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Die Gegenwart · 1867-02-22 · 8 (22.2.1867) · p. Seite 62

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
8 (22.2.1867)
Date
1867-02-22
Page
Seite 62 (sequence 15)
Language
German
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62 Die Gegenwart. geliebten Klassiker in dem Schatten der riesigen Talmudfolianten, in seiner engen Klauseversteckt hielt. Der „Leipniker" erfreute sich damalvor allen seinen zahlreichen Gettoffen am meisten der ungelheilten Verehrung deher« anreifenden jungen Nachwuchses de- Beth.hamidrasch, jener wiß- und lernbegierigen Knaben, die in dem regeltnäßigen Pensum der Schule keine volle Befriedigung fanden, und mit der unersättlichen Hast, die geistreichen Kindern eigen ist, sich auf allestürzen, wa« ihrer Phantasie und ihrem Gemüth Nahrung bieten konnte. Dieser Knaben, zu denen auch Bender gehört hatte, nahm sich der „Leipniker" liebreich an. Er allein verstand wa» ihnen fehlte, wonach der märchendurstige Sinn der Kinder, deren Verstand in den Schulen in gymnastischen Verrenkungen bi» zur Neberspannung dressirt wurde, ihnen selbst unbewußt sich sehnte. An manch einem schulfreien TaHe sammelte ^er die Kleinen um sich und brachte ihnen die in dem Irrgarten der rabbinischen Literatur mühsam zusammengesuchten. Blinnen, voll de» betäubenden orientalischen Rosenduft»' und blendend im schillernden Fat« benglanz heiliger Wunderpoesie, um ihren lechzenden Geist zu erfrischen. Er trug ihnen die zahlreichen Agadoth mit ihrer sinnigen Weisheit, die Zaubermärchen de» Tarzum-Scheni von den Löwen de» Salomonischen Throne-, den sprechenden Bögesn und der unheimlich-schönen Königin von Saba, danndie düster», sagenhaft ausgeschmückten historischen Züge von der Tempelzerstörung, von dem Imperator TituS, und dem Heldenmessiaö Bar-Cochba, und andere dergleichen Stücke au» den ihnen noch unzugänglichen Quellen vor; und wenn die Kleinen mit strahlenden Augen, aus denen der süße Rausch der Phantasie hervordrang, dankbar an seinen Lippen hafteten, da fühlte er, wie er ihnen dasselbe Glück bereitete, welches er sich im geheimen nächtlichen LiebeSverkehr mit den Genien fremder Nationen schuft Bender konnte noch in späten Jahren de« niederschlagen-kn Eindruck« nicht vergessen, den er und seine Altersgenossen eines TagcS erfuhren, als ihnen die Nachricht zukam, der „Leipniker" werde nicht mehr seinen täglichen Aufenthalt in den Lehrsälcn deS Beth-hamidrasch haben, sondern mit einem wohlhabenden Kaufmann, als dessen Buchhalter oder Geschäftsführer Reisen machen, und sich überhaupt dem profanen HandelSgewerbe ergeben. Die Kleinen begriffen diese plötzliche Wandlung nicht; und auch wenige Andere kannten die wahre Ursache diese« Entschlüsse», die Bender erst in einer viel spätem Zeit bei seiner gleich zu erzählenden Wiedervereinigung mit dem Ingendlehrer im gebimsten Vertrauen erfuhr. Der brave „Leipniker" hatte eine leidenschaftliche aber stille Zuneigung zu einem vater- und mutterlosen Mädchen gefaßt, die in eine Familie ausgenommen war, bei der er selbst viel verkehrte. Eine trauliche Gemeinschaft rein geistiger Genüsse,- erzeugt durch da» Lesen derselben poetischen Schriften, die daS Mädchen dem täglichen Gaste de» Hauses ohne Aufsehen zutragrn konnte, die Vertiefung in denselben Strom von Empfindungen, und der unbefangene Anstausch ihrer Gedanken über die gleichzeitig empfangenen Eindrücke ans einer Welt von Idealen, die ihr Alltagsleben verklärte, — hatte bald die Liebe in ihrem Herzen angefacht. Um da» Ziel einer Bereinignng mit,dem Gegenstände seiner stillen Verehrung zu erreichen, kam der arme Liebhaber auf den Ent« schluß, seinen gelehrten Müßiggang, wie er eS nannte, mit