Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 6 (8.2.1867)
- Date
- 1867-02-08
- Page
- Seite 44 (sequence 4)
- Language
- German
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44 Dir Segevvart.^ 1863 1864 1865 Gymnasium St. Elisabet. 698 Schüler 285 Juden 736 „ 205 „ 738 „ 302 „ Gym. St. Maria-Magdalena. 889 Schüler 101 Judm 975 „ 120 ,, 1000 „ 135 „! 1863 Friedrichsgymnasium. * 331 Schüler 125 Juden St. MatthiaS-Gymnas. (katholisch.) 665 Schüler 48 Juden 1864 296 „ 112 „ 661 „ 55 „ 1865 326 „ 145 „ 707 63 „ 1863 Privatschulen. (16) 2167 Schüler 348 Inden Jüdische Schulen. l 231 Juden (4) 236 „! 245 „ 1864 (19) 2296 ,. 388 „ 1865 (17) 2209 „ 416 „ In den beiden städtischen höheren Töchterschulen befanden sich 1863/64 unter 785 Schülerinnen 298 jüdische und 1864/66 unter 882 Schülerinnen 319 jüdische. — Im Jabre 1865 befanden sich in allen öffentlichen Schulen 17,691 Schüler, darunter 1344 jüdische; in allen Privatschulen 3795 Schüler, darunter 809 jüdische. Gesammtzahl der jüdischen Schüler 2153. Die Zahl der schulpflichtigen jüdischen Kinder betrug 1864 im Ganzen 1898. — Das auffallend günstige Theilnahmeverhältniß erklärt sich hinlänglich eines TheilS durch die bessere sociale und gewerbliche Stellung der jüdischen Einwohner, andern TheilS durch daS löbliche Streben auch der Aermeren, ihren Kindern eine gute Erziehung zu geben. Charakteristisch für Breslau ist aber die so äußerst geringe Zahl (4) von konfessionell-jüdischen Schulen, mit zusammen 245 Zöglingen. Schon die 1848 eingegangene WilhclmSschule hatte keinen gedeihlichen Boden; andere seitdem entstandene, ausschließlich der Elementarsphäre angehörende Institute bringen cS gleichfalls zu keiner Blüthe. Der ParticulariSmuS auf diesem Gebiete ist hier so gut wie vernichket. — — Den 5, Februar. , Zn Nr. 1 Ihrer Zeitung besprachen Sie die Nothwendigkeit einer größeren Bibliothek für die Berliner Gemeinde. Ich bin der Ansicht, daß auch in dieser Frage, wie in der Seminar-Angelegenheit, in der hiesigen Gemeinde sich der Präcedenzfall befindet, nach welchem man sich, positiv oder negativ; immer wird richten müssen. Wir sind schon eine Reihe von Jahren hindurch im Besitze einer stattliche» Gemeinde-Bibliothek, die wegen der bedeutenden Dienste, die sie der Wissenschaft leistet, miscrcr Gemeinde Ehre macht. CustoS der Bibliothek ist (der durch seine phönizischen Studien berühmte Prof.) M. A. Lcvy. Ich hoffe, Ihnen bald Näheres mittheilen zu können. — lieber die Nothwendigkeit einer Gemeindebibliothek für.cilic größere Gemeinde läßt sich sehr viel sagen. Gewiß aber kann diese Nothwendigkeit nicht schlagender nachgewicsen, nicht beredter und schöner aüöcinandergesctzt werden, alS es in der nachfolgenden Ansprache geschieht, die Geiger, als er die hiesige Biblothek gründete, an die Gemeinde gerichtet hat. (In der That trifft Geiger'hier, wie so oft, den Nagel sv gründlich auf. den Kopf, daß wir uns nicht versagen können, die prächtige Rede hier wiederzugeben. D. Red.) „Als der Khalif Omar Alexandrien erobert, soll er die dortige reiche Bibliothek mit den Worten verbrannt haben: Wenn ste nichts Anderes enthält als was der Koran mittheilt, so ist sie überflüssig, enthält sic Anderes, so ist sie verderblich. Wie so manche Sage, bezeichnet auch diese treffend die innerste Gesinnung des Volkes, an das sie sich lehnt. Der Islam hatte seinem imiersten Grunde nach keine Achtung für die Wiffenschaft; er war eine Religion der stünnischen Thal, und ist ihm die /- Kraft dazu erloschen, so verfällt er in Stumpfsinn > die Me, langsame Gedankenarbeit liegt ihm