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Die Gegenwart · 1867-03-01 · 9 (1.3.1867) · p. Seite 70

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
9 (1.3.1867)
Date
1867-03-01
Page
Seite 70 (sequence 6)
Language
German
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70 Die Gegenwart. Menschenliebe, der echten Sittlichkeit. Sah er nun vor« «u-, daß eine Auflösung de« positiven. Judenthum« nicht seinem idealen Surrogat für die positive Religion, sondern unter den gegebenen politischen und socialen Verhältnissen/ nur der christlichen Staat-kirche zu Gute kommen würde, so mußte die« ein zwingender Grund für ihn sein, da« Judenthum conserviren zu wollen, zumal da er von dem Gefühl durchdrungen war, da« Judenthum sei in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung noch nicht unbefangen genug begriffen und gewürdigt worden. Da» ist ihm, wie schon bemerkt, die ideale Seite de« Judenschmerze«, die er am meisten hervorhebt, und für die er in der Literatur Gediegenere« geleistet hat, als weitaus von Juden geleistet worden ist. Wem unter Christen und Juden die rührende Anhänglichkeit an die unterdrückten GlaubenSbrüder und an die verkannte Mission derselben al« ein unverwerfliche« Zengniß für die Seelengröße und Gemnthstiefe eine« Manne« gilt, den verweisen wir auf diese Seite von Heine'S literarischem Wirken. Wir würden un« freuen, wenn diese Ausführungen besonnene Anregungen böten zur ruhigen sachgemäßen Würdigung de« Heine'schen Charas er«. Diese ideale Seite de« Judenschmerze« ist da« wesentlichste Element in seiner Vorstellung „Judenthum." Skizzen neuerer Zeit. I. > Ein frommes Haus. «Fortsetzung zu S. 63.) „Ich fühle im Gebet Andacht, im Fasten am Vcrsöhnungötage eine Erhebung über sinnliche Eindrücke; verbotene Speisen erregen mir eine Art von Widerwillen; in der Beobachtung dieser Satzungen bleibe ich in vollkommener Harmonie mit meinrm Wesen, ja e« würde mich Uebcrwjnduiig kosten, trotz aller Freiheit de« Geiste«, mich von sehr vielen dieser Dinge zu emancipiren. Dagegen habe ich — fügte er mit einem Lächeln hinzu — um mich nicht ganz al«'einen Heiligen hinzustellen, so Manche« war Andren vielleicht al« da« Unverletzlichste erscheinen mag, schon längst al« ein vaput mortuum von mir geworfen." Feibelmann Stellung hatte ihm nimal« gestattet, diese Op- Position gegen die Satzung offen zu bethätigen; er fühlte auch ohne sich der Heuchelei zeihen zu müssen, gar keinen Drang dazu, aller Welt diesen seinen persönlichen Conflikt mit dem Gesetz zur Schau zu stellen, weil er seinem Verhalten überhaupt keinen principiellen Werth, sondern seiner Auffassung zu Folge nur einen rein individuellen Charakter beilegte, — Bender fühlte sich wie von wohlthätigcr Wärme angehaucht, al« er so plötzlich wieder in die Atmosphäre diese« alten Freunde« trat, dessen eben geschilderten Züge sich in seiner Seele schnell zu dem tränten ganzen Bilde sammelten, daS halbverwischt schon darin geschlummert hatte. C« dauerte nicht lange, so saßen sie im herzlichen Gespräche zusammen, al« wären sie erst gestern von einander geschieden. - Bender erzählte seine Schicksale in den letzten zehn Jahren und seine Pläne für die Zukunft. Er war, nachdem er die Universität verlaffen und die Qualification für da« höhere Lehrfach in den mathematischen und Naturwiffenschastrn erworben hatte, in eine größere Provinzialstadt gegangen, um eine feste Stellung al« Lehrer zu