Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 7 (15.2.1867)
- Date
- 1867-02-15
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
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©ttfintr Wochenschrift für Arsche Angei egeüheitr». » suchte sogleich die ihm wohlbekannte GlaSthür des im Erdgeschoß befindlichen Comptoir-, die er jedoch zu seiner nicht geringen Ueberraschung gänzlich geschlossen fand, obwohl nach der Tage-« zeit die GeschäftSsttmde« längst begonnen haben mußten. Er stieg sodann noch halb zrrstrrut^smd mit seinen Gedanken beschäftigt, die mit Teppichen belegten-Stufen der marmornen Treppe zur Beletage hinauf, in welcher sich die Familiebwohnung des Herrn Bonnheim befand. Hm Corridor wartete ein ältlicher hagerer Mann, in einem seltsamen langen HauSrock und mit einem schwarzen Sammetkäppchen auf dem Kopf, der, auf Benders Frage, ob er dem Hausherrn aufwarten könne, ihn iu ein Empfangszimmer führte, und nachdem er sich auf einige Augenblicke entfernt hatte, mit der Eröffnung zurückkam: Herr Bonnheim fei noch iu der Synagoge, werde aber wohl in einer halben Stunde zu sprechen sein; wenn edem Herrn beliebe, so möge et hier so lange vehiehen. Bender hatte kaum Zeit sich daran zu erinnern, daß heute ein Sabbath war, denn die Erscheinung de» Alten, in dem er jetzt den guten Feibekmann Spitz, den ehemaligen Hauslehrer für da» Hebräische und Major-domuS für das religiöse Departement erkannte, weckte in ihm plötzlich längst verhallte Anklänge an die wenigen heiteren und angenehmen Beziehungen, die er vor so vielen Jahren in diesen Räumen unterhalten hatte. ES war sonderbar. Als vor wenigen Augenblicken au8 BeuderS Erinnerung die Geister dieses Hause» alle vor seine Seele getreten" waren und sie wie unfreundliche Schatten mit ihrem eisigen Hauch abstießen, — die hohle, in Acußerlichkeiten verpuppte Figur des OheimS, die unfreundlichen Bilder der eigensinnigen kleinen Bellern und Muhmen, da war die demokritische Achtgestalt des gemüthreichen wackern Feibelmann, — oder, wie er au» der uralten Zeit seiner Jeschibafahrten als „Bachur" nach seinem mährischen Geburtsort noch zuweilen von Bender vertraulich genannt wurde, de» „LeipnikerS", — ganz verdeckt gewesen. Grade ihn hatte Bender völlig vergessen, und erst als er ihn in dem Zimmer, mit der gebückten Haltung und dem etwa» blöden Blick aus den kleinen grauen Augen neben sich sah, wie er seine Hände in den wetten Aermelöffnungen seine» altmodischen —Rocke» verschränkt« und dem fremden Herrn verlegen gegenüberstand, — erst da riß die Wolkenwand in Gender's Seele, wie von einem Blitz getroffen auseinander, und unwillkürlich entfuhr ihm der freudige Aufschrei: „Wahrhaftig, da ist er noch, der alte Knabe!" Feibelmann erstaunte nicht wenig über diesen eigenthümlichen Eingang zu einer Unterhaltung zweier fremder Menschen. Er verlor indeß seine Fassung nicht, sondern sagte gutmüthig lächelnd: „Wenn man ein Knabe ist, warum soll man nicht noch da sein? „Ja, ja, daran erkenn ich Euch, alter, thalmudischer Syl« benstecher, s^Ilubsrum auceps“ — lachte Bender ihm entgegen — „Ihr aber kennt Euren Pädagoge» nicht mehr wieder, der mit Euch den Pindar „scharf" und manchen Perek Thuchdideö „cnrsorisch" durchgenommen hat." Bei diesen Worten zog e» über da» faltige verfallene Antlitz de- Alten wie eine sonnige Verklärung, die kleinen Angen öffneten sich weit und die Hände krochen au» ihrem warmen Aermelversteck