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Die Gegenwart · 1867-02-22 · 8 (22.2.1867) · p. Seite 60

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
8 (22.2.1867)
Date
1867-02-22
Page
Seite 60 (sequence 13)
Language
German
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60 1 Die Gegenwart. Einwohner, sondern vielfach auch die hier durchreisenden und wei lenden Fremden jüdischer Cvnfession werden von den zahlreij chen jüdischen Armen oft Derartiger Weise belästigt, daß eS auf j den an solchen Unfug ganz ungewöhnten Fremden einen üblen l Eindruck macht, der ihn nur mit Widerstreben hier weilen läßt. — Unter den hiesigen jüdilchen Armen existirt aber noch jene ver- > schämte und in weit größerer Armuth schmachtende Klasse, welche; sich die härtesten Entbehrungen weit lieber auferlegt, als die : Hand nach einem Almosen auSzustrecken; — hier wäre daS Al»! mofengeben eint viel würdigere Wohlthat, als das an die Bettler; 1 allein jene arme Klasse, welcher die Menschenwürde trotz großer 1 Entbehrungen als einziges, darum unveräußerliches Gut gilt, wagt sich aus ihrem Verstecke nicht hervor, und 'Niemand steigt in ihre Hütten, um die Roth zu lindern. , ES haben sich in Erwägung dieser Thatsachen die Herren Rob. Sieburth, Herm. Ravt und Hugo Ehrenfried zu einem Comitü konslituirt, um in hiesiger Stadt eineu „Israelitischen - Arlnen-Verein"*) ins Leben zu rufen. Es soll die Aufgabe j diese« Vereins nicht nur im Abstellen der Hausbettelei, sondern : vorzüglich auch in Ermittelung und Unterstützung der verschämten Armen bestehen. Wem erustlich darum zu thun ist, seine Almosen auf eine nicht belästigende, aber würdige Weise zu vertheilen, wird die beste Gelegenheit hierzu in einem solchen Armen-Bereine finden. — Am 12. d. M. hat sich eine zahlreiche Versammlung zusamnieii gefunden, um. über die Eonstituirung des Armen-Vereins und den Entwurf der Statuten zu berathen. Möge die Betheiligung eine allgemeine werden, damit ein Institut entstehe, vaS mit vereinte» Kräften im Geiste der Gegenwart segensreich wirken könne. H. W. > Heinrich Heine und das Iudenthum. (Fortsetzung zu S. 5t.) Treffen nun nicht alle diese Bedingungen, die den modernen Menschen bewege» müssen, seine Religion ans den Gehalt humanitärer Idee» zu prüfen, in Heine zusammen? Heine ist als Jude geboren. Ein bedeutendes Glied seiner Familie, sein Oheim Salomon Heine in Hamburg ist von ganzem Herzen und nach altem Sinne Jude. Er selbst verkehrt in Berlin meist mit Juden oder mit Solchen, die um eine Anstellung zu erlangen, zur StaatSkirche, von deren Bekennung die irdische Seligkeit abhängig war, übergcgange», im Herzen aber Juden geblieben waren. Man lese seine Briefe aus den zwanziger Jahren und man wird finden, daß die harmloseste», gemüthvollsten derselben an Juden gerichtet sind. MoseS Moser, den „Epilog zu Nathan dem Weisen^ nennt er seinen wahren Freund. Mit diesem verhandelt er über seine persönlichen Angelegenheiten; Schwächen und Kleinheiten gesteht er diesein „philosophischen Theil seiner selbst" treuherzig ein, mit Niemand correspondirt er in dieser innigen, offenen Weise. So verkehrt er mit Gans, init Zunz, mit David Friedländer, mit Bendavid und vielen Anderen. In dem Streife dieser Männer aber waltete ein jugendlicher Eifer für die Fort- und Neubildung deS JudenthMliS im Geiste der modernen Zeit. Sie gründen öinen „Verein für Kultur und Wiffenschaft des Judentbums" besten Präsident Eduard GanS war, und deffen „Zeitschrift" Zunz herausgab. Heine ist Mitglied dieses Vereins. ' *) Warum einen Israelitischen, warum nicht eineu allgemeinen? Anm. d. Red. Aber er