Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 7 (15.2.1867)
- Date
- 1867-02-15
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4889892-5434108-5434217--075-4889954- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
52 $it Gegenwart. werden, zu glauben, daß solche Vorfälle, wie der von Ihnen gerügte, hier unerhört oder gar unmöglich seien. E» ist aber noch nicht so lange her, daß wir Sehnliche» zu beklagen hatten. Br. Heinrich Heine unL da» Indenthum. (Fortsetzung z» €>. 38.) Wir haben in den früheren Betrachtungen den Einfluß de» PanlheiSmuS auf die Heine'sche Weltanschauung nachzuweisen unternommen und glauben gezeigt zu haben, daß die drei Fundamentalgedanken seine» sogenannten Hellenismus, der Glaube an den Fortschritt der Menschheit, an die Gleichberechtigung aller Menschen zu allen irdischen Freuden und Genüssen und an die Ebenwürdigkeit der Materie durchaus pantheiftischen Ursprung» sind. Bei dem dritten Element hat sich der bestimmende Einfluß de«'spinozistischen Gedankens am entschiedensten darlegen lassen, weil denselben nur insoweit auch nur gedankliche Geltung eingeräumt worden ist, alS der idealistische EpinoziSmuS diese ver« stattet. Wer sich nun hierdurch zu der Meinung verleiten ließe, haß Heine den spinozistischen Gedanken nqch seinem vollen Inhalte in sich ausgenommen und auSgebildet hätte, der würde die Natur des Heine'fchen Geiste» verkennen. Heine ist nicht Pantheist oder Epinozift im Sinne eines unbedingten Anhängers des spinozistischen System». „Ich werde, sagt er einmal in seinem Buche „zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland", in der Folge weniger da- System als vielmehr die Anschauungsweise des-Spinoza mit dem Namen Pantheismus bezeichnen." Er bekennt sich zur spinozistischen Anschauungsweise, nicht aber zu dem geschlossene» System jenes großen Philosophen, von dem u»ser Lessing sagt: „ES giebt keine andere Philosophie alS die Philosophie deS Spinoza." Und wie hätte der von den verschiedensten Gedankenrichtungen angeregte Heine bei der Doppelnatur seines Wesens, dem „der andere Trieb" in reichem Maße beigemischt war, auf die strenge, keusche, vor keiner Consequenz zurückschrcckende Denkweise des Mannes sich beschränken können, der seine Philosophie zugleich gelebt hat. „Im Haag führte er ein' Leben, für welches die Geschichte der Philosophie kein zweites Beispiel finden dürfte, ausgezeichnet durch Mäßigkeit, frei von allem Durst nach Ruhm und Habe, geschmückt mit allen Tugenden, welche daS Leben des Menschen nur zieren können." Heinrich Heine, der Romantiker, der Zeitgenosse SchellingS, deö philosophischen Protcuö, der Schüler Hegels, konnte nicht von einem System sich ganz und gar ausfüllen lassen, das der Geist der Logik zufammengefügt hat vom ersten'Axiom bi« zum letzten Lehnsatze. Nun so ist, wird man sagen, unsere ganze Entwicklung auf Sand gebaut! Konnte Heine überhaupt nicht der Anhänger eines Systems sein, so schrumpft der vielbesprochene Einfluß des Spinoziömus auf die losesten Anregungen zusammen, denen man nicht die Form einer kulturgeschichtlichen Einwirkung geben darf! Dieses Schluß scheint so natürlich und doch ist er von Grund aus falsch. Je schroffer wir die Verschiedenheit in der Anlage beider Geister fassen, je schärfer wir die Unähnlichkeit ist den literarischen Leistungen markiren, desto sicherer und bestimmter befestigt sich in unü der Gedanke, daß Heine der spinozistischen Anschauungsweise von Natur verwandt war und in gleichgeartetem Geistesstreben derselben sich hingegeben hat. Ja selbst die ganz verschiedene Lebensweise beweist nicht eine principielle Verschiedenheit der Lebensanschauung. Im Jahre 182h schreibt er an seinen Freund Mose» Moser: „Im