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Die Gegenwart · 1867-02-01 · 5 (1.2.1867) · p. Seite 37

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
5 (1.2.1867)
Date
1867-02-01
Page
Seite 37 (sequence 5)
Language
German
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37 Seltner Wochenschrift fftr aus on/fonbem wie ein naturwissenschaftlicher Pantheist, ihm galt jede- Ding gleich werthig, weil und sofern eS besteht, sei e» räumlich oder im menschlichen Denken. Da» natürliche Dasein war das Privilegium der Göttlichkeit. Daher wollte er in der Kunst von keinem höheren Zwecke wiffeir: werde ja doch in dem Weltbau selbst ein solcher nicht offenbar. Die sittlichen Anschauungen seien wandelbar,^ wie die religiösen. Wa» in Griechenland Ideal der Schönhest war, da» sei im christlichen Europa teuflisch: „keusche Mönche haben der antiken BenuS eine Schürze vorgebunden." Hierin zeige sich am deutlichsten die Hinfälligkeit aller moralischen' Aunstprincipien, wie die Unzuverlässigkeit aller Ideen und Zwecke, die iu die Welt hineingegrübelt werden. Cbenso wir das, waS ist, werth ist, daß es zu Grunde geht, so ist eS auch werth, daß es seine Zeit dauert, und hat gleichen Anspruch auf Verewigung in der Kunst. Da» ist der conseauente naturwissenschaftliche, der polytheistische Pantheismus, den der große Heide Göthe hatte. Vor diesen Consequenzen schrickt Heine mit dem angeborenen GefühldeS monotheistischen jüdischenPantheiSmu» zurück. Schon im Jahre 1836 spricht er sich in der romantischen Schule gegen diese Art objektiver Dichtung und Anschauung au»: „Indem die, Götheaner von solcher Ansicht auSgehen, betrachten sie die Kunst als eine unabhängige zweite Welt, die sie so hoch stellen, daß alles Treiben der Menschen, ihre Religion und chre Moral, wechselnd und"wandelbar unter ihr hin sich bewegt. Ich kann aber dieser Ansicht nicht unbedingt huldigen; die Götheaner ließen sich dadurch verleiten die Kunst selbst als das Höchste zu prcklamiren, und von den Ansprüchen jener ersten wirklichen Welt, welcher doch der Vorrang gebührt, sich abzuwenden.". Bon diesem Gesichtspunkte ans beurtheilt er den bis auf unsere heutigen Gesellschaften vererbten Streit, ob Schiller oder Göthe größer sei, und erkennt in der Zeit der verketzernde,'. Schwärmerei für Göthe deffen Schranken, oder richtiger dessen Grenzen, deffen Natur. „Freilich auch Göthe besang einige große Emancip ationSgeschichten,! aber er sang sie als Artist." DaS ist ein überaus wichtiger Gedankengang, der von der höchsten Bedeutung für das Berständniß des Heine'schen Geistes ist. Wer diese kurze Auseinandersetzung über Heine's Stellung zur Kunst, die ihrer Tragweite gemäß viel ausführlicher, viel eingehender hätte sein sollen, für eine ungehörig^ Abschweifung hält, der hat nicht begriffen, wie man von allen Seiten die Gedanken eines Mannes Zusammentragen muß, den man so recht aus dem Herzen erkennen will. Zumal nun, was ein Dichter über das Wesen, über die Bedeutung und Aufgabe der Dichtung gedacht. Es ist wahrlich Nicht» auffälliger, verwunderlicher in den mannigfach verschlungenen Heine'schen Gedanken, als diese Beürtheilung des absoluten Kunst-EnthusiaSmuS. Derselbe Mann, der für die Ebenwürdigkeit der Materie streitet, empört sich gegen den Mann, in dem dieser Gedanke sowohl in seiner Anschauung vom Leben, als in seinem künstlerischen Wirken' zur schonungslosen Durchführung kommt. Setzt Heine nicht hier ein Höheres über die Materie, nach deffen Darstellung in je höherem Grade die verschiedenen Dinge hindrängen? Wandelt ihn hier nicht ein Gefühl de» Spiritualismus an? Ist er hier nicht der reine „Nazarener"? Wenn wir später sehen werden, wie er seinen Hellenismus offen zu Grabe trägt und ihm in seinen „Geständniffen" die Leichenrede hält, so ist e» wohlfeil zu sagen, diese Geständnisse feiert^ die verzweifelten Nachtgesichter des kranken, hinsterbenden Dichter», die er ohne literarische