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Die Gegenwart · 1867-02-15 · 7 (15.2.1867) · p. Seite 50

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
7 (15.2.1867)
Date
1867-02-15
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 i Die Oegmwart. '■/- I aber auch die einzig« gegenwärtig noch bestehende gefetzkch» Be. schränkung; die s. g. Praxis indessen schließt die Juden in Hsnnover bisher von allen StaatSZmtern und OfficierSgraden au». Dagegen erfreut sich da» EultuS- und Schulwesen der Juden gleichwie in Nassau einer besonderen Begünstigung Seiten« de- Staat», auf welchen Gegenstand jedoch hier nicht weiter eiugegangen werden kann. Der Eid chvrs zuäaicv ist in Hannover seit 1850 beseitigt. ' In Holstein gelangten die Juden erst in Folge de» Gesetzes vom 14. Juli 1863 au» dem mittelaltrigen RechtSzustande zu einer fast vollkommenen Gleichstellung. Sie sind nur ausgeschlossen von Anstellung an „christlichen Volksschulen", dagegen zum Richteramte befähigt (nur daß ein Christ für die EideSabnahme die Substituirung eine» christlichen Richters verlangen darf), und müsien das Patronatsrecht durch Stellvertreter auSüben. Ueber Wahlfähigkeit zu den Landstanden, zu welcher §. 20. der Verfassung vom 11. Juni 1854 christliches Bekenntniß erfordert, sagt da» Gesetz nichts. In Schleswig sollen ähnliche Bestimmungen gelten. ' /- Uebrr den RechtSzustand der Juden in den an Preußen abgetretenen ehemals großherzoglich hessischen LandeStheilen verweisen wir auf da» weiter unten (bei Heffendarmstadt) Gesagte; in Betreff der ehemals bairischen Distrikte bedarf eS füglich keiner AuSeinanbersetzung.*) Die in den annektirten LandeStheilen des Preußischen Staates noch bestehenden Beschränkungen der Juden in bürgerlicher u»d. staatsbürgerlicher Beziehung treten mit Einführung der Preußischen Verfassungs-Urkunde, also überall mit dem 1. Oktober 1867, außer Kraft. ES muß aber auch andrerseits von der Preußischen Regierung erwartet werden, daß sie die thatsächlichen Begünstigungen, welche die Juden in den neu erworbenen Provinzen vor ihren Glaubensgenossen in den übrigen Preußischen LandeStheilen bereits erlangt haben — Begünstigungen, welche keine Privilegien sondern nur ein Ausfluß der gesetzlichen Gleichstellung sind, — alö erworbene Rechte achten und schützen wird. Dies gilt auch namentlich von dem Judeneide, dessen Wiedereinführung da, wo er abgcschafft ist, eine nicht zu rechtfertigende Maßregel wäre, sowie von dem besonderen Schutze, welchen die Religion-- und EultuS-Angelegenheiten der Juden in Hannover und Nassau genießen, Möge sich da» Schauspiel nicht wiederholen, welches Preußen schon einmal vor Europa aufgeführt hat, daß die jüdischen Einwohner eroberter und wiedereroberter Länder der ihnen vor der Bereinigung resp. Wiedervereinigung zugestandenen Rechte beraubt wurden! Die Inden der preußischen Rheinprovinz uud eines TheilS de» Regierungsbezirk« Münster kamen im Jahre 1814 als vollständig emancipirte französische Bürger unter preußische Herrschaft. Nichtsdestoweniger und ungeachtet da» Königliche Manifest vom 5. April 1815 alle Einwohner dieser LandeStheile als Preußen in den Staatsverband ausgenommen hatte, wurden die Inden de» ehemaligen kaiserlich-französischen Judenbezirk» fast allen denjcnsgen Beschränkungen unterworfen, welche die altländischen Juden in Preußen ertragen mußten. Dieses Verfahren wurde sogar fortgesetzt, nachdem die Allerhöchste EabinetSordre vom 8. August 1830 (G.