Grunde sind ich und Göthe zwei Naturen, die sich in ihrer Heterogeneität abstoßen, müffen. Er ist von Hau» au» eia leichter Lebemensch, dem der Lebensgenuß das Höchste, und der da» Leben für und in der Idee wohl zuweilen fühlt und ahnt, und in Gedichten ausspricht, aber nie tief begriffen und noch weniger gelebt hat. Ich hingegen bin von Hau« au« ein Schwärmer, di h. bi» zur Aufopferung begeistert für die Idee und immer gedrängt, in dieselbe mich zu versenken, dage. gen aber habe ich den Lebensgenuß begriffen und Gefallen daran gefunden und nun ist in mir der große Kampf zwischen meiner klaren Vernünftigkeit, die den Lebensgenuß billigt und alle aufopfernde Begeisterung al» etwa« ThörichteS ablehnt und zwischen meiner schwärmerischen Neigung, die oft unversehens aufschießt und mich gewaltsam ergreift und mich vielleicht einst wieder in ihr uralte« Reich hinabzieht, wenn e« nicht bester ist zu sagen: hinaufzieht; denn eS ist noch die große Frage, ob der Schwärmer, der selbst sein Leben für die Idee hingiebt, nicht in Einem Moment mehr und glücklicher lebt, als Herr von Göthe während feine» ganzen sechöund« siebzigjährigen egoistisch behaglichen Lebens." So spricht der genußselige Heine in seinem sechsundzwanzigsten Lebensjahre. So beurtheilt er damals schon den großen Gvthe in ganz derselben Weise, wie er später in der „romantischen Schnle" dessen Bedeutung schildert. Wer hier nicht.den Monotheisten heran» hört, wer in diesem unvertilgbaren Judenthum nicht den letzten Grund für den wunderbaren Haß sowohl Heine'S als Börne'S 'gegen den weitaus größeren Göthe erkenüt, der — nun der muß sich bequemen, in einer allgemeinen psychologischen Entwickelung den Gebanken sich zugänglich zu machen, daß man von einer Vorstellung beeinflußt werden kann, ohne daß diese Vorstellung nach ihrem vollem Inhalte in das Bewußtsein eindringt. Entwickelungen solcher Art inüffen wir freilich an dieser Stelle zurückvrän« gen; eine kurze Andeutung wolle uns jedoch der einsichtige Leser gestatten. Die Vorstellungen wirken niemals isolirt im menschlichen Geiste. Sie entstehen auö- und durcheinander, laufen in einander ab, verflechten sich unter einander und verschmelzen bald völlig, bald nur theilweise mit einander. „Zwar ist'S mit der Gedanken- Fabrik wie mit einem Weber-Meisterstück, wo ein Tritt tausend Fäden regt, die Schifflein herüber, hinüber schieße», die Fäden ungesehen fließen, Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt." Darum kann eine bestimmte Vorstellung eine lange Zeit hindurch, oft daS ganze Leben lang eine alle andern Gedanken beherrschende Macht in unserem Bewußtseick behaupten, ohne daß sie nach ihrem vollen Inhalte dasselbe erfüllen müßte. Jede Vorstellung besteht au» vielen Elementen. Wenn wir die Vorstellung von einem Tische bilden, so denken wir wohl niemals alle diejenigen Elemente zu gleicher Zeit zusammen, aus denen dieselbe besteht oder schon bestanden hat. Bald tritt die Größe de» Tisches in den Vordergrund des Bewußtsein», bald seine Farbe, bald die geliebte Person, die daran arbeitet. Alle diese Elemente müffen nun nicht ins Bewußtsein eintreten, um die bestimmende Macht einer Vorstellung zu begründen; oft genügt ein einzelnes Element derselben ihr diese» Uebergewicht zu geben und für die Dauer zu erhalten. Wie wenige Menschen besitzen eine hell und frei entwickelte Vorstellung von dem was sie Gott neunen! Der Inhalt dieser Vorstellung kann die unbezwingbare Macht derselben durchaus nicht bedingen; denn die Elemente derselben sind ja nicht nach ihrer vollen Ausbreitung entfaltet. Oft ist nur ein einzige« Moment derselben, etwa der strafende Gott, der belohnende Gott, der liebende Gott, auf die Schwelle de» Bewußtsein» getreten;