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Die Gegenwart · 1867-02-15 · 7 (15.2.1867) · p. Seite 51

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
7 (15.2.1867)
Date
1867-02-15
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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Berlin« Wochenschrift sftr Jüdische Sngelegenheilen. bl Zeit"' stößt überall in'« Nachtwächterhorn, xoo t9 gilt, ein Stück Mittelalter zu conserviren oder e« von Neuem zu gewinnen. Der Ruf,cha« ganze Mittelalter soll e« sein" hat für die Ohren eine« Senft.Pilsach, eine« Kleist-Retzow und Genossen einm größern Zauber, als die gleichlautende Formel für da» deutsche Ba. terland, und dazu gehört der Judenhaß nicht minder al« die an« deren Vorrechte und Privilegien, die Stück für Stück zu zerbrökkein drohen. Da« gehört zum System und ist durch die Eonfe« quen; geboten. Edarf daher nicht Wunder nehmen, wenn ein ängstlich besorgte» Landrathherz in Schlesien den Insassen seine- -reise« zu Gemüthe führt, wie e« so wenig christlich von ihnen wäre, einen Juden zum Bettreter in'« Parlament zu schicken Da« ist die alte Melodie, die Herren bleiben ihr ewig treu. Ganz Zander« aber stellt sich die Sache, avenn auch die sogenannten Liberalen in diese« Geschrei mit einstimmen. Wenn ein Berliner Blatt, da« vorgeblich unter der Aegide der Freiheit für die Freiheitsideen kämpft, confefstonellen Hetzereien seine Spalten öffnet, wenn e« nicht blo« in seinem Schweife, den „Eingesandts", sondern auch in seinem Kopf- und Leitartikel diese Schlangenfarben wieder hervorkehrt, dann gebietet e« die Pflicht, diese Schmach von den deutschen Freiheitsbestrebungen mit Entrüstung abzuweisen. ES ist eine engherzige Insinuation, daß die Juden bei den Wahlen die Rücksicht auf den Glaubenögenoffen walten lassen! Für dumm pflegt man die Juden nicht zu halten, und fiir so dumm hält selbst die „Boffische Zeitung" sie nicht, daß sie noch nicht wiffen sollten, wie die ihnen noch verkürzten Rechte, die ihnen noch vorenthaltene Freiheit und Gleichheit nur durch die allgemeine Waht und die allgemeine Bürgerfleiheit erfochten werden > köünen. Für sie kämpft Waldeck und Schulze,Delitzsch mit demselben Eifer, wie LaSker und Kosch, auch da, wo von dem Judenrechte gar nicht die Rede ist., Sie wollen und brauchen daher keinen besonderen Fürsprecher für sich, sie wollen und wählen Zeinen Mann, der für gleiche« Menschenrecht und gleiche Bürgerfreiheit daS rechte Herz und das rechte Wort hat. C« soll und darf bei den Wahlen nicht Juden und nicht Christen geben, Alle sind sie Deutsche, die nach den gemeinsamen Zielen mit vereinten Kräften streben. Wer den ConfessionShaß wieder anstachelt, oder wer au« unlauteren persönlichen Motiven ihn als Wahlmanöver in Anwendung bringt, der schädigt das deutsche Vaterland, beschimpft den deutschen Namep, hemmt Fortschritt und Kultur nnd versündigt sich an dem lichten Geiste, den vor Hundert Jahren Lessing der deutschen Nation vom Gotte der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Liebe gebracht hat. — st — k Görlitz, den 8. Februar. Wir können nicht umhin, trotzdem politische Wahlen Ihr Programm nicht berühren, ein Pröbchen von der Agitation zu geben, die angewandt wurde, um „Regierungs-Kandidaten" bei der am vergangenen Dienstag vollzogenen Abgeordneten-Wahl zum Norddeutschen Parlamente durchzubringen. — Im Kreise Waldenburg war der Lommerzienrath Leonor Reichenheim von liberaler Seite als Kandidat ausgestellt. Dagegen hatte nun IHerr Freiherr v. Zedlitz-Neukirch, königlicher Rittmeister und Landrathamtsverweser eine Wahlproclamation erlassen, in der er den Rechtsanwalt v. Ehappiu« als Abgeordneten empfiehlt und in welcher er sich, nm kein Mittel zu versäumen, da« ihm nützen könnte, endlich zu folgendem