Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1867-03-01 · 9 (1.3.1867) · p. Seite 69

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
9 (1.3.1867)
Date
1867-03-01
Page
Seite 69 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4889892-5434108-5434128--094-4889971
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Berliner Aochmschnft für Jüdische Lngelegacheitrn. / 36,000 Doll, gedeckt. — Möge der Geist, dem da« neue Ge» bäude zu dienen haben wird, der beabsichtigten Größe und Schönheit de« letzteren entsprechen! Hsinrich Heine und das Iudenthum. (Fortsetzung zu S. 61.) Diese nach Heine christliche Weltansicht erhält sich auch über die Reformation hinaus. „Luther glaubt nicht mehr an katholische Wunder, aber er glaubt noch an Teufelswesen. Seine Tischre» den sind voll kurioser Geschichtchen von Satankünsten, Kobolden und Hexen" u. s. w. Dennoch aber wird durch den gesammten Charakter der Re» formation, ihrer politischen und wissenschaftlichen Bedeutung, inso» fern sie die deutsche Philosophie vorbereitet hat, da» gnostifche Element, das übersinnliche, die Ansprüche des Fleisches schroff abweisende, zdrückgedrängt. Da ist es nun interessant zu sehen wie Heine die bedeutsame Wirkung der Reformation dem jüdischen Einfluß zuschreibt. „Die Religion selber wird eine andere, es verschwindet daraus das indisch-gnostische Element, und wir se» hen, wie sich wieder das judäisch-theistische Element darin erhebt." Die größte nationale That der Reformation, die „Schöpfung der deutschen Sprache" führt er auf das Weltverdienst der Inden, den Besitz der Bibel, zurück. „Luther gab dem Gedanken auch daS Wort. Er schuf die deutsche Sprache. Diese« geschah indem er die Bibel übersetzte." .... „Man'besaß zwar die Vulgata, die man verstand, und die Septuaginta, die man schon verstehen konnte." Aber die Kenntniß des Hebräi» schm war in der christlichen Welt ganz erloschen. Nur die Inden, die sich hie und da in einem Winkel der Welt verborgen hielten, bewahrten noch die Traditionen dieser Sprache. Wie ein Gespenst. da« einen Schatz bewacht, der ihin einst im Leben anvertraut worden, so saß dieses gemordete Volk, dieses Böller-Gespenst, in seinm dunkeln Ghetto'- und bewahrte dort die hebräische Bibel, und in diese verrufenen Schlupfwinkel sah man die deutschen Gelehrten heimlich hinabsteigen, um den Schatz zu heben, um die Kenntniß der hebräischen Sprache zu erwerben." „Als die katholische Geistlichkeit merkte, daß ihr von dieser Seite Gefahr drohte, daß daö Volk auf diesem Seitenweg zum wirklichen Wort Gottes gelangen und die römischen Fälschungeu entdecken könnte, da hätte man gern auch die jüdische Tradition unterdrückt, und man ging damit um, alle hebräischen Bücher zu vernichten und am Rhein begann die Bücherverfolgung, wogegen unser vortrefflicher Dr. Reuchlin so glorreich gekämpft hat .... . ES galt die Unterdrückung der hebräischen Sprache. Als Reuchlin siegte, konnte Luther sein Werk beginnen. In einem Briefe, den dieser damals an Renchlin schrieb, scheint er schon zu fühlen, wie wichtig der Sieg war, den jener erfochten" u. s. w. So sieht denn Heine gradhin das LebenSelemeut der Reformation in der Bibel, dem klassischen Schriftwerk der alten Inden. Er verkennt sogar den bedeutenden Einfluß des HellenenthumS, der der italienischen und von dieser aus der germanifchen Welt durch die nach der Eroberung ConstantinopelS eingewanderten bhzantinischm Gelehrten wieder erschloffen ward. Für ihn war der medizäische KatholiciSmuS hellenisch und der germanische Protestantismus in seiner einfältigen Keuschheit jüdisch, wie er an vielen Stellen die Juden und Germanen die Völker der Sittlichkeit nennt. Und so