-S. 1830. S. 116) ausdrücklich befohlen hatte, daß „in Hinsicht der Verhällniffe der Judm lediglich nach denjenigen Vorschriften geachtet werden solle, *) Die Recht-vrrhLlmsse der Juden in Baiern sind sehr complicirt. Bg>. Dr. Gotthels: Hifionsch-dramaNsch« Darstellung der rechtlichen Verhält nissc der Juden in Baier». München 18M. welche bei Besitznahme;, dieser Provinzen, al« darin gesetzlich beste» hend, vorgestmden wMe« ftnb/*) Wir haben zu der gegenwärtigen preußischen Regierung das Vertrauen, daß sie den Preußischen Staat vor einer zweiten Auflage solcher Ungerechtigkeiten im Angesichte von Europa bewahren, und de- Preußischen Wahlspruchs „auum cuique“ eingedetik bleiben werde; wir hoffe« aber auch, daß die Juden de» Preußen» von 1815 nicht schlechter . geachtet werden mögen, als die des Preußens von 1866, wir erwarten, daß die Juden, welche zur Vergrößerung de» Preußischen Staate» mitgeholfen haben, ihren Glaubensgenossen in den eroberten Ländern nicht nachgesetzt werden, daß die Sieger nicht hinter die „Besiegten" zurücktreten Müssen! \ * Berlin, den 12. Febr. Nach dem Schluffe unserer letzten Nummer erhielten wir auf telegraphischem Wege die Trauerkunde von dem am 6. Fdbr. Abends erfolgten Hinscheiden unsere» berühmten LandSyranneS und Glaubensgenossen Salomo« Muok, Akademiker Professor am College de France und früher EustoS der kaiserlichen Bibliothek in Paris. Er war am 14. Mai 1802 in Glogau geboren. Wenige Worte reichen nicht hin, um unfern Lesern daS Leben und Wirken diese»'Märtyrers der Wissenschaft vorzuführen. - Wir werden daher in einer der nächsten Nummern Munks edlem Geiste einen ausführlichen Nekrolog widmen. § Berlin, den 13. Februar. „Wächter, was ist von der Nacht? Wächter, waö ist von der Nacht! Angebrochen ist der Morgen zwar, Aber noch krächzt die nächtliche Schaar!" Das alte Prophetenwort ruft wieder zur Wachsamkeit und zur Abwehr auf. Wann und wo die Lüge deö Mittelalter», wenn auch nur versteckt ihr Haupt erhebt, wann und wo da» Eulen- \ geächze au« jener Finsterniß sich an das Licht der Neuzeit wagt, da ist es Pflicht, solch lästerliche Versuche vor aller Welt zu geißeln und mit den Waffen der schwer errungenen Kultur niederzuwerfen. DaS Mittelalter mit all seinen künstlichen Scheidungen und Spaltungen, die hauptsächlich sein weltumspannender Kirchenarm unter die Menschen gebracht hat, da« soll und muß für immer gebrochen sein und gebrochen bleiben. ES hat genug Blut gekostet und mehr noch der edelsten und der schwersten Geistesarbeit, die alten Zwingburgen niederzureißen; um so mehr ist eö die Schuldigkeit derer, denen die Arbeit zu Gute kommen soll, gewiffenhaft über daS Errungene zu wachen, und e» mit allen- Kräften zu vertheidigen. Ihr geschätzte» Blatt, die „Gegenwart", steht mit seinem Namen dafür ein, daß eS gegen die gemeinschädlichen Nachzügler jener zum Theil glücklich überwundenen Vergangenheit den Kampf muthig führen avird. „Ich habe dich zum Wächter gestellt mitten unter die Völker", daß die Völker, und so weit eS ihre fpeciellere Aufgabe betrifft, die Eonfessionen nicht wieder durch Bosheit, Lüge oder Unkultur und auch nur durch Mißverstand auseinander gerissen werden. Die vorstehenden Bemerkungen sind durch die Gehässigkeiten veranlaßt, die neuerlich wieder gegen die Juden gelegentlich der Parlamentswahlen hie und da hervorgetreten sind. So lange dies nur im Lager der Reaktion geschieht, darf e» unbeachtet und ungezüchtigt hiugehen. Die Sehnsucht nach der „guten allen •) S. Freund, zur Judeufra-e i» Deutschland, 184« S. 31 ff.

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