Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 9 (1.3.1867)
- Date
- 1867-03-01
- Page
- Seite 65 (sequence 1)
- Language
- German
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ES ist unleugbar eine sixosturL tewpori» und eigentlich ein erfreulicher Sieg der Wissenschaft, daß selbst ihre Gegner zur Selbsterhaltung ihre Zuflucht zu ihr nehmen müssen, wenn auch nur in der trügerischen Hoffnung, sie dann mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen, oder, wie vr. Sinai Nascher sagt, „den Riesen zu Boden zu schmettern." Was sich jedoch so zu einer allgemeinen Ucberzeugung gestaltet hat, darf von der Gesammtheit nicht länger unbeachtet bleiben. Eine Bildungsanstalt für jüdische Theologen muß die Parole aller Freisinnigen unter nnS werden. Aber auch sie kann und wird nur nnterder mitwirkenden Thätigkeit wahrhafter Fachmänner d. h. unserer Rabbiner, erstehen und erblühen; ohne deren Mitwirkung gelangen wir nie dahin, sondern können wirklich noch der Beschämung gewärtig sein, Berlin durch eine Mißgeburt in Verruf gebracht zu sehen. In flüchtigen Zügen, wie eS diese Blätter nur gestatten, habe ich bisher den bedeutungsvollen Wirkungskreis eines Berliner Rabbiner zu skizziren, versucht, um dadmch meine Bezeichnung dieser Frage als der brennendsten der Gemeinde zu rechtfertigen. Die Lösung derselben erfordert einen ganzen Mann. Gehilfen oder andere Surrogate müssen von vorn herein unbedingt zurückgewiesen werden; eö heißt auch hier: »ut sut! jedes Flickwerk würde nur verderblich wirken. Cs ist auch wohl gar nicht so leicht; einen Mann , von so weit greifender Begabung zu finden. Unsere Repräsentanten befinden sich gewiß in einer recht peinlichen Lage, zumal schon mehrere von Einzelnen warm Empfohlene als nicht entsprechend aufgegeben werden mußten; doch ganz verzweifelt steht eS noch nicht mit uns p6t< «6 '2. Können wir unsere Blicke auch nicht auf Viele richten, so ist doch wenigstens noch Einer da, dem wir unsere höchsten Interessen mit voller Zuversicht anvertrauen können. Wen ich meine, brauche ich wohl nicht erst zu sagen, der Name liegt ja seit Monaten auf jeder Zunge. Mit wahrem^ Schmerze sehen sehr Viele, ja ich glaube mich keiner Uebertreibung schuldig zu machen, wenn ich sage: die große Mehrheit der Gemeinde, die Wahl des vr. Geiger fortwährend hinausgeschoben, denn daß sie nicht für die Dauer verhindert werden kann, ist außer allem Zweifel, weil sie in sich die vollste Berechtigung hat und im Interesse der Gemeinde die unbedingteste Nothwendigkeit ist. WqS ist aber der Grund de- Widerstandes gegen diese Wahl im Repräsentanten-Eollegiutn? Die häufig wiederholte Redensart von der conservativen Richtung unserer Gemeinde ist zu absurd, um vernünftige Männer dadurch bestimmen zu kSnnen; ein Gang durch unsere Straßen am Sabbath widerlegt am besten diese unwahre Behauptung. Die große Bedeutung des Mannes und seine vorzugsweise Befähigung für die vorliegenden Ziele hat noch Niewand'.anznzweifeln gewagt. ES bleibt demnach nur die unerwiesen« Behauptung: diese Wahl wird viel Unzufriedene machen und am Ende gar eine Spaltung herbeiführ en. Treten wir denn diesem Einwurfe ernstlich näher. Die wichtigsten, ja die heiligsten Interessen sollen unbeachtet bleiben, weil eie Befriedigung derselben Unzufriedene schaffen werde? Welcher Fortschritt ist auf dem ganzen Gebiete der menschlichen Kultur je ohne Kampf, ohne Unzuftiedenheit Einzelner errungen worden? Jeder Schritt auf der Bahn der menschlichen Gesittung ist dem Borürtheil nur mühselig abgerungen worden. Derstrigen wir uns gar nicht in das weite Gebiet der Gesammtentwicklung, bleiben wir nun einmal bei dem unö Nächstliegenden. Wäre die Unzuftiedenheit geschont worden, wir Inden wohnten noch heute in den Ghetto'-, wir wären noch heute die' Paria'S der Gesellschaft, wir würden nicht die Erfüllung der vollsten Bürgerrechte zu fordern, sondern, gleich unseren unglücklichen Vätern, nur um die Erlaubniß zu leben, zu betteln haben. Das ist keine Uebertreibung, keine bloße Theorie. Glaubt Ihr daS nicht? so lest doch nur die Fluth-von Schriften, die bloS in diesem Jahrhunderte gegen unser natürliche» Menschenrecht in die Welt geschleudert wurden! Doch ihr meint vielleicht, mit der Religion sei es etwas anderes, da müsse die höchste Schonung walten. Nun, im Namen der Religion haben unsere Väter, gelitten und noch heute muß sie den Vorwand zur Verkümmerung des Rechts hcrgeben und dennoch kämpfen wir und fordern, unbekümmert um die Unzuftiedenheit'Einzelner oder Vieler, denn, gilt» die Wahrheit, darf das Vorurtheil, stütze eS sich angeblich auf Religion oder auf etwa» Anderes, keinen Anspruch auf Rücksicht haben. Wir Alle haben, ohne eS eigentlich zu ahnen, schon lange in diesem Sinne gehandelt. Mit allgemeiner Zustimmung ist noch keine Neugestaltung in» Dasein gerufen worden; wollen wir da» Gute, da» Heilsame nicht opfern, dürfen wir auch vor Unzuftiedenheit Einzelner nicht znrückschrecken! Betrachten wir nun die zweite Befürchtung, ein dauernder Zwiespalt könnte erzeugt werden. -Ehe'wiv diesen Eiuwurf beleuchten, müssen wir ein offenes Geständniß oblegen. Auch wir lieben den Frieden, auch wir schätzen die Eintracht in der Gemeinde ungemein hoch, die geistige Entwicklung aber darf 8 i