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Die Gegenwart · 1867-02-22 · 8 (22.2.1867) · p. Seite 58

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
8 (22.2.1867)
Date
1867-02-22
Page
Seite 58 (sequence 11)
Language
German
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58 Dir Gegenwart. kennt«iß gefesselt, und dazu führt einzig Belehrung. Daher auch die mannigfachen Vorlesungen auf allen Gebiete«. Die christliche Kirche hat diese Umwandlung der Anschauung begriffen und sich deren Eonsequenzen nicht entzogen; alle Richtungen ergänzen die Wirksamkeit der Kirche durch Vorträge außerhalb derselben. DaS Judenthum darf sich ohne die nachtheiligften Folgen dieser Neugestaltung nicht länger entziehen, und an vielen Orten ist dieauch begriffen worden, Berlin allein «nacht unter den großen Gemeinden vielleicht nur noch eine Ausnahme; ob eine ehrenvolle?- Empfunden ist dieser Mangel allerdings schon vielfach worden, auch Anläufe, solche Verträge in« Leben zu rufen, sollen, wie verlautet, bereits versucht worden sein, wie jedoch der Erfolg beweist, vergeben«. Und sie werden auch stets vergeblich bleiben, so lange nicht Persönlichkeiten an der Spitze stehen, die eine solche Thätigkeit zu einem Mittelpunkte ihrer Wirksam, keit machen. Diese Persönlichkeiten können aber nnr unsere Rabbiner sein. Da« Dilcttantenthum vermag wohl ergänzend mitzuwirken, wird aber nun und nimmer die Geburtsstätte von Führern werden. Wir werden darum so lange diese bedeutende, belebende Kraft entbehren, als nicht unser Rabbinat vollständig und zeitgemäß besetzt ist. _ jp II. Die Geineinde der Metropole hat aber auch die Verpflichtung, unsere Religion nach Außen hin zu vertreten. Täuschen' wir uns nicht, noch ist unser alt-ehrwürdige« Judenthum nicht al« ebenbürtige Religion auerkannt. Wir meinen nicht jene Anerkennung des Staates, wie in Frankreich und Belgien; davor bewahre uns Gott! Wir'wollen unsere Entwickelung auch ferner frei von jeder staatliche» Einwirkung und Eininischung erhalten, wie wir cs bisher gethan; wir sind wahrhaft eine freie Gemeinde und wollen cs auch bleiben. Verloren aber wäre diese goldene Freiheit, sobald der Staat uns unter seinen Schutz nähme; nur zu bald «vürve er den altdeutschen Spruch umkehrcn und sagen: „wo wir initthatcn, wollen wir auch mitrathen." Wir meinen vielmehr die geistige Gleichberechtigung, so daß nicht noch immer mit einer »verletzenden Selbstgenügsamkeit auf unsere Religion, ihre Wissenschaft und denn Vertreter herabgesehen wird. Diese Gleichberechtigung, behalten wir das nur immer im Auge, wird durch keine günstige äußerliche Stellung erlangt; das höchste geistige Gut kann nur durch geistigen Kämpf errungen »verden. Wer soll, wer kann ihn aber erfolgreich führen?- Wer ander«, al» die Lehrer und Vertreter unserer Religion, als unsere Rabbiner? Oder wollen wir vielleicht auch hierbei die Hände in den Schooß legen und ruhig abwarten, bis etwa Andere für un« eintreten? Sonderbar! schon mehrfach zeigte sich eine gewiffe Empfindlichkeit^ so oft von anderen Punkten aus Schutte in jüdischen Angelegenheiten angeregt wurden, und dennoch geschieht Nicht«, sich selbst zu einem Mittelpunkte zu machen. Oder glauben wir wirklich für das Judenthum Großes dadurch geleistet zu haben, daß wir durch unsere Synagoge Berlin um einen Prachtbau vermehrt? Solche Selbstberäucherung ist hoffentlich jedem Einsichtigen fern. Dieser Gesichtspunkt führt un« aber auf eine ander höchst wichtige Aufgabe unserer Gemeinde, wir ««einen die Gründung, eiue« Rabbiner-Seminar« oder einer jüdisch-theologischen Facultät. Wir müffen immer wieder darauf zurückkommen, eine