freunde» Krochmal u. s. w. jedenfalls der Wistenschast genützt haben, uud kein so wegwerfende- Urtheil, wie dade» Herrn Dr. Kohut verdienten. Herr Schorr hat sich übrigen« die Mühe genommen, im „Ben-Ehanania" (1866) dem> jungen Seminaristen zu zeigen, wie viel er noch zum Berständniß de» Talmud zu lernen habe, und