Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 8 (22.2.1867)
- Date
- 1867-02-22
- Page
- Seite 61 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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61 tktfinci Wochenschrift für Jüdische Angelegenheiten. bischen Stimmung sich bewegte. Ja er hält, sich nicht von dev religiösen Resormbeweguagen fern, er interessitt sich für die Neuerungen im Kultur. Freilich konnte einem Maune, der die Radicalcur der getrennten religiösen Begriffe wünschte und er» strebte, jene mehr äußerliche Manier keine sonderliche Achtung einflößen, mit der man da» Tempeljudenthum aufzuputzen versuchte, ohne daß man e» verstanden hätte, den Eifer für die wahrhaft heilige Sache in allgemeinen Kreisen dadurch lebendig zu machen, daß man der christlichen Gelehrten-Republik die wissenschaftliche Anerkennung der jüdischen Weltanschauung und der kulturgeschichtlichen Verdienste de» jüdischen Schriftthum» abringe. Indem man der neuen jüdischen Literatur den Heiligenschein göttlicher Abstammung willig überließ, konnte man ihr um desto eher die menschlich wissenschaftliche Anerkennung versagen. Nur soweit die Reform die literarischen Lmancipation erstrebte, begleitet er sie mit warmer Theilnahme. Wo uian aber vor einer Kultur» Barriere stehen bleiben wollte, da erklärte er: „Meine Borliebe für dar rigorkse Rabbinerthum war seit vielen Jahren schon bei mir in der Folge historischer Untersuchungen." Denn jene» rigoröse Rabbinerthum ist eine wissenschaftliche Periode in der Entwicklung der Judenthums. Nur die tiefere auf die wissenschaftlichen Probleme eingehende Forschung gewinnt seine Achtung. Dürfen wir nun von einem Manne, der unter solchen Ber» hältnissen seine Jugend verlebte, dem vollend« für die großen Interessen der Bölker wie der ganzen Menschheit dar warme Dichterherz schlug, nicht mit allein Grund erwatten, daß er, wie er für dar Wehe seiner Confessionsgenossen ein mitfühlender Derständniß gehabt hat, so auch den Drang gefühlt habe, auf diewürdigste, größeste Weise jener Weh zu rächen, durch den Nachweis, daß das Judenthum als kulturhistorische Erscheinung von bedingter Nothwendigkeit war und ist? DaS ist die ideale Seite des Judenschmerzes, wie ihn Börne nennt, und Heine fühlt dieselbe tief und wahr. . Den 9. Januar 1824 schreibt er an Moser: „Bom Verein, schreibst Du mir wenig. Denkst Du etwa, daß die Sache unserer Brüder mir nicht mehr so sehr am Herzen liege wie sonst? Du irrst Dich dann gewaltig. Wenn mich auch mein Kopfübel jetzt niederdrückt, so-habe ich es doch nicht aufgegeben, zu wirken. „Verwelke meine Pechte, wenn ich deiner vergessen, Jeruscholajim!" sind ungefähr die Worte deö Psalmisten, und e» sind auch noch immer die meinigen. Ich wollte, ich könnte mich eine einzige Stunde mit Dir unterhalten über das, was ich meist durch die eigene Lage angeregt, über Israel gedacht und Du würdest sehe», wie Heine immer Heine sein wird und ist. . . . Wenn es mir möglich ist, will ich gewiß einen guten Aufsatz für die Zeitschrift liefern." Hiermit soll nun wiederum keineswegs gesagt sein, Heine habe unter dem Wirken für „Jeruscholajim" das Wirken für das Judenthmn als eine^ positive Religion verstanden. „Der geborene Feind" — schreibt er am 23. August 1823 an Moser — „aller positiven Religionen wird nie /für diejenige Religion sich zum Champion aufwerfen, die zuerst jene Menschenmäkelei aufgebracht; geschieht eS auf eine Weise dennoch, so hat cS seine besonderen Gründe in GemüthSweichheit, Starrsinn und Vorsicht für Erhaltung eines Gegengifts. Ich habe hier meine Meinung hart ausgesprochen; weun