Gemeinde vom Umfange der hiesigen, eine Gemeinde im Besitze solcher Mittel und Kräfte wie die Berliner, die Gemeinde der Hauptstadt endlich darf fich nicht in kleinlicher Engherzigkeit auf chre «igeuea unmitteltzpr«, BetzKchusse beschränken, sie muß ihren Gesichtskreis erweitern, sie must sich an die Spitze der geistigen Bewegung stellen, sooft giebt sie selbst ihren Rang prei«. Und für Berlin gilt e» nicht einmal, eine ganz neue Bahn einzuschlag-n, eS gilt vielmehr nur eiue alle Erbschaft anzutreten^ und eiue ihm seit fast 100 Jahren zugefallene Aufgabe wieder aufzunehmen. Wir nennen Mendelssohn mit Stolz den Unseren, wohlan denn, setzen wir sein Werk fon; wir sind seine Familie und die natürlichen Erben seines Wirken« in' Israel. Damals war Derlin gleichsam die Sonne, von der die erwärmenden Strahlen au«- gingen, welche die unter dem Druck der letzten Jahrhunderte erstarrten Gemüther zu neuem geistige« Leben erweckten; nach Ost und West, nach Süd und Nord verbreitete sich von dem unscheiubaren Häuschen, das noch heute eine Gedenktafel kennzeichnet, der Geist geläuterter Erkenntniß unserer heiligen Religion, der Geist der Bildung, unter unsere Glaubensbrüder; ein wahrhaft heilige« Feuer ward da angezündet, das kein Bannstrahl ehrlicher, aber die Zeit nicht begreifender Männer dämpfen konnte. Die Stufe, welche die Juden in Europa seitdem erstiegen haben, sie verdanken sie ohne jede Uebertreibnng Mendelssohn -nd dem Kreise der Jünger, die sich hier um ihn gesammelt. Damals war Berlin gewiffermaßen ein Zion, von dem die Lehre ausging. Seit mehr als einem halbe,« Jahrhundert dagegen hat e« sich dieses herrlichen Vorzuges begeben, Wohl haben einzelne Gelehrte auch in dieser Zeit nicht gerastet und für die jüdische Wissenschaft Große« geleistet, die Gemeinde als solche aber hat keinen Anspruch auf diese Leistungen, noch einen Antheil daran. Kein würdigeres Ziel kann cs darum für dieselbe geben, als für das Judenthum uud die Judenheit wieder die Stätte zu werden, zu welcher Alle freudig wallfahren. Ist aber für diesen hohen Zweck ein Rabbinerseminar oder eine theologische Fakultät wirklich ein so unabweiölicheS Bedürfniß? Unsere Gemeinde-Verwaltung wird darauf zu antworten wiffen! WaS erschwert denn die Rabbinerwahl? WaS anhprs als der große Mangel an Männern, welche die hiesige Stelle würdig auözusüllen iin Stande sind? Und wohin muß e« erst im Laufe der Zeit loinmen, wenn die noch wirkenden Kräfte da« geistige Arbeitsfeld verlaffen habe» werden? Woher sollen neue rüstige Arbeiter erstehen? Allerdings erfteut sich Breslau einer solchen Pflanzstätte, ob diese« Seininar aber auch den Forderun« . gen der neuen geistigen Entwicklung entspricht? Ein Institut, da« in wahrer Zwittergestalt Wiffenschaft und Neu-Orthodoxie vereinigen will, indem es die großen Fragen der Religion statt zu lösen, zu vertuschen sucht, wird schwerlich den bildenden Einfluß gewinnen, welchen die Zeit unwiderleglich erheischt. (Fortsetzung folgt.) * Berliu, den 17. Februar. Die Königliche -Akademie der Künste hat unter heutigem Datum folgende Bekanntmachung erlassen: , „Preisbewerbung bei der Königlichen Akademie der Künste. Bewerbung um den Michael-Beer'schen Preis." „Die diesjährige Eoncurrenz um den Prei» der Michael- Beer'schen Stiftung für Maler u««d Bildhauer jüdischer Religion ist diesmal für Bildhauer bestimmt. Bei den einzusendenden Werken ist die Wahl des Gegenstände« dem Ermessen de- Eoncurrenten überlaffen, die Eomposition kann in einem runden Werk oder einem Relief, in Gruppen oder in einzelnen Figuren bestehen,

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