gehört ihm eben nicht bloS an, weil die Gründer und Förderer desselben seine persönlichen Freunde find, sondern erwirb von den Interessen dieser denkwürdigen Erscheinung, deren allgemein^ Bedeutung Heine in den, „'Henkworten an Ludwig Markus" sehr treffend schildert, tief beführt, sie beeinflussen den Gang feiner wiffenschaftlichen Entwicklung, seiner akademischen Studien und Heine wird zum Studiüm der jüdischen Geschichte geführt. Am 25, Juni 1Ö24 schreibt er von Göttingen auS an MoseS Moser: Außerdem treibe ich viel Chronikenstudium, und ganz besonder« viel bistoria judaica. Letztere wegen; Berührung mit dem „Rabbi" und vielleicht auch wegen inneren Bedürfnisse«.. Ganz eigene Gefühle bewegen mich, wenn ich jene traurigen Annalen durchblättere, eine Fülle der Belehrung und de« Schmerze«. Der Geist der jüdischen Geschichte offenbart sich mir immer mehr und mehr und diese geistige Rich-, tung wird mir gewiß in der Folge sehr zu Statten kommen. Benjamin von Tudela, der jetzt auf meinem Tische herumreist, läßt dich herzlich grüßen. Cr wünscht daß ihn Zunz einmal bearbeite und mit Uebersetzung herausgebe. . . ES fehlen mir jetzt nur noch Notizen über die spanischen Juden im fünfzehnten Jahrhundert und besonders über ihre Akademien in Spanien zu dieser Zeit oder bester gesagt: fünfzig Jahre vor ihrer Vertreibung. Interessant ist e«, daß dasselbe Jahr, wo sie vertrieben worden, das neue Land der Glaubensfreiheit, Amerika, entdeckt worben. Eine Frucht dieser Studien ist „der Rabbi von Bacharach." „Mit unsäglicher Liebe trage/ich das ganze Werk in der Brust, Ist es ja doch ganz au« der Liebe yervorgehend, nicht aus eitler Ruhmgier. Im Gegentheil, wenn ich der Stimme der äußern Klugheit Gehör geben wollte, so würde ich eS gar nicht schreiben. Ich sehe voraus, wieviel ich dadurch verschütte und Feindselige« herbeirufe. Aber eben weil c« auS der Liebe hervorgeht, wird es ein uitsterblicheS Buch werden, eine ewige Lampe im Dome Gottes, kein verprastelndeS Theaterlicht." Heine hatte Grund, diese Arbeit ein Opfer der Liebe zu nennen; denn er wurde, ohne daß zu Anfang bestimmte jüdische Tendenzen, d. i. die Klage über die allgemeine Verweigerung der Anerkennung de« jüdischen SchriftthmnS in seinen Gedichten sich laut auSsprachen, allein wegen seiner jüdischen Geburt mehrfach angefeindet. „Mich, mich muß man erbittern! Just zu einer Zeit, wo ich mich hingestellt habe, die Wogen des Judenhasses gegen mich anbranden zu lasten." Von vielen Seilen wird ihm seine deutsche Nationalität, bald in offener Weise, bald meuchlings, durch versteckte Witze streitig gemacht. „Wäre ich ein Deutscher', — schreibt der deutsche Dichter einmal an Moser in tiefbittrer Ironie — ich büi kein Deutscher (s. RöhS, Fries u. A.)" Die Romanze „Donna Clara" schickt er Moser und schreibt ihm am 5. November 1821: „Auf jeden Fall werde ich diese Romanze in meine nächste Gedichtsammlung aufnehmen." ES giebt einen Abraham von Saragoffa, aber Israel fand ich bezeichnender. Das Ganze der Romanze ist eine Scene, aus meinem eigenen Leben, bloS der Thiergarten wurde in einen Garten de« Alkalden verwandelt, Baronrffe in Sennora und ich selbst in einen heiligen Georgen oder gar Apoll! ES ist bloS daS erste Stück aus einer Trilogie, wovon da« zweite den Helden von seinem eigenen Kinde, das ihn nicht kennt, verspottet zeigt, und daS dritte zeigt dieses Kind als erwachsenen Dominikaner, der seine jüdischen Brüder zu Tode foltern läßt." Man sieht'au« diesen wenigen Anführungen, die sich bogenweise häufen lasten, daß Heine ganz unter dem Einfluß der jü-

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