Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 7 (15.2.1867)
- Date
- 1867-02-15
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
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54 Die OcgcMMrt. weuig der Fall, al« Heine trotz seiner Verehrung für Spinoza unbedingter Anbeter seine- Systemist. Aber wie die spino« zistischr Anschauungsweise auf ihn eingewirkt hat, so hat er sich den Anregungen nicht entziehen können, die ihm von Seiten de- Judenthumttzeildurch persönlichen Umgang mit jüdischen Gelehrten, theildurch warme- Studium der jüdischen Literatur und Geschichte geworden sind. Man wundre sich doch nicht darüber, daß wir zu behaupten wagen, eine alte Religion solle aus die Weltanschauung einemodernen Menschen so bedeutsam einwirken köiinen. Ja, wenn, nicht die religiösen Ideen so vielfach mit allen f unseren Vorstellungen verflochten wären! Durch die eigene persönliche Lage, die Eindrücke der Jugend und eine in den frühe«, sten Zeiten anerzogene Liebe zu den Religion-schriften wird der moderne Mensch so naturgemäß dazu gedrängt, den Eulturgehalt derselben abzuschätzen. Wie nahe liegt da die Anregung, die Errungenschaften späterer Jahrhunderte mit zärtlicher Berständnißinnigkeit in die bedeutungsvollen und ausdeutung-fähigen Satz/ einer früheren Literatur hineinzulesen, um so mehr, aldie Philosophie die Vermittelung der religiösen Begriffe mit de» neugewonnenen Ergebniffen des Denkenso oft übernommen hat. . Diese Anregung, bei jedem tieferen Geiste unter allen Con« fessionen gegeben, muß bei dem Juden um so eindringlicher werden, alderselbe in Folge jener unglückseligen confessionell-socialen Scheelsucht mit seiner persönlichen Ehre für seine Religion haftet. Daher wird daö Streben de- Juden, feine Religion vor der Culturwelt zu rechtfertigen, wenn es von einigem Erfolge begleitet wird, zugleiH eine That der eigenen Reinigung, der eigenen Befreiung von den unwahren und unliebsamen Elementen der „Berfluchtheit", der „Knechtschaft deS Gesetzes", der Rache, oder devon der „Religion der Menschheit" überwundenen „GlaubendeauSerwählten Volkes", audenen die Vorstellung „Judenthum" bei dem größten Theile unserer Zeitgenoffen zusammengesetzt ist. (Fortsetzung folgt.) Aualekta. I. In der Beilage zu Ben Ehananja Nr. 5.1866 ist auf ein „sehr pikante-" Briefchen au- Midr. R. zu Koheleth 2, 17 aufmerksam gemacht worden, in welchem dem Kaiser Hadrian sein Judenhaß zum Borwurf gemacht wird. „Hassest du die Beschnittenen", läßt sich der Schreiber deffelben vernehtnen, „dä giebt eja Jsmaeliten!" „Hassest du Sabbathfcierer?" „Da giebt eja die Samaritaner!" „Du haffcst also nur diese Nation, dafür wird Gott dich strafen!" Dr. Hübsch erklärt a. a. O. in geistvoller Weise den Äu-dnick womit der Briefs chreiber bezeichnet wird, indem er ihn in „Ich bin der Schalk" auflöst. Soweit reicht, waö unfern Midrasch anbelangt, die Mitcheilung im angeführten Blatte; der weitere Verlauf dieser Anekdote ist indeß noch pikanter und verdient, zumal sich ein bekannte« Seitenstück au« neuerer Zeit dazu findet, eine weitere Verbreitung. Auf die Bekanntmachung des Kaiser-, er wolle ihn belohnen, wenn er sich nenne, meldete sich der Pa-quillant. Der Kaiser gab alsbald Befehl, denselben zu enthaupten, konnte sich aber doch nicht enthalten, ihn zu ftagen, waihn zur Abfassung jener Schmähschrift bewogen habe. „Drei schwere Bekümmerniffe, von denen Du mich