ich mündlich mehr darüber sprechen könnte, würdest Du sie billigen, doch jetzt kann ich nur hinzufügen, daß sie auS der Liebe, aus der Liebe für unsere gute Sache hervorgeht." In der Thal „GemüthSweichheit und Starrsinn" mögen zugleich den jnneren- Antrieb zu dieser seiner Ansicht mit gegeben haben, daß da« Judenthum selbst vom Standpunkte de« entschiedensten Radicaürmus aus zeitlich nothwendig fei. Aber die „Vorsicht für Erhaltung eines Gegengift»" ist doch mehr als persönlicher Natur, sie hat ' einen gewissen principielleu, wissenschaftlichen Charakter. Für Heine ist die Bedeutung des Judenchüm» als einer geschichtliche« Opposition gegen die pietistische und hierarchische Ausbildung der Uebersinnlichkeitslehre, die ebenso sehr die bürgerlich« wie die GewiffenSfteiheit hemmt, ein positiver Satz, der ein wesentliche» Element in seiner Vorstellung „Judenthum" bildet. Wir wollen versuchen, die Bedeutung dieses ursprünglich negativen Element» da» unmittelbar einen positiven Charakter annimmt, in möglichster Kürze zu veranschaulichen, DaS Judenthum ist nach Heine'« Anschauung von den Dogmen ftei, die durch da» Zusammenwirken der griechischen, persischen und indischen Mystik die Idee de- Ehristenthum- «ach Heine'» Ansicht gebildet haben. „Was ist diese Idee? Wie sich diese Idee historisch gebildet und in der Erscheinungswelt man!« festirt, ließe sich wohl schon in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt entdecken, wenn wir namentlich der Geschichte der Manichäer und Gnostiker vorurtheilsftei nachforschen. Obgleich Crstere verketzert und Letztere verschrieen sind und die Kirche sie verdammt hat, so erhielt sich doch ihr Einfluß auf da» Dogma, auS ihrer Symbolik entwickelte sich die katholische Kunst und ihre Denkweise durchdrang das ganze Leben der christlichen Väter. Die Manichäer sind ihren letzten Gründen nach nicht sehr verschieden von den Gnostikern. Die Lehre von den beiden Principien, dem guten und dem böse», die sich bekämpfen, ist beiden eigen. ... * Diese gnostische Weltansicht ist urindisch und sie führte mit sich die Lehre von der Jncernation Gottes, von der Abtödtung de« Fleisches, vom geistigen Jnsichfelbswerfenken, sie gebar da» asketisch beschauliche Mönchsleben, welches die reinste Blüthe der christlichen Idee ist. Diese Lehre hat sich in der Dogmatik nur sehr verworren und im Kultus nur sehr trübe auSsprcchen können. Doch sehen wir überall die Lehre von den beiden Principien hervortreten; dem guten Christus steht der böse Satan entgegen; die Welt des Geistes wird durch Christus, die Welt der Materie durch Satan repräsentirt; jenem gehört unsere Seele; diesem unser Leid; uiw die ganze Erscheinungswelt» die Natur ist demnach ursprünglich böse und Satan, der Fürst der Finsterniß, will u»S damit inö Verderben locken, und eS gilt allen sinnlichen Freuden des Lebens zu entsagen, unfern Leib, das Lehen Satans zu peinigen, damit die Seele desto herrlicher sich emporschwinge in den lichten Himmel, in da» strahlende Reich Christi. Diese Idee, die eigentliche Idee des Christcnthum«, hatte sich ungleich schnell über da» ganze römische Reich verbreitet u. s. w." (Fortsetzung folgt.) Skizzen netterer Heit. . l. Ein frommes Haus. , (Fortsetzung zu 'S. 66.) Heute dürfen wir eS ohne Gefahr für den guten Alten wohl verrathen, daß er in einsamen MitternachtSstunden oft seine in der Sandwüste des Choschen-Mischpat halb verschmachtete Seele, mit Schauer» süßer Wollust in da« Wellenbad eine- Schillcrschen Trauerspiels oder de» hochbewunderten Titan und Siebenkä» tief untertauchte und mtt Hintansetzung aller religiösen Scheu die