Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 8 (22.2.1867)
- Date
- 1867-02-22
- Page
- Seite 57 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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SkMWatt an» ■ak W׳■ catftgn »au«■״«. Die Gegenwaü. *cktciioi: W<i»«k>ßr1 > ®t1«h (- fktkitl•■: «ratzes '-* ״ 3n|frti»1 ltnc Berliner Wochenschrift für Jüdische Angelegenheiten. Freitag, den 22. Februar. Ro. 8. Erster Jahrgang. 1867. ■* Inhalt: Wa« uns fehlt. — «orre»»»udrn,n,: Berlin, Berlin, Glogau, Wrefchen. — Hvtlsrnschaflllche»: Heine und da» Judenthum (Fortsetzung.) — -eullelon: Skizzen an« neuererAeit. 1. ״Tin ftonnne« Hau«" (Fortsetzung.) — Vermischte». — — Inserat». Was uns fehlt. Wenn wir von Zeit zu Zeit an der Spitze diese- Blatte- Berliner Gemeinde-Angelegenheiten besprechen, so wird der Leser, so werden wir uns selbst die Frage vorlegen müssen, ob nicht dasselbe dadurch eine zu lokale Färbung bekömmt. Wir glauben jedoch diese Frage verneinend beantworten zu können. Die Ber» liner Gemeinde ist einmal sowohl wegen ihrer Größe, als auch wegen der Masse von Intelligenz, welche sie umschließt, sowie als Gemeinde der Residenz von selbst zum Borort derjenigen Nord« Deutschlands berufen. Allerdings hat sie seit vielen Jahrzehnten diesen Beruf wenig erfüllt; die Menge wohlthätiger Anstalten, deren sie sich erfreute, allein thun e« keineswegs; jede Gemeinde in Israel wirkt in diesem Sinne nach Kräften. NichtSdestoweni« ger halten wir unsere Behauptung aufrecht. Unsere.religiösen Kämpfe können nur hier auSgefochten werden. Jede- Hemmniß vernünftigen Gottesdienstes, daS hier beseitigt, jede« Borurtheil, das hier siegreich bekäinpft, jede, Fortschritt, der hier errungen wird, ist ei« dauernder Sieg für Alle. Die Leistungen anderer Orte sind erfreuliche Vorarbeiten, die auch nnS zu Gute kommen, gedeihliche Fortentwicklung sichern ihnen erst unsere Errungenschäften. Diesem Schluffe kann, sich kein ruhiger nnpartheiischer Beobachter entziehen. Und nun zur Sache. Als im vorletzten Herbste bei den Gemeindewahlen die freisinnige Richtung unter der lebhaftesten Betheiligung einen unbestreitbarm Wahlsieg davontrug, als die große Mehrheit der Ge« meinde jeden dieser Richtung mtgegenstehenden Kandidaten ablehnte, so sehr sie ihn auch persönlich achtete, da schien jedes Hemmniß einer gedeihlichen Entwickelung im Geiste deS Fortschritts beseitigt, für Prinzipien, nicht für Personen war ja gekämpft worden. Mehr als ein Jahr ist seitdem verflossen, jene Erwartung aber hat sich nicht erfüllt, jene Hoffnung ist keine Wahrheit' geworden; die brennendste Frage für unsere gesammten Gemeindeverhältnisse, die Rabbinerfrage, ist nicht gelöst. Ob diese aber mit Recht so genannt werden darf, wird unS Nachfolgendes nur zu deutlich zeigen. * I. Zuvörderst sind unsere Kultusangelegenheiten in ihrer Gesammtheit heute noch eben so^verworren und ungeordnet wie vor einem oder zwei Jahren. י Diese Behauptung wird überraschen und dennoch übertreibt sie nicht. Man verweise uns nur gar nicht auf die neue Shnagoge. Allerdings ist da ein Schritt zum Besseren gethan, aber eben auch nur der erste Schritt, und abgesehen von allem andern muß doch jeder Vernünftige zwei große Gotteshäuser mit nur einem Prediger als einen Zustand erkennen, der ohne den em« pfindlichsten Nachtheil nicht länger dauern darf. Der Kultus im weitern Sinne umfaßt aber nicht bloS die Synagoge, sondern alle Handlungen, welche die Mitwirkung religiöser Einrichtungen in Anspruch nehmen; dahin gehören Konfirmation, Trauung, Ehescheidung. Beerdigung. WaS ist denn nun, fragen wir, für die Umgestaltung -tiefer im Gemeindeleben so wichtigen Verhältnisse in der neuen Aera geschehen? Wik brauchen nicht näher auf Einzelnheiten hinzuweisen, denn theils liegen die Schäden offenkundig vor jede- Mannes Auge, der nur sehen will, theils sind sie leicht zu erkunden für Jeden, der nur daSi geringste Interesse daran nimmt. Der gegenwärtige Zustank gränzt wahrhaft an Anarchie, im eng« sten Sinne des Wortes gilt: ״ אי׳& כל הישר בעיניו יעשהEin Jeder thut was ihm gut dünkt." In der That liegen die Sachen jetzt schlimmer als früher, denn selbst der Trost auf eine Besserung schwindet immer mehr dahin. ES scheint fast, als ׳wenn die ganze Kraft der Bewegung , mit der Eröffnung der neuen Synagoge erschöpft worden, so daß Alle nunmehr.auf den leicht errungenen Lorbern ruhen zu dürfen vermeinen. ׳Und doch ist so wenig gewonnen! Soll das Religiöse zu wirllicher Kraft erblühen, dann muß ein neuer Geist alle In- ׳ stitutionen durchdringen. Drei lauwarme Tage im Jahre! schaffen noch keinen erfrischenden Frühling, keinen fruchtbringenden j Sommer. Anders und besser kann es nur werden, wenn die Rab- 1 binerfrazc zweckmäßig gelöst ist, nur in Verbindung mit einer. j gleichen, energischen Kraft wird unser Rabbiner alle entgegenste- 1 henken Schwierigkeiten überwinden können. Sind wir auch nicht : in die Geheimnisse unserer Gemeinde-Verwaltung eingeweiht, j das wissen wir dennoch, solche Arbeit übersteigt die Kraft eine« l Mannes.! Die Erkenntnis der Religion Und ihre Einwirkung auf da- | Gemüth kann aber gegenwärtig im Gotteshause allein nicht voll« j kommen erzielt werden, und ist es. eigentlich auch früher nie j geworden. Gehen wir einige Menschenalter zurück, so finden wir daS Hau» als die vorzüglichste Stätte des religiösen Lebens. DaS ganze Thun und Lassen ^ar umgeben von religiösen Ein«! richtmigen und durchzogen von religiösen Mahnungen und Erinne» j runM. Diese Zeit ist dahin, bei der sehr großen Mehrzahl 1 wenigstens; kein künstlicher Belebungsversuch bringt sie wieder zu«! rück. DaS Galvanisiren absterbender und abgestorbener Sitten schafft nur leeren Schein, aber kein wirkliches Leben. Trotz i ש׳ס הכרה und שחרי הטוב ist Berlin keine alt-jüdische Gemeinde, mehr und wird es noch weniger je wieder werden. Wo,׳ wie hier, Vertreter selbst und Förderer der sogenannten Orthodoxie das jüdisch-religiöse Leben aufgegeben haben, gehört ein eigener Muth dazu, sich solcher Täuschung hinzugeben, oder gar andere täuschen zu wollen. Jetzt gilt es für die entschwundenen Stützen zeitgemäße aufzufinden. Die Gegenwart wird aber nur durch Ers