Dispositionsfähigkeit schaut und autzlege. Jüdische Angelegenheiten. Run genügt/«» freilich, jut Abweisung dieser leichtfertige- Meinung auf den frischen Ton hinzuwrisen, io dem diese leben»kräftigen Gedanken ausgesprochen werden: im Feoerspiel lebenslustiger Witze werden sie auSgespküht. Der stylistische Respekt schon sollte eine tiefere, gerechtere Beurtheilung fordern! Wer aber 6iese seine Ansicht über die Kunst kennt und würdigt, der wird jene späteren anti-hellenischen Stoßseufzer für die eingeborenen Gedankm seiner Seele halten müssen, die er am Ziele seiner literarischen Laufbahn mit letzter LebenSgluth ausströmte.' In der Jugend nämlich wurde jener anti hellenische Sinn versteckt, zurückgedrängt gegen die strömende Sinnenlust, gegen den oft erkünstellen .Rausch für die Freuden de» Fleische«; vor dem Tode bricht er mit der vollen Gewalt eine» in da» Herz gewachsenen Gedankens hervor. Wie Simsen, deffen Tod er selbst einmal so mitfühlbar beschreibt, stürzt er unter den Säulen zusammen, unter denen er so gern und so leidenschaftlich getummelt und die er doch sein ganze« Leben lang angebohrt. Schon im Jahre 1836 spricht er sein Urtheil über Göthe aus, das einer Verdammung nahe kommt. „Keineswegs jedoch leugnete ich bei dieser Gelegenheit den selbstständigen Werth der Göthe'schen Meisterwerke. Sie zieren unser theureS Vaterland, wie schöne Statuen einen Garten zieren, -aber eö sind Statuen. Man kann sich darin verlieben, aber sie sind unfruchtbar; die Göthe'schen Dichtungen bringen nicht die Thal hervor, wie die Schiller'schen. Die That ist daS Kind des Wortes, und die Göthe'schen schönen Worte sind kinderlos. DaS ist der Fluch alle« dessen, waS durch die Kunst entstanden ist. Die Statue, die der Pygmalion verfertigte, war ein schönes Weib, sogar der Meister verliebte sich darin, sie wurde lebendig unter seinen Küssen, aber so viel wir wissen, hat sie nie. Kinder bekonimen." Nie hat ein „Nazarener", wie Heine die Spiritualisten in der weitesten Bedeutung neünt, indem er das Charakteristische der jüdisch-christlichen und der hellenischen Weltanschauung sehr treffend herausfindet, nie hat ein „Nazarener" einen so unhellenischen Gedanken ausgesprochen, wie dieser Heinc'sche ist. „Das ist der Fluch alles dessen, waS durch dicZKunst entstanden ist." Sind diese verrätherischen Worte nicht der Wicdcrhall jene» Donner» vom Sinai: Du sollst dir kein Bildniß machen, noch irgend eine Gestalt! Ja. hier ist der springende Punkt, auö dem Heine's Doppelnatur begreiflich wird. Wer ihn hier nicht faßt dem wird er beständig ei» Räthscl bleiben. Soweit der Gedanke von der Ebenwürdigkeit der Materie hellenisch.panthcistisch, d. i. polytheistisch-pantheistisch ist, soweit ihm Göthe huldigt, hält er ihn von sich fern, sucht sich von dem „Fluche" zu reinig»». Soweit dieser Gedanke aber jüdisch-panth.'eistisch, ' d. i. monotheistisch-pantheistisch ist, soweit ihn Spinoza, lehrt, hält er ihn fest und giebt ihm seine volle Anwendung in Kunst und Leben. ES ist wahrlich keine gesuchte Analogie, wenn wir hier auf den Gedanken Spinoza'» in seiner Vorrede zu,» dritlen Buche der Ethik Hinweisen, wo er sagt, die Leidenschaften seien nicht Auswüchse und fehlerhafte Bildungen der menschlichen Natur, sie seien denselben Gesehen unterworfen, nach denen alles Normale abläuft. Er wolle die mcnschlicheu Leidenschaften behandeln, als ob die Untersuchung Linien, Flächen oder Körper be-, träfe. Unter dem Einfluß diese« schaurig-großen Gedankens steht'* der Heinc'sche sogenannte Hellenismus. Daß man nicht diese „gemäß den Gesetzen der Natur" erfolgenden Begierden und Leidenschaften von einem auf die Dauer heillosen Spiritualismus auö als teuflisch verdammen, daß man nicht allen natürlichen Trieb abtödten dürfe, daS hat er von Spinoza gelernt oder soweit fühlt er sich mit Spinoza wahlverwandt. Die Gleichachtung aller na

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