Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 9 (1.3.1867)
- Date
- 1867-03-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4889892-5434108-5434128--091-4889968- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
G6 Di«l Srgrmvart. 1 ihr nicht preisgegeben werden; da« ist »sere innerste Neberzeugung und wir hoffen damit nicht allein ZN flcheu. Soll sie der Preis sein, um den die Einigkeit erkauft wird, dann sagen wir: besser eine Trennung. Elemente, die in ihren geistigen Anschauungen so weit von einander entfernt sind, daß sie nur auf Kosten de« »othwendi« gen Fortschritts verbundm bleiben könpen, müssen sich trennen, damit jeder Theil seine eigene Entwicklung beginne, sich aber nicht gegenseitig hemme, oder gar über Vergewaltigung zu klagen haben. /■ ' Bildet eine neue (Gemeinde! würden wir darum auch der sogenannten orthodoxen Partei zurufen, wenn die Kluft zwischen ihr und der Mehrheit der Gemeinde wirklich so groß wäre, daß die Berufung eines Rabbiners, der die Zierde "der Juden, und vorzugsweise befähigt ist, uns einer gedeihlichen Entwicklung entgegenzusühren, dauernden Zwiespalt schaffen würde; wir wollen euch nicht hindern, eurer Auffassung unserer Religion zu folgen, tretet ihr nur nicht unserer Ueberzeugung störend entgegen. r So würden, so müßten wir sprechen; doch die ganze Vor« auSsetzung ist eine irrige. Das Gespenst des Zwiespaltes ist nicht neu, es ist ein Spuk, der seit den letzten 12 Jahren immer in Scene gesetzt wird, sobald irgend ein Schritt vorwärts unter« nommen werden soll, der sich aber, wie auch nicht anders zu er« warten, stets als ein wesenloser Schatten ausgewiesen hat. Wir wunder» uns nur, daß noch Jemand ernstlich glaubt, vernünftige Menschen damit dauernd täuschen zu können. Als vor 12 Jahren vom seligen Dr. Sachs einige nicht erhebliche L>lä»de:u»gen im Kultus vorgcnonimcn wurden, er« scholl in neuerer Zeit zum Ersten Male der Nus: ״Die Religion ist in Gefahr, die Gemeinde wird zerrissen!"' Selbst Denunciationeu beim Ministerium wurden nicht gescheut, und dennoch war dieses Gebahren nichts als blinder Lärm einzelner Fanatiker oder Ehr« geiziger; die Gemeinde selbst war wenig berührt worden. Die einzige Folge war die Bildung der שחרי הטוב*, dieunter der Firma der Humanität sich dann in eine Separatsynagog? ent« puppte, welche eine Anzahl äisject» niembra, aber nicht poütae, sondern kleiner Poscnscher und Preußischer Gemeinden, die hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen, einhcimste. Seit jener Zeit war jener Ruf bei jeder Repräsentanten« Wahl die Parole, immer war es um die Gemeinde geschehen, wenn nicht שיס חברה und שחרי חטוב das Regiment in Händen bekämen, wobei die sonderbare Erscheinung, daß die frommen Seelen jedesmal Führer auf den Schild erhoben, die eS mit den Paragraphen des שלחן ערוך nicht allzustreng nehmen. Doch kaum war die Wahlschlacht geschlagen, da zerfloß das Nebelbild in sein natürliches Nichts: es gab nur noch unzufriedene Führer, aber kein Heer. In frischer Erinnerung, wenn auch gerade nicht in angeneh« mer, steht noch der heftige Wahlkampf des vorletzten Jahre«. Uebergehen wir auch die unsauberen Einzelnheiten, so ist doch un« widerleglich wahr, daß Nicht« gescheut wurde, die Massen aufzuregen und zu gewinnen; und die» war ziemlich leicht, denn elag ein greifbares Object vor. die Einrichtung in der neuen Synagoge. E« gelang nun allerdings, viele Hundert Stimmen beizutreiben, doch wie schnell waren die scheinbar so hochgehenden Wogen be« schwichligt! Wenn die Maschinisten jeden Versuch zu erneuerter Agitation aufgaben, so war es nur die richtige Ueberzeugung, daß die Maschine zu einem ernsten Stoße den Dienst verweigern würde. Die Folgezeit hat dienun auch