befreien wirst," lautete die Antwort. Bon Hadrian aufgefordert, dieselben anzugeben, erwiederte er: „Der Hunger, der mich, ineine Frau und meine Kinder plagt." „Da er ein so kümmerliche- Leben führt", äußerte der Kaiser gegen seine Schergen, „so laffet ihn frei!" Eine ähnliche Anekdote, in der allerdings ein lebensvollerer Humor zur Geltung kommt, wird auder Zeit Jacob- I. berichtet, Wo ein Parlamentsmitglied für sein im Sinne der Regierung abgegebene- Votunr 12 Gründe angeführt haben sollt „Eine Frau und 11 Kinder." 2. Auch zu der im Midr. Koh. nächstfolgenden Erzählung audem Leben Rabbi Me»r'- findet sich, und zwar in der griechischen Geschichte eine Analogie. R. Melr, ein geübter und erprobter Schreibkünstler, heißt edort, verwendete von dm 3 Selaim (ungefähr 3 Pthlr.), die er wöchentlich einnahm, einen zu seinem Unterhalte, einen zu seiner Bekleidung und einen zur Unterstützung armer Gelehrter. Seine, Schüler richteten an ihn die Frage: „Rabbi, willst Du nicht für deine Kinder sorgen?" Darauf antwortete er: „Werden sie brav sein, so verlasse ich mich auf David« Ausspruch: „Ich habe noch nie einen Tugendhastm verlassen und feint Familie Brod betteln sehen" (Ps. 37, 25); sind sie'- aber nicht, so habe ich nicht Lust; für Gottesfeinde etwaaufzufparen." Fast ebenso wird von Phocion erzählt, daß er den Gesandten de« König- Philipp, welche ihm, in deffen Aufträge, reiche Geschenke anboten und dabei auf seine arme Familie hinwiesen, die charakteristische Antwort gegeben habe: Werden meine Kinder mir gleichen, so wird da» Stück Landes, damich ernährt, auch für sie ausreichen, wo aber nicht, jo will. ich ihren Aufwand nicht auf meine Kosten unterhalten. Eger«. Skizzen neuerer Zeit, i. Sin fronlmts Haus. Mit widerstrebendem Gefühl streckte Doktor Bender seine Hand auS nach dem blanken Griff deö GlockenZugS an der Thür einestattlichen Hausein einer der elegantesten Straßen der Residenz. Zaudernd ließ tv den Arm wieder sinken und betrachtete nochmaldaschimmernde Messingschild neben dem Griff, worauf in zierlichen gothischen Lettern die Inschrift: „Isaak Bonnhcim und Comp." prangte. „Es wäre vielleicht besser, ich ließe diese« Haus unbetreten auf meinem Wege liegen, der mich doch nie wieder in diese Kreise zurückführen soll" — sprach er in Gedanken zu sich — „in diese Kreise, in denen ich mich nie heimisch fühlte, und die mir jetzt nach mehr als zehnjähriger Entfremdung schwerlich einen heitern Eindruck, geschweige eine angenehme Erinnerung für daneue Leben, dem ich entgegengehe, zurücklaffen werden." Diese Betrachtung wurde bald genug jedoch von einem mächtiger», wenn auch unbestimmten Gefühl zurückgedrängt, baden Zweifelnden beschlich, al« er sich wieder der Straße zuwendete, um davon zu gehen. Er konnte sich selbst keine Rechenschaft geben: war eö daunzerreißbare Band der Familienpietät, daih» an diese Schwelle feffelte, oder war eeine dunkle Ahnung, vielleicht doch hinter dieser verschlossenen Thüre Etwazu finden, ^waer zu suchen sich nicht getraute, jene Ahnung, die den Menschen vor dem Unbekannten, wie vor dem verschleierten Antlitz einer bezaubernden Frauengestalt, oft wunderbar ergreift und die Lust der Entdeckung anfeuert; — halb unbewußt hatte er den Klingelzug gefaßt, der Helle Ton der Hausglocke drang in fein Ohr, und schon öffnete sich von unsichtbarer Hand die Thür, in die Bender, doch nicht ohne Beklemmung, nun eintrat. Sein Auge 1