Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 8 (22.2.1867)
- Date
- 1867-02-22
- Page
- Seite 63 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4889892-5434108-5434126--087-4889965- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Homer 1× ep/1025156
OCR text
Berliner Wochenschrift für Jüdisch« Angelegenheiten. 63 /■ ' i len, so belebend wirkten sie auf den einsamen Mann. Sein Geist >var wie ein üppige- Gartenfleckchen, von einem heitern Himmel voll Sonnenschein eingefaßt, aus welchem ein kuostgewandter aber barocker Gärtner nach und nach alle Art von ^»Pflanzrnkultur treibt, und seine vielleicht kindliche Freude daran hat, hier ebensogut Gurken und Melonen, als Rosen und Lilien, »der gar wunderbare Tropeu^ümchse zu ziehen. An diesen Versuchen erfrischte sich sein Geist immer von Neuem. Bald spürte er der Sagenverwandtschast zwischen den orientalischen und antiken Völkern nach, bald suchte er die zerstreuten Splitter mathematischer oder astronomischer Kenntnisse in den alten rabbinischen Quellen zusammen,, bald verglich er die Recht-- und Staat-institutionen des jüdischen Volkemit denen der einflußreichen Nachbarvölker. Aber eigenthümlich war eS, daß er auallen diesen Studien nichtals einen chaotischen, nur ihm allein verständlichen Notizen- Haufen hervorbrachte, nnd kaum den Versuch wagte, sie zu einem Buch oder auch nur einer Abhandlung zu gestalten. Bender gereichte diesem wunderlichen Mann zum doppelten Tröste. Vor Allem stand er ihm mit seinen gründlichen und geregelten Kenntnissen im Gebiet deklassischen AlterthumS zur Seite; das Griechische überdies hatte der gute Bachur noch nie eingehend getrieben, und Bender war es zuerst, der ihm den Homer und die Tragiker wie Geschichtsschreiber der Griechen erschloß, wobei der Alte mit dem Eifer eines Schulknaben seine grammatischen Exercitien machte. Sodann war Bender der einzige Mensch seiner Umgebung, der ihn und sein gelehrte- Treiben -überhaupt nur verstand, der die nöthigen Kenntnisse de- Stoffs, in dem der Alte sich vertieft hatte, besaß, um die zahlreichen Entdeckungen und Cömbinationen, zu dcneu er täglich gelangte, zu begreifen und zu beurtheilen, und der auch endlich den gutherzigen Hang hatte, auf alle diese Mittheilungen mit Theilnahme einzugehen. Denn Bender hatte einen guten Grund gelegt in der Kenntniß des Hebräischen und Rabbinischen, und behielt Interesse daran, 'auch nachdem' er sich ganz ausschließlich dem Studium der Naturwissenschaften ergeben hatte. Mit anderen jüdischen Gelehrten der Residenz pflog Feibelmann grundsätzlich keinen Verkehr; ja er hatte eine Scheu vor jeder Berührung mit ihnen. Die größte Freude machte ihm Bender aber, wenn er den Schmelz und die Zartheit der kleinen hebräischen Poesien, die Feibelmann bei angeregter Stimmung noch manchmal producirte, wahrhaft zu empfinden verrieth. In diesen Produktionen zeigte sich auch das einzige und bedeutende Formtalent des Alten. So war ihm Benders Umgang bald ein Herzens- und GeisteSbedürfniß geworden, er war zu gleicher Zeit sein Lehrer, sein Schüler, sein Publikum, sein Kritiker und sein Freund, den er auch in die Falten seiner Seele blicken ließ, und dem gegenüber er,.wenn sie uubelauscht waren, sich am liebsten in dem mit hebräischen Einschlag verzierten jüdischen Idiom deehemaligen „LeipnikerS" gehen ließ, daer iin Verkehr mit der Welt längst gegen ein untadelhafteS dialektfreies Hochdeutsch abgelegt hatte. Bender war der einzige Mensch auf Erden, dem Feibelmann einen Einblick in seine religiösen Ansichten und