bestätigt. Als Dr. Aub vor der Gemeinde freimüthig, wenn auch mit aller Mäßigung, die Abänderungen i« neuen Gebetbuche \. rechtfertigte, da war Jubel du frommen Lager; nun war eine Handhab« zu« Angriff» gewonnen, nun durste man hoffen, die Massen zu einem gewaltigen Schritte fortzureißen, — und wie klag« lich endete das Gaukelspiel! Zuerst ward eine Monstrepetition an den Vorstand beabsichtigt, sie fiel ans Mangel an Theilnahme. Dann sollte bei der nächsten Predigt des Dr. Aub in der alten Synagoge eine großartige Demonstration in Scene gesetzt werden, 1« sie wurde im Voraus 'verkündigt; — Aub predigte, jedoch nur einige Wenige zeigten den Muth der Ungezogenheit, der ver« sammelten Gemeinde >kam es nicht in den Sinn, den Fuß« tapsen der vermeintlichen Führer zu folgen; rmd so ist. e« bijetzt geblieben. / Wir sind von allen diesen AuSgängen wenig überrascht. Berlin ist kein Boden, auf dem ernster und dauernder Zwiespalt wegen religiöser Meinungen gedeihen wird. Einen Augenblick mag cS wohl gelingen, durch Vorspiegelungen und Entstellungen zu täuschen, sehr bald jehoch trägt die bessere Einsicht den Sieg davon und das Gute und Wahre wird allgemein anerkannt. Unsere neue Synagoge giebt ja einen vollgültigen Beweis. Wie gering ist nicht schon jetzt die Zahl derer, die sie. noch zu ver« ketzern wagen; das Princip wird aber nicht mehr angefeindet. Darum wird auch keine Wahl eines wahrhaft würdigen Rabbiners und am wenigsten die eines Mannes, wie Dr. Geiger, irgend welche Unzufriedenheit dauernd erzeugen. Seine nach allen Seiten hin segensreiche Wirksamkeit, der unsere Gemeinde erst das reichste Gebiet eröffnen kann, wird in kürzester Zeit jedes un« gerechte Vorurtheil besiegen und nicht lange, des sind wir gewiß, so werden Alle den Werth dieses Mannes erkannt haben und ihn mit Stolz den Ihrigen nennen. So mögen denn unsere Vertreter den vernehmlichen Ruf der Gemeinde nicht länger überhören! Wir erinnern sie nicht an ihre als Kandidaten übernommene Verpflichtung, wir müssen sie aber dringend auffordern, das Wohl der Gemeinde ernstlich in Erwägung zu ziehen. Der zweifelhafte Zustand hat die geistige Entwicklung derselben schon jetzt sehr geschädigt; der freudige Aufschwung, den wir vor einem. Jahre erst wahrgenommen, ist bereits zum großen Thcile dahingeschwunden, die alte Lethargie und der frühere JndifferentiSinuS haben leider nur zu viel Spiel« raum wiedergewonnen. Gebe» wir »nS nicht der Täuschung hin, durch die neue Synagoge allein das Interesse am religiösen Le« ben rege erhalten zu können. Weder daS Haus, daS strahlend in die Gemeinde hineinragt, noch die Orgeltöne, die feierlich unser Ohr erreichen, werden zum neuen Dasein erwecken; der Geist allein vermag die Schlummernden aufzurütteln, er allein besitzt die Kraft, die zerstreuten Gebeine auf dem Todtenfelde zu sam« mein, zu Gestaltungen aufzurichten und zu beseelen. Wo solch' hohe Aufgabe gestellt ist, wo das höchste Gut, das war^ unsere Religion uns stet«, in Frage steht, da muß jede Privatneigung schweigen, da darf nur das Allgemeine die bestimmende Trieb« kraft sein. Mögen die Männer unserer Wahl stetS dessen ein« gedenk sein, daß sie als Vertreter einer großen Gesammtheit auch nur das Wohl des Ganzen vor Augen haben und zur einzigen Richtschnur nehmen dürfen; Einzelwünsche haben diesem gegenüber durchaus keine Berechtigung. Sehen sie sich jedoch in einem unauflöslichen Widerspruche mit der Forderung der großen Mehrheit, können sie selbst keine Lösung in diesem Konflikte finden, dann werden sie gewiß al« Ehrenmänner die Pflicht erkennen, da» Werk, das sie nicht einem heilsamen Ausgange zuführen können, anderen Händen anzuver« trauen. Doch wir wünschen nicht diese Entwicklung, wir ver«