fern. WaS er für die Wissenschaft that, bestand darin, daßer, wie ehedem das Römerthum, die beretts früher gewonnenen und von ihm äußerlich aufgenommenen Resultate weithin ^ug, soweit sein Schwert erobernd die Völker niedcrwarf; zu einer selbstständigen Vertiefung und Entwickelung der Wissenschaft gelangte er niemals. — Anders Judenthum und Christenthuck. Der Koran selbst nennt deren Bekenner „die Männer des Buche-;" das Buch, die Bibel, war ihre Waffe und ihre Fahne, und namentlich da- Judenthum ist seiner Mission nie untreu geworden. In immer frischer geistiger Thäsigkeit wußte eS an daüberkommene heilige Buch, das sich ihm nie entfremdete, neue Erzeugniffe emsigen Forscherfleißes von verschiedenem Werthe zu schlingen, in der ewigen Jugend de- Geistes besteht seine Kraft, in den^hatsachen dieses Geiste-, seiner Literatur, seine Geschichte und zugleich der Fruchtkeim für die Blüthe der Zukunft. Dem geistlichen Stande als solchem ließ man, soweit man überhaupt einen solchen im Iudenthum anerkannte, seinen Einfluß; den eigentlichen Adel jedoch bildeten die Gelehrten. Alle Völker und Religionen haben, wenn sic auch mächtige Staaten und zahlreiche Kirchengeseüschaften bildeir, in ihrer Literatur die sicherste Bürgschaft ihrer Dauer und ihre« nachhaltigen, auch nach Außen hin wirksamen Einflusses, weil sich in ihr der Quellpunkt ihres ursprünglichen Lebenoffenbart, weil sie Zeug» niß giebt von der schöpferischen Kraft ihres Geistes. Das Judenthum, das weder einen Staat noch eine mächtige Kirche hat, aber hohe- Alter, unverwüstliche Selbstständigkeit bei weitester Ausbreitung und reiches Schriftthum, anuß diesen einzigen, aber vollgültigen Zeugen um so höher ehren. Achtung für die Literatur heißt aber nicht: jedes alte Buch als heilig, feinen Inhalt als verbindlich erklären, wobei man dann Schriften, die aus dem gewöhnlichen Geleise herauSgehcn, wenn auch nicht mit Omar verbrennt, doch verdammt, wie dies in trüben Zeiten geschieht. Und ebensowenig ist darunter zu verstehen daS einseitige Aufsuchen solcher Werke der Vorzeit, die den Anforderungen der Gegenwart mehr entsprechen, mit geringschätziger Verwerfung alles dessen, was akS überlebt erscheint. Achtung für die Literatur ist die fteudige Anerkennung, daß der Geist zu allen Zeiten nicht gerastet, wenn auch eine jede Zeit ihm ihr eigenthümlicheS Gepräge aufgedrückt, die Theilnahme, mit der daS geistige Leben auf allen seinen Entwicklungsstufen verfolgt, während der weiteren Entwickelung vollster Raum gegönnt wird. Völker und Religionen, bic' ihren Schwerpunkt in der Ent- -faltung ihres Geistes, in ihrer literarischen Bewegung haben, bieten sicherere Bürgschaften für ihre Zukunft als andere, die in der einheitlich stryffcn Macht gefestigt sind. Seitdem das Iudenthum wieder in innige Wechselwirkung getreten ist zu den gebildeten Völkern, seitdem die Juden selbst sich nicht mehr als Fremdlinge im Vaterlande betrachten, vielmehr als volle eingelebte Bürger des Maates, und auch die erleuchtete , Gesinnung der Völker sich dieser Auffassung zuneigt, ist daS Bestreben immer nachdrücklicher ausgetreten, ihnen alle Rechte zu verschaffen, deren sich die anderen Bürger deS Staates erfreuen. Dieser Kampf — denn ein solcher ist es noch vielfach — ist ein berechtigter und niuß siegreich durchgcführt werden. Die Zuversicht zum Siege findet jedoch ihre volle Gewähr erst in dem Vertrauen zum selbsteignen Geiste, in der Ueberzeugung, daß da-Audenthnm eine geisttge Macht ^st, der der volle Einfluß auf die geschichtliche Entwickelung der Menschheit nicht verkümmert1 werden darf.