Satze versteigt: „Allerding« sind die politischen Rechte nach der Brrfaffung vom religiösen Bekenntniffe unabhängig, dennoch würde e« meine« Erachtens einen eigenthümlichen Eindruck machen, wenn der Waldenburger Krei« — der mit geringer Ausnahme au« christlichen Bewohnern besteht — auch diesmal (Reichenheim vertritt bekanntlich im Abgeordneten- I, Hause den Waldenburger Krei«. >. d. Red.), wo er für sich allein einen einzigen Abgeordneten zu wählen hat, sich dazu Herbeilaffen wollte, auf dem norddeutschen Reichstage sich durch eine» Abgeordntten mosaischer Eonfession vertreten zu (affen. Der Lommerzienrath Reichenheim ist Israelit, Herr v. Lhappuis ist Lhttst." Unseres Wiffen« ist da« der erste amtliche Wahlaufruf, in welchem ausdrücklich die konfessionellen Berhältniffe mit in den Kampf der Patteien hineingettffen wurden. Köln. 30. Januar. Die Kölner iSraelittsche Gemeinde hat sich in den letzten Jahren durch den vielfach bethätigten Wohl» thätigkeitSsinn ihrer Mitglieder ausgezeichnet. Die Gründung der hiesigen Synagoge und mancher anderen Anstalten legt davon Zeugniß ab. Wir können abermals eine von regem WohlthätigkeitSsinne zeugende Stiftung mittheilen. Die Herren Banquier« Eitzbacher Hierselbst haben ei» sehr bedeutendes Kapital zur Gründung eines israelitischen Asyls für Arme, Kranke und Hülflofe bestimmt, für welche Anstalt die Rechte einer moralischen Person nachgesucht werden sollen und hoffentlich auch bewilligt werden. Die Hausordnung de« Asyl« wird, so weit dies erforderlich, den Vorschriften de« israelitischen LultuS entsprechen; dagegen ist eS der ausdrückliche Wille der Stifter, daß Hülfsbedürstige aller Confefsionen darin Aufnahme finden sollen. R. München, 28. Januar. Nach dem Vorgänge der an daS Preußische Abgeordnetenhaus gerichteten Petitionen agitirt man auch in Baiern für eine Petition, die an die Staatsregierung gerichtet werden, und für die Aufhebung der Ausnahmsgesetze, die in der bairischen Gewerbeordnung noch für die Jude» bestehen, für die Ausführung des §. 5. Tit. IV. der Verfassung (die Anstellungöfähigkeit eine« jepen Baiern) und für Beseitigung de« JudeneideS plaidiren soll. /Die Anregung dazu geht vom Rabbiner Or. Fürst in Bayreuth auS. Wien, den 10. Febr. Auch wir schreiten vorwärts. Im Dezember fand im Tempel der inneren Stadt eine Todtenfeier für die gefallenen jüdischen Soldaten statt, bei der sich die hohen Militär- und Civil-Würdenträgcr sehr zahlreich betheiligten. Der städtische Gemeinderath ist im Begriff, einen gemeinsamen, bloS in drei Abtheilungen gesonderten Friekhof für Katholiken, Protestanten und Juden anzulege». DaS sind doch unverkennbare Zeichen der Gleichberechtigung todter Iuven? Aber auch den Lebenden soll, wie eS scheint, ihr Recht werden. DaS neue Wehrgesetz will den RabbinatS.Candidatcn dieselben Vergünstigungen zugestehen, wie den christlichen Theologen, betrachtet jedoch als „ächte" RabbinatS-Candidaten nur die Zöglinge der „Preßburger Ieschibah." Sie können sich denken, daß in unserer Gemeinde eine nicht geringe Auflegung darüber herrscht, denn die meisten jüngeren Rabbiner Oesterreich- Haben in Wien, Berlin, Breslau oder Würzburg ihre wissenschaftliche Ausbildung erlangt, und nur eine Specialität, nur ein ganz besondere- Format von jungen Rabbinern trägt den Stempel „Preßburg". Hoffentlich werden sich die hiesigen Juden bemühe», das neue Wehrgesetz nicht zum Privilegium einer Partei oder gar nur einer Stadt werden zu lassen. Ihre Berichte über den Skandal in der neuen Synagoge zu Berlin hat un«, unsere „Wiener Neuzeit" in ausführlichem wörtlichem Abdruck vorgeführt"). Sie könnten dadurch versucht *) Die ,Mcner Neuzeit" hat jedoch vergessen, ihre Quelle anzugeben, Anm. d. Red. 7-

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