bildet sich diese Vorstellung zu dem weitem positiven _ .x _ . ■ ---- - -• Elentente fort. Da« Judenthum hat die Sittlichkeit geschaffen, „die, Juden haben der Welt einen Gott und eine Moral gegeben." Wer die« nicht für ausreichmd positiv hält, wer in diesem Gedanken vom Judenthum, nicht eine feste Stellung zum Judenthum erkennt, der speculirt mit logischen Kategorien, die aber nichts weniger als geschichtliche Wirklichkeit in den Köpfen der Einzelnen haben. Systematische Form hat der Begriff Judenthum nur in den Religionsbüchern, und auch da nicht in allen die gleiche. Man denke an die heftige» Kämpfe de« Maimuni und seiner Zettgenoffen und Nachfolger. Wo giebt e« zwei Menschen, die von irgend einem Ding die gleiche Vorstellung hätten, geschweige von einer culturgeschichtlichen Erscheinung, die durch tausend Fädm mit der ganzen nattonalen Entwicklung verknüpft ist? Habm auch nur zwei Menschen dasselbe „Judenthum"? Man prüfe die Frage genau und gewissenhaft nach ihrer idealistischen Bedeutung und man wird finden, daß alle Begriffe nur logische Ab« stractionen sind, die in den Köpfen der Menschen zwar in den Hauptelementen ähnlich, aber niemals und nirgends ganz gleich sein können. In einer Abhandlung über „Substanz und Person" in der „Zeitschrift für Völkerpsychologse und Sprachwiffenschaft" von M. LazaruS und H. Steinthal sagt Steinthal: „Mit solchen von allen Besonderheiten der Wirklichkeit abstrahirenden Kategorien macht man keine wirklichen Idealitäten. Man nenne nur immer den neapolitanischen Schiffer und den Cromwell'schen Puritaner und Hegel mit demselben Namen: Christ: darum haben diese drei doch nicht dieselbe Religion." .... „Nichts hat so sehr den Schein de« ConservatiSmuS als die Religion, und nichts ist in der That weniger conservativ, als sic. Nichts hat so sehr den Schein allgemeiner Gleichartigkeit der Einzelnen als die Religion; und nirgends herrscht der Individualismus mehr als in ihr. Dieser Schein hängt an ihren Formen, welche sich durch Jahrtausende unverändert fortpflanzen und über Millionen Menschen derselben Zeit ansbreiten. Aber sind denn diese Formen die Religion? ist es nicht vielmehr der Sinn derselben? Nun werden die Formen überliefert; sie gehen von Mund zu Mund. Nicht so aber gehen sie auch von Herzen zu Herzen, von Gesinnung, zu Gesinnung. Sondern jede Zeit und jeder Einzelne in einer Zeit legt sich in die alte, überlieferte Form, sein Gemüth, seine Denkart, seinen Charakter. Und gut, daß e« so ist! Denn insofern es nicht so ist, wird Vernunft Unsinn." Nun lebt freilich unter den dogmatischen Anhängern einer posittven Religion in Bezug auf den Hauptgrundsatz de« Glaubens dieselbe dogmatische Grundstimmung. Diese ist aber von mannigfachen Gefühlen und wiffenschaftlichen Gedanken begleitet, welche letztere, besonders bei konsequenter Durchführung, den Glaubenssätzen schnurstracks zuwiderlaufen, ohne darum jene Grnndstimmung zu zerstören. Ebenso können wir uns sehr wohl eine gedankenmäßige Durchbildung dkr religiösen Vorstellungen denken, die zu dem Ergebniß kommt: „ES giebt nur Eine Religion und das ist die Sittlichkeit!" dennoch aber in den alten VorstellungSkrrisen so weit stehen bleibt, als einerseits das anerzogene, im späteren ManneSalter noch anerlittene Gefühl nnwillkürlich nnd unwiderstehlich antreibt, andererseits aber die Einsicht in die religiösen und politische» Verhältnisse der Gegenwart nnd der nächsten Zukunft eS nothwendig erscheinen läßt. So hat denn auch Heine dem Judenthum als einer positiven Religion, wie einer jeden solchen zwar den Untergang gewünscht und verheißen, aber zu Gunsten der allgemeinen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.