gewinnen. Auch al« Privatdocent hatte er sich habilitirt, und seine schriftstellerischen Arbeiten waren nicht ohne mannigfache Anerkennung von Seiten der literarischen Autoritäten seine« Fache« geblieben. ' Anfang«, lebte und strebte er in der festen Zuversicht, daß seine nicht gewöhnlichen Leistungen ihm eine feste Stellung eintragen würden, zu der ihn, auch al« Bekenner de« Judenthum«, da« LandeSgesetz befähigt erklärte. Al« aber von Jahr zu Jahr die Aussichten immer unsichrer wurden, und der ersehnte Lehrstuhl, wie die Frucht der HeSperiden, immer wieder seinen Händen entwischte, — da mochte er nicht länger mit leeren Hoffnungen sich selbst täuschen, und sah f sich nach einem andern Boden-für die praktische Bethätigung seiner Kenntnisse um. Glücklicherweise fand er einen solchen bald, und eben war er im-Begriff, nach der Schwei; überzusiedeln, um an die Spitze eine« gewerblichen Unternehmen« al« technischer Leiter zu treten. ° / v. Freilich machte ihn der erzwungene Tausch der freien geistigen Lehrtätigkeit gegen die praktische Arbeit in einer chemischen Fabrik nicht geringes Leid; aber die eiserne Nolhwendigkeit mußte ihn über jede Regung seiner persönlichen Neignng hinweghelfcn. Feibelmann fühlte die schmerzliche Resignation die in diesem Schritte lag, wo möglich noch tiefer; denn ihm galt die beschauliche, in sich versunkene und immer nur experimeutirende Meditation de« Gelehrten al« da« Höchste; vor der Berührung mit dem ^Leben und gar vor der materiellen Ausbeutung wiffenschaftlicher Ideen al« der Quelle mcrcantilischen Erwerb« empfand er einen unüberwindlichen Widerwillen. E« .schien ihm eine wahrhafte Entweihung, daß ein Geist, der die tiefsten und gcheimnißvollsten Wellgesetze erforscht, der an der Hand Kepler« und Newton« im Unermeßlichen schweifte, sich zur Hervorbringung von Schwefelsäure oder Knochenkohle erniedrigen sollte. Dazu kam da« bittere Gefühl der Zurücksetzung, die, seiner Meinung nach, Bender au« rein konfessionellen Rücksichten zu erleiden hatte. „So sind wir denn auf ewig verdammt, nicht nur mit unserer, nach der landläufigen theologisch-christlichen Anschauung, grundverderbten Natur, nein, auch mit unseren edelsten und idealsten Anlagen dem Materialismus zu dienen" — sagte er, — „damit sie un« um so bester al« die Herren de« Mammon verschreien können." Bender wußte ihn jedoch bald zu besänftigen und mit seinem Plane auSzusöhnen; dann fuhr er fort: „Mein Oheim, hoffe ich, wird weniger unzufrieden mit der Wendung meine« Schicksal« sein, denn so viel ich erfahren habe, und wie ich au« seiner jetzt so prononcirten Parteistellung schließen muß, gehört er tvohl zu Denjenigen, die die sogenannte Emancipation der Juden, al« dem wahren Judenthum widerstrebend, gleich einem Danaergeschenk zurückwcisen. Ist e« nicht so, betrachtet er nicht auch die politische Rechtsunfähigkeit der Juden, als eine unabweisliche Confequenz der „Galuthreligion", deren wesentlichste« Fundament der Aspect auf den irdischen Messia« bleiben muß?" — „Sie bringen mich auf ein Kapitel, lieber Bender" — erwiederte Feibelmann — „über da« sich viel sagen läßt. Ihr guter Oheim, mein wütdiger Principal ist, vor Jahr und Tag, zur Abwechslung einmal unter die Frommen pom schwersten Kaliber gegangen. Sie wiffen, er hatte immer schon einen leichten Tick von - Orthodoxie, den er, wenn ich nicht irre, sich in England angeeig-

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