seim^Verhältniß, zu den Satzungen gestattete. Diesewar in drr^That ein eigentühmlicheS, und sprach sich in folgendem Bekenntniß auS,' welches er eine- Tages vor Bender ablegtr. „Ich bin tief genug in die Quellen degefammten Lehrstoffs der jüdischen Religion und Satzung eingedrungen, um einzusehen, daß die riesige Formation de- Eeremonialgrfetze», au» den historische» Berhältniffeu und namentlich au» der Umwälzunin dem politischen Leben der Juden seit dem Exil, mit der Nochwendigkeit eine- Naturphändmen» sich herausgebildet hat, und eine Macht geworden ist, die man mit den einzelnen Reformen so wenig boseitigen wird, al« man ei» Basaltgebirge mit dein Grabscheit eine« Pflanzgärtner» umgraben kann. E» ist ab«, lächerlich anzunehmeu, daß, weil wir hier im Ganzen vor einer, historisch gewordenen Erscheinung stehen, deshalb-auch jede Seite und jeder Ausläufer derselben für sich selbst ebenfalls eine große grfchichtliche Nothwendigkeit und ein unablöslicher Bestandtheil de- Ganzen sei, und daß da» Gesetz, wonach sich diese Versteinerung gebildet, nicht auch nach ganzen Richtungen und in großen Dimensionen vom Zufall und der Willkür beherrscht worden ist. Al» die ganze Maffe noch im Fluffe war, konnte sie nach Belieben und Bedürfniß. gelenkt werden und ist so gelenkt worden. - ES ist ferner ein Jrrthum, wo nicht gar eine bewußte Unwahrheit zu behaupten, daß der Satzung in ihrer Unverbrüchlichkeit an sich eine heiligende Kraft beiwohne, die da- Individuum in einer lebendigen Beziehung zu dem Höchsten erhalte, und daß die Form derselben so gut, wo nicht noch besser als der sittliche Inhalt geeignet sei, die Menschen in dem so nothwendigen Bewußtsein der Abhängigkeit von dem Höchsten fest zu bannen. Wie wäre es sonst möglich, daß Individuen, die mit ungeheuchel« -er Hingebung an den Satzungen ihrer Kirche hangen, doch diesen Satzungen zum Trotz, einer shsteitiatischen Lasterhaftigkeit verfallen, wie wir es täglich erleben, während es nur eine seltene Anomalie ist, daß ein Mensch mit einem geläuterten sittlichen Selbstbewußtsein zu einem Verbrechen sich erniedrigt? Der sittliche Inhalt, die heiligende Kraft der Satzung muß für jedes Individuum sich besonders offenbaren, und an ihin sich bewähren, wenn es dieselbe als für sich verbindlich erachten soll. Dafür giebt es gar keinen allgemeinen Maßstab. WaS den Einen anzieht, stößt den Andern ab; was mich vielleicht bewegt und brhebt, erregt Dir Widerwillen. Ich will damit keineswegs den willkürlichsten Subjektivismus in die Religion einführen‘K denn den großen Gesetzen de» Wahren, Schönen und Guten suhlen alle menschlichen Seelen mit zwingender Gewalt sich unterworfen; Niemand kann sich ihrer Wirkung willkürlich entziehen. Aber alles Symbolische, und dahin gehört da- Ccremonjalgesetz, hat nur Leben, wenn eS empfunden wird, wenn cS wirkt: die Empfindung ist aber eine subjektiv verschiedene. Die Juden haben das Sprichwort, daß Jeder seinen eigenen Schulchan-Aruch hat, und daS möchte ich in gewissem Sinne als Norm hinstcllen. Um von mir persönlich zu sprechen, so stecke ich so sehr in ReminiScenzen, Gewohnheiten und Sympathien meiner Vergangenheit, daß das Meiste von dem Netzgewebe der religiösen Observanz noch Macht über mich besitzt." (Fortsetzung folgt.) Vermischte». — Der Kaiser von Oesterreich hat dem Dr. Bärw'ald. Lehrer am jüdischen Lehrerseminar in Berlin, für sein Werk: „Baumgartner» Formelbuch", welchedie k. k. Akademie der Wiffeuschaften auf ihre Kosten drucken ließ, die Medaille für Kunst und Wiffenschaft verliehen.