einem andem Beruf, der ihm eine gesicherte bürgerliche Stellung ennöglichen sollte, zu vertauschen. Doch hat der Aermste wohl nur eine gransanie Täuschung bei diesem gewaltsamen Versuche, eine ihm im Innersten widersprechende Leben-thätigkeit zu ergreifen, bald genug erfahren. Er hat nie dageträumte Ziel erreicht, und schwieg für immer über die weitere Entwickelung dieseeinzigen Roman» seine» Leben». Seit diesem verunglückten merkantilischen Experiment war der „Leipniker" nur noch für einige Tage in Bender- Vaterstadt erschienen, um von diesem Schauplatz für immer zu verschwinden. Zwölf Jahre später bezog Bender die Universität in der Residenz. In dem zahlreich besnchten Collegium eines berühmten Lehrers der Geographie bemerkte er eine- Tage« einen Mann von schon vorgerückten Jahren, der mit in sich gekehrtem Sinnen und doch mit eifrigster Aufmerksamkeit den Vorträgen über die alte Geographie von Palästina folgte. Diese halbverfallenen Züge, diese gebückte Haltung, der sanfte Strahl der Keinen grauen Augen, undvor allein die stereotype Art, wie der seltsame Mann die Hände in einander verschlang, ließen in ihm sofort den fast ganz vergessenen Mentor wiedererkennen. ' Bender suchte eine Annäherung, und der vereinsamte alte Bachur empfand eine lebhafte Freude über diese Wiedererkennung. Er weihte Bender bald in den weitern Verlauf seiner Lebensschicksale ein. In Prag und Wien hatte er inzwischen Jahrelang bald ein dürftige-, entbehrungsreiche», aber von den Genüssen einer ungehinderten Beschäftigung mit LieblingSwissenschaften verklärte«, freies Leben, bald eine zwar sorgenlosere, aber abhängige Existenz als Hauslehrer in vornehmen jüdischen Familien geführt. In einem gleichen Berufe war er hierher nach dem Norden verschlagen, und war emsig bemüht, in der Metropole der Wissenschaften. in den wenigen Stunden freier Muße, zu den Füßen der großen Meister seine Kenntnisse zu bereichern. Durch Bender« Vermittlung übernahm er in jener Zeit da- Amt eine« Hauslehrerin dem Bonnheim'schen Hause, wo er die Aufgabe erhielt, die Heranwachsenden beiden Knaben im Hebräischen und in den Religionsgesetzen zu unterweisen. Bender war al- Neffe de« Herrn Bonnheim sehr häufig in dessen Hause; daß er aber diesen, mit manchen Widerwärtigkeiten > verknüpften Verkehr lebhaft unterhielt, war nur Feibelmann'« Verdienst. Ebildete sich zwischen beiden bald der innigste geistige amd gemüthliche Verkehr au». So sehr der ehemalige Bachur auch das Gebiet seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse, weit über die Grenzen de- Iuden» thum« hinaus, ausgedehnt hatte, so wurzelte er doch mit allen Fäden seines Empfindens und Denkens in dem historischen Boden seines Glaubens und seines Stammes. Alle seine Forschungen und Excursc in der Geschichte und den Literaturen der Nationen alter nnd neuer Zeit, all' seine Vertiefung in die entlegensten Schachte theologischer nnd philosophischer Arbeit des menschlichen Geiste« waren gleichsam nur Umwege, auf denen er immer in da« Judenthum, al« Mittel« und Ausgangspunkt zurückkehrte. Nur dasjenige, wa« eine solche, wenn auch nur entfernte Beziehung zu seinem Gegenstand zuließ, nahm sein volle» Interesse in Anspruch; aber er wußte auch in Allem, auch dem scheinbar Fremdesten, bald eine solche Beziehung her« . auszufinden. Dann konstruirte er sich wiederum in jeder Wissenschaft, deren Stoff und Methode er sich außen angeeignet hatte, ein eignes selbstständiges Gebäude au« den zerstreuten Elementen, die er von derselben in de» verfallensten und unzugänglichsten Schachten des jüdischen Geiste« zusammensnchtc. « % - So unfruchtbar diese Bemühungen für die Wissenschaft wa-

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