hervor, um vor Verwunderung wieder in einander zu fallen. „Soll ich leben, Bender! Wahrhaftig, da» ist ja Bender! Der Alte wußte sich vor Freude kaum zu mäßigen, er schalt seine Blindheit, die ihm-den geliebten „EpikuroS," den theuern „Klassiker" — und wie die au» der Erinnerung austauchenden zärtlicheo Benennungen alle hieße«, nur einen Moment unerkannt laste« konnte. Zwischen dtu Beiden, die sich^ jetzt iu wahrer Herzenswollust nach mehr als zehnjähriger Trennung gegenüberstanden, hatte sich ehedem ein eigenthümlich innige» VerhLltuiß ausgebildet, dessen erste Fäden bis in Bender» früheste Jugendzeit zprückreichten. Al» Bender noch «in neunzähriger Knabe war, und in seiner Vaterstadt noch da» Chedar besuchte, florirte der „Leipniker" dort schon als eine hochansehnliche Kapacttät unter dew alten Stamm der eingewanderten Bachurim. Er galt nicht nur als einer der belesensten und scharfsinnigsten Thalmudisten, deren edort viele und ihm gleichstehende gab; sondem auch al» ein vorzüglicher /^Hebräer", da» heißt als ein Grammatiker und Kenner der alt- und-iieuhebräischen Literatur, die er selbst durch poetische Produktionen von einer seltenen Reinheit und Klasficität des Ausdruck» mannigfach, wenn auch nur zur Verbreitung in den nächsten Kreisen bereicherte. Ja er stand sogar in dem damals noch seltenen, und in jener Umgebung nicht unverfänglichen Ruf, im Geheimen mit deutscher und französischer Lektüre sich zu befassen, und ei» in vielen Händen umgelaufenes Fragment eine» hebräischen Drama'S „Athalia" aus der Feder des „LeipnikerS" soll, wie sich jedoch erst in später» Jahren constattren ließ, nicht» Anders als eine Übersetzung der berühmten Tragödie de» Racine gewesen sein. (Fortsetzung folgt.) t Vermischtes. Odessa. Die israelitischen Lehrer in den südöstlichen Provinzen de» Reiche» haben unter sich dieser Tage einen Unterstützungöverein für alte und dienstunfähige BerufSgenosten gebildet. Der „Hakarmel" empfiehlt diesen Verein der Wohlthätigkeit der bemittelten Glaubensgenossen jener Länder.' . Louisvillle. Die schöne Synagoge und die geräumige Schule dieser Gemeinde sind unlängst an einem Freitag Abend zwischen 1l und 12 Uhr gänzlich ein Raub des FenerS geworden. Da» Feuer brach in einem benachbarten Theater aus. Obschon die Gemeinde einen bedeutenden Verlust erlitten hat, wird sie dennoch diese Gemeinde-Anstalten bald wieder in den früheren Stand sehen können, da sie reiche Mitglieder und auch ein ansehnliche» Baarvermögen besitzt. (Hebrew Observer.) Büchertifch. Ne» erschienen Sohn, T., Die MoseSgruppe v. Rauch. Line jüd. wissensch. Kunststudic. Lpzg. I887.gr.«. 7>/,Lgr. Axenfeld, C., Mos Mendelssohn im Berhältniß zum Ehristenchum. Erlangen gr. 8. | 6 Sgr. Weiß, I. H, Studicu über di« Sprache der Mischna (in hebr. Sprache). Wim 1887. gr. 8. Bollcher, Ausführliche« Lehrbuch der hebr. Sprache, heranSg. v. vr. Ferd. Mithlau. Ersten Bande« zweite Hälfte. Lpzg. 1886. Ler. 8. 2 rhlr. so «ßr. Buplorpi, I. laxicon chaldaicnm, talmudicum et rabbiuicnm, denuo ad. et aonot. auxlt. B. Fincher. Faac. 4. Lpxg. 1867. gr. 4. 16 8gr. Ln»,, A, choldaifch»« Wlrterduch üb. die Largiunim und eiuem große» Lheil d. rabbin. Schriftthum«. 8 Lfg. Lpzg. 1867. gr. 4. 1 Thlr. Iranket, I., Hodogetik in die Mischna. Zusätze u. Reg. zu: Einl. 'in d. Mischna. (Tqtt hebr.) Lpzg. 1867.'gr. 8. 10 Egr. Berichtigung: In Rr. 6, V. 47, Z. >3 v. ob. lie* „ein für}«